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Schneeberg kämpft noch drei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr mit den Folgen

Schneeberg kämpft noch drei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr mit den Folgen

Nicht gerade streng wird man am Haupttor der ehemaligen Gebirgsjägerkaserne oberhalb des erzgebirgischen Schneeberg nach seinem Begehr gefragt.

Besucher sind hier eigentlich willkommen. Vor allem solche in größeren dunklen Limousinen, die einen großzügigen Bankkredit und Pläne für die Nutzung des 50 Hektar großen Areals und seiner Gebäude mitbringen. Denn drei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr, 300 Jahre nach Beginn der Militärtradition in Schneeberg sind zwar die Eigentumsfragen geregelt, die Folgen für die Region aber noch keineswegs ausgeglichen. Und stünde nicht die aktuelle Bundeswehrreform mit weiteren Standortschließungen an, interessierte sich kaum mehr als die Lokalpresse für den am Konferenztisch einst heiß umkämpften sächsischen Standort.

Heute braucht man schon etwas Phantasie, sich noch Soldaten auf dem Gelände vorzustellen. Der erste Eindruck lässt eher ein großes Schulungszentrum mit Restaurant, Schwimmhalle und attraktiven Sportanlagen vermuten. Vielleicht sogar eine Ferienkolonie, aber die Wohngebäude mit ihren Spitzdächern können ihren Kasernencharakter nicht verbergen. In den ehemaligen Fahrzeughallen am Rande hat sich schon Kleingewerbe angesiedelt. Der ehemalige Kletterturm ist verkleidet, die Sickergruben sind zu Biotopen umgestaltet worden. Und auf einer Wiese weiden Alpakas.

Nicht so willkommen in Schneeberg waren zunächst jene Asylbewerber, die dem Besucher entgegenschlendern. In einem Wohngebäude sind sie untergebracht. Die Chemnitzer Ausländerbehörde hat das Provisorium soeben bis zum kommenden Februar verlängert. Aus einem kleinen Lieferwagen steigt Johannes Hahn. Vor seiner Rente arbeitete er schon in der damaligen Volksarmee-Kaserne als Elektriker. Heute führt er als Hausmeister potenzielle Mieter und Investoren durchs Gelände. "Mit blutendem Herzen" angesichts der verwaisten Gebäude. Ein für fast 70 Millionen Euro perfekt sanierter und ausgebauter Bundeswehrstandort für

1500 Dienstposten, überwiegend Zeitsoldaten aus der Region, und 130 Zivilbedienstete. Zum Teil wurde noch nach dem auf die Bundeswehrreform von Verteidigungsminister Peter Struck 2004 zurückgehenden Schließungsbeschluss gebaut.

Das Stabsgebäude mit 16 Hörsälen, die riesige Kantine, die Sportplätze, Sporthalle, Kegelbahn, Sauna und vor allem die 25-Meter-Schwimmhalle wirken denn auch so, als könnten sie schon morgen wieder in Betrieb genommen werden. In der Schwimmhalle hängt wie eine Reliquie auf einem Bügel noch der Badeanzug der letzten Schwimmerin 2009.

Bürgermeister Frieder Stimpel (CDU) hat darum gekämpft, dass nach dem Abzug der Gebirgsjäger die übernehmende Bundesanstalt für Immobilienaufgaben die technische Infrastruktur nicht anrührt und die Hallen etwa entkernt. Ein Grund mehr für eine Lackiererei, eine "Bürstenbude", einen Landschaftspflegebetrieb oder einen Bilderrahmenhersteller, hier Gewerbeflächen zu mieten.

Doch Stimpel schildert auch, welchen Einschnitt der Abzug, das Ende einer dreihundertjährigen Militärtradition für eine Region bedeutete, die mit dem Ende des Uranbergbaus der Wismut 1990 schon einmal nahezu aussichtslos zurückgeworfen wurde. Kaufkraft und Steuereinnahmen sind gesunken, Soldatenfamilien weggezogen. "Der demografische Wandel ist regional noch verschärft worden", sagt Stimpel. Eine Studie des ehemaligen Direktors des Institutes für Wirtschaftsforschung Halle Ulrich Blum errechnete, dass ersatzweise 900 Arbeitsplätze geschaffen und dafür 150 Millionen Euro investiert werden müssten. Noch immer reagieren auch Schneeberger Bürger allergisch auf das Thema Bundeswehr.

Im fünf Kilometer entfernten Aue hat der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Colditz sein Büro. Auch er hält es für einen "politischen Skandal", dass das Land und die Kommune mit den Konversionsfolgen vom Bund allein gelassen wurden. Ganze zwei Millionen Euro erlöste dessen Immobilienanstalt 2009 schließlich im dritten Anlauf durch den Verkauf des Geländes, wofür der Bund der Steuerzahler den "Schleuder-Sachsen" verlieh. Der neue Eigentümer heißt kurioserweise wiederum Struck, aber Gustav mit Vornamen, hat im bayerischen Kirchham ein Solarunternehmen und schon zwei ehemalige Kasernen erworben. In Schneeberg aber vermietet er die Dächer an andere Solarfirmen. Mehr als 1,2 MW installierte Leistung lassen die Kabel jedoch nicht zu.

Der 70-jährige Struck ist noch ein Unternehmer alter Schule, genießt in Schneeberg Vertrauen und vermietet bewusst, anstatt scheibchenweise zu verkaufen. "Ich möchte die Regie behalten", hält er an der Idee einer Gesamtgestaltung des Geländes fest. Und er sucht sich seriöse Interessenten aus, die Arbeitsplätze schaffen sollen, um die Konversionsfolgen etwas zu mildern. Eben fährt ein Unternehmer aus Neuss in NRW vom Gelände, der in Halle 53 ein Walzgerüst für Nickel-Folien einrichten will und dabei auf die Metallverarbeitungstradition im Erzgebirge setzt. "Ideale Bedingungen", lobt er die Anlage.

Das Problem aber sind die Wohn- und Sozialgebäude auf dem Gelände. "Für eine Schule wären sie optimal", sagt nicht nur Struck. Aber allein die Unterhal- tung der Schwimmhalle würde jährlich eine Viertelmillion kosten. Das überfor- dert interessierte lokale Sportvereine. Und die adventliche Kaninchenzüchterausstellung in der Turnhalle ist nicht mehr als eine Behelfsnutzung. Noch klingt es nach einem Orakel, aber Struck will einen ernsthaften Interessenten für die Einrich- tung eines Internats an der Hand ha- ben. Michael Bartsch

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2011

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