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Kritik am MDR: Die Angebote des Senders für Hörgeschädigte reichen dem sächsischen Behinderten-Beauftragten, Stephan Pöhler, nicht aus

Kritik am MDR: Die Angebote des Senders für Hörgeschädigte reichen dem sächsischen Behinderten-Beauftragten, Stephan Pöhler, nicht aus

Laut UN-Konvention soll behinderten Menschen die umfassende Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht werden. Dazu gehört auch der Zugang zu Informationen.

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Quelle: SMS

Dresden . Hier stehen vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wie der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in der Verantwortung. Angebote gibt es bereits, für den Behindertenbeauftragten des Freistaats Sachsen, Stephan Pöhler, gehen sie jedoch noch nicht weit genug.

Von Ingolf Pleil

Wenn ein gehörloser Mensch fernsehen will, muss er vor allem auf den Videotext hoffen. Auf Texttafel 150 beispielsweise bietet der MDR Untertitel an, wenn er welche anbietet. Allzu oft werden Gehörlose noch enttäuscht. 15 bis 20 Prozent des Angebots beim Heimatsender, so schätzt der Behindertenbeauftragte des Freistaats, ist derzeit mit Untertiteln versehen. "Andere Rundfunkanstalten sind da viel weiter", meint Pöhler und verweist beispielsweise auf den Westdeutschen Rundfunk, bei dem über 50 Prozent der Sendungen mit Untertiteln versehen sind.

Doch selbst die Untertitel sind für gehörlose Menschen nicht unproblematisch. "Umfassende Teilhabe heißt Zugang über Gebärdendolmetscher und Untertitel", stellt Pöhler fest. Häufig helfe die Videotext-Unterstützung nicht weiter. "Untertitel werden nicht von jedem verstanden", erläutert Pöhler. Die "Muttersprache" von Gehörlosen ist die Gebärdensprache, bei der es beispielsweise einen anderen Satzbau gebe. Wirklich hilfreich sei deshalb ein Gebärdendolmetscher, bei deren Ausbildung Sachsen führend sei. Pöhler weiß, wovon er spricht. Der 60-jährige gebürtige Zwickauer leitet seit 1991 die von ihm geschaffene Landesdolmetscherzentrale für Gehörlose in seiner Heimatstadt. Da hatte der gelernte Betriebsschlosser bereits ein Fachhochschul- und eine Fachschulstudium als Ingenieurökonom beziehungsweise als Berufspädagoge absolviert.

Doch gerade die Gebärdensprache ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Damit unterhält er sich mit Vater und Mutter. Durch seine gehörlosen Eltern erlebte Pöhler die besondere Situation gehörloser Menschen hautnah. Selbstständig erlernte er die deutsche Gebärdensprache. Heute ist er Staatlich anerkannter Gebärdensprachdolmetscher und Ausbildungsleiter des berufsbegleitenden Studienganges Gebärdensprachdolmetschen in Sachsen, den er 1993 als deutschlandweit erste Institution dieser Art maßgeblich mit aus der Taufe hob. Parallel entwickelte er Gebärdensprachkurse und initiierte den Aufbau eines Callcenters für Gehörlose in Sachsen (2002).

Seit 2005 gehört in diese Reihe der Verdienste auch das Amt als Behindertenbeauftragter, eine ehrenamtliche Aufgabe. Seither "ist es ein ständiges Ringen" bei den Verantwortlichen des MDR, die Barrierefreiheit für Behinderte ins Bewusstsein zu rücken. MDR-Fernsehchef Wolf-Dieter Jacobi nennt keine Zahlen zum Anteil an Sendungen mit Untertiteln oder Gebärdendolmetscher in seinem Programm. Auf DNN-Anfrage verweist er auf verschiedene Angebote mit Untertiteln: MDR um zwölf (seit Anfang Mai), MDR aktuell, Sport im Osten, die Sendung "Sehen statt Hören". Für die ARD produzierte Sendungen wie die Serien "Sturm der Liebe", "Um Himmels willen" oder "In aller Freundschaft" gehören genauso dazu wie Talkshows. Schließlich verweist Jacobi auch auf untertitelte Übernahmen aus der ARD: Tatort, Polizeiruf, Spiel-, Tier- und Naturfilme.

Ein Beispiel für eine mit Gebärdensprache übersetzte Sendung fehlt jedoch. Ende April ist mit der analogen Satellitenverbreitung auch die "Länderzeit" - ein Mix aus den regionalen 19-Uhr-Magazinen der Dreiländeranstalt - entfallen und damit auch die einzige Sendung mit Gebärdendolmetscher. Noch im Mai soll mit "MDR um zwölf" wieder eine Sendung einen Dolmetscher erhalten, der wird jedoch erst auftauchen, wenn die Sendung in der Mediathek des MDR erscheint. "Im Idealfall" (Jacobi) stehen ausgewählte Sendungen maximal zwei Stunden nach Sendungsende dort zum Abruf bereit.

"Für 2013 strebt der MDR einen weiteren Ausbau der Untertitelung seiner Fernsehsendungen an", kündigt der Fernsehdirektor an. Auch der "Sachsenspiegel" und die Magazine aus Thüringen und Sachsen-Anhalt sollen Anfang des Jahres dabei sein. "Ein ambitioniertes Ziel", meint Jacobi. Meist umschreibt das Zweifel. Aber natürlich werde der Sender die Belange Behinderter im Blick behalten und auch mit den entsprechenden Verbänden den Dialog suchen, versichert der Fernsehchef grundsätzlich. "Unser Anspruch, die Empfangsmöglichkeiten für Gehörlose zu verbessern, ist eine technisch sehr anspruchsvolle Aufgabe, die sich nur mit größeren Investitionen umsetzen lässt", fügt Jacobi noch hinzu.

Pöhler beobachtet das alles, zufrieden ist er nicht. Seine klare Bilanz: "Die Fortschritte bei der Barrierefreiheit für Hörbehinderte sind sehr marginal." Gemeinsam mit seine Mitstreitern in den anderen beiden Ländern sucht er jetzt das Gespräch mit der neuen MDR-Intendantin Karola Wille, "um bestimmte Dinge anzusprechen".

Doch das Ganze ist offensichtlich auch ein strukturelles Problem. Im Rundfunkrat haben zwar Stalinismusopfer, Kirchen und Wirtschaftsverbände laut MDR-Staatsvertrag ihre Sitze garantiert. Vom Verband der Behinderten ist dort jedoch keine Rede, dabei gibt es allein in Sachsen rund 600 000 Menschen mit Behinderung. Für viele fällt mit dem neuen Modell ab 2013 auch die Gebührenbefreiung weg.

Am Geld dürften die Angebote für Behinderte daher auch nicht scheitern, macht Pöhler klar. "Das ist kein technisches oder finanzielles Problem", meint der Beauftragte. "Es muss ein Bewusstsein entwickelt werden, bei allen Fragestellungen an Menschen mit Behinderung zu denken", fügt Pöhler hinzu. Und denkt an viel mehr als nur den MDR.

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