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Radikale Jünger - Buch über fundamentalistische Christen löst in Dresden lebhafte Debatte aus

Radikale Jünger - Buch über fundamentalistische Christen löst in Dresden lebhafte Debatte aus

Ein junger Mann in einer der hinteren Reihen berichtet von seiner Herzkrankheit, die nach einem intensiven Gespräch mit Christen und deren Gebet wie weggeblasen gewesen sei.

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Ein anderer dagegen, kurzer Vollbart, Hornbrille, der am Rande steht, überlegt laut, ob man Christen nicht noch viel mehr verbieten müsse, wo die doch ungestraft minderjährige Kinder tauften. Ein älterer Mann verteidigt den biblischen Schöpfungsbericht und zweifelt die Evolutionstheorie an: "Dabei gewesen ist ja schließlich niemand." Ein anderer wiederum erzählt, wie ihn sein Religionsunterricht zum überzeugten Atheisten habe werden lassen.

Vom frommen Protestanten bis zum entschiedenen Kirchengegner - das Spektrum der Besucher an diesem Abend könnte kaum breiter sein. Moderatorin Annekathrin Giegengack, kirchenpolitische Sprecherin von Bündnis90/Die Grünen im sächsischen Landtag, schafft es kaum, alle zu Wort kommen zu lassen, die sich melden. Als seine "Buchhandlung im Kunsthof" in der Dresdner Neustadt sich bis auf den letzten Platz füllte, hat Christian Bahnsen einen Lautsprecher hinten ins offene Fenster gestellt, damit die draußen Stehenden wenigstens was hören. Einen derartigen Ansturm hat er lange nicht erlebt.

Ausgelöst hat ihn "Mission Gottesreich", ein Buch über fundamentalistische Christen in Deutschland. Oda Lambrecht und Christian Baars, die beiden Verfasser, Journalisten beim ARD-Fernsehen in Hamburg, stellen es vor und provozieren damit eine lebhafte Diskussion. "Wir haben zahlreiche fundamentalistische Gemeinden und Veranstaltungen besucht, mit Gemeindemitgliedern, Aussteigern, Predigern und Theologen gesprochen, Internetforen beobachtet, viele Bücher und Zeitschriften von bibeltreuen Christen gelesen, unzählige Predigten gehört", erklären sie in ihrem Buch.

Sie stellen Beispiele dafür dar, wie Christen Homosexualität als Sünde anprangern und so Druck auf Schwule und Lesben ausüben, wie an evangelischen Bekenntnisschulen der Kreationismus - eine moderne, einzig der Bibel folgende Schöpfungstheorie - im Biologieunterricht gelehrt wird, welche autoritären Erziehungsformen manche aus der Heiligen Schrift ableiten, wie in evangeli- kalen Ratgeberbüchern sogar empfohlen wird, widerspenstige Kinder zu schlagen, wie Jugendliche auf aggres- sive Weise für gefährliche Missionseinsätze in mehrheitlich muslimischen Ländern geschult werden. Ein anschaulich und sachlich geschriebenes Buch, faktenreich, gründlich recherchiert, das mit Sach- und Personenregister zu einem verlässlichen Nachschlagewerk wird, wenn es um aktuelle Tendenzen im fundamentalistischen Spektrum von Christen in Freikirchen und evangelischen Landeskirchen geht - Katholiken und andere Konfessionen lassen die Autoren unberücksichtigt.

Das meiste, was ihnen begegnete, finden sie beängstigend. Sie sehen durch Bevormundung die Freiheitsrechte von Menschen eingeschränkt, werten den Kreationismus als Angriff auf die unabhängige Wissenschaft, sehen im religiösen Absolutheitsanspruch eine Gefahr für die Demokratie. Fundamentalismus beginnt für sie nicht erst bei Machtmissbrauch, Kontrolle und strengen Hierarchien im Gemeindealltag. "Wir definieren ihn über das Bibelverständnis" erläutert Oda Lambrecht. "Im Gegensatz zur historisch-kritischen Interpretation legen Fundamentalisten die Bibel sehr eng aus, verstehen sie in Teilen wortwörtlich, lesen sie als Vorschriftenbuch." Die Heilige Schrift als enges Korsett, um Haltung zu bewahren.

Jüngstes Beispiel dafür in Sachsen sind die Debatten um die Öffnung evangelischer Pfarrhäuser für Theologen in eingetragener gleichgeschlechtlicher Partnerschaft. Die Landessynode hatte beschlossen, die Entscheidung den Kirchenvorständen anheim zu stellen. Ein "Evangelisationsteam" kann auch mit dieser Entscheidungsfreiheit nicht leben. Sie fordern das Verbot homosexueller Partnerschaften von Pfarrern flächendeckend, allein dies sei bibelgemäß, also Gottes Wille.

Die Fundamentalisten machen die Buchautoren in den Reihen der Evangelischen Allianz aus, einem internationalen Dachverband für bibelorientierte, entschiedene Christen, Gruppen, Verbände und Gemeinden. Zwar stellten diese Evangelikalen in Deutschland keine einheitliche Gruppe dar, räumen die Autoren ein. "Doch eine große Mehrheit beruft sich auf gemeinsame fundamentalistische Grundsätze." Das sieht Harald Lamprecht, Weltanschauungs- und Sektenbeauftragter der sächsischen Landeskirche, anders. Zweifelsohne finde man bei manchen Mitgliedern der Evangelischen Allianz fundamentalistisches Denken. "Aber die meisten Evangelikalen sind keine Fundamentalisten." Er warnt davor, pauschal jeden bibelfrommen Christen unter Fundamentalismusverdacht zu stellen.

Tomas Gärtner

Buch : Oda Lambrecht, Christian Bahrs: Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links Verlag. 256 S., 16,90 Euro

Fundamentalismus : "Fundamentalisten halten ihre Form des Glaubens oder ihre Ideologie für die einzig richtige und einzig wahre. Andere Überzeugungen lehnen sie ab." (Lambrecht / Baars)

Evangelikale : "Grundsätzlich ist die 'Evangelikale Bewegung' eine Sammelbezeichnung für Organisationen, deren Mitglieder sich als 'bibelorientierte entschiedene Christen' verstehen und sich in diesem Selbstverständnis in besonderer Weise in einen 'Kampf gegen die Gefährdung christlicher Maßstäbe in der Gesellschaft' eingebunden sehen." (Lambrecht / Baars)

Motive : "Der christliche Fundamentalismus kann als Gegenkonzept zur Moderne verstanden werden. Viele Theologen sehen in ihm eine Antwort auf Moderni- sierungsprozesse, Individualisierung und zunehmende Unsicherheit in einer pluralistischen Gesellschaft." (Lambrecht / Baars)

Zahlen : genaue Angaben existieren nicht; "Deutsche Evangelische Allianz" spricht von rund 1,3 Millionen "bekennenden Christen" in Deutschland; nach groben Schätzungen je zur Hälfte in Freikirchen, unabhängigen Gemeinden und in evangelischen Landeskirchen gä

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.07.2012

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