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Helleraus Ex-Forschungs-Direktor zu Vorwürfen gegen Ikea: "Im Gefängnis Waldheim wurde kein Sofa gebaut"

Helleraus Ex-Forschungs-Direktor zu Vorwürfen gegen Ikea: "Im Gefängnis Waldheim wurde kein Sofa gebaut"

Dietrich Meister ist befördert worden. Egal ob Zeitung, Fernsehen oder Internet - viele deutsche Medien hatten ihn in ihren Berichten zur Häftlingsarbeit für Ikea als früheren "Chef des VE Möbelkombinats Dresden-Hellerau" zitiert.

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Dietrich Meister, bis 1990 Direktor des Forschungszentrums Hellerau, fragt sich, warum nur Ikea im Fokus der Aufregung steht, wo doch auch viele andere Firmen von Häftlingsarbeit in der DDR profitiert haben dürften.

Quelle: bast

Dresden . Der fast 80-jährige Dresdner war tatsächlich bis 1990 in Hellerau beschäftigt, sogar als "Reisekader". "Aber ich war nicht Kombinatsdirektor, sondern über 20 Jahre lang Direktor des Forschungszentrums für Polstermöbel", sagte er gestern den DNN.

Ein Fernsehteam des schwedischen Senders SVT war mit seiner am Mittwoch ausgestrahlten Dokumentation Vorwürfen gegen den schwedischen Möbelriesen Ikea nachgegangen und hatte damit für viel Wirbel in Deutschland gesorgt. Für seine Recherchen hatte es im März auch Dietrich Meister kontaktiert. Auf ihn gekommen waren die Journalisten über das Stadtarchiv Waldheim, zu dem Meister seit längerem enge Verbindung hält, um alte Dokumente aufzutreiben. Denn er ist gerade dabei, gemeinsam mit früheren Weggefährten die Geschichte der Möbelindustrie von den Anfängen bis heute zu erforschen.

"Die Schweden kamen zum Gespräch ins Stuhlmuseum Rabenau. Sie wollten wissen, welchen Anteil Waldheims Häftlinge an der Produktion von Ikea-Möbeln im VEB Sitzmöbelwerk Waldheim hatten, das ja zum Hellerauer Möbelkombinat gehörte. "Das kann ich aber nicht sagen. Ich denke, dieser Anteil könnte bei einem bis drei Prozent gelegen haben. Aber für Details müssen sie die zwei Meister fragen, die damals dort Zutritt hatten, die Material geliefert und die fertigen Teile abgeholt haben".

Mitnichten sei übrigens das Kultsofa Klippan im Waldheimer Gefängnis entstanden: "Dort wurden Bauteile gefertigt, in der Regel Spanplatten für die Grundkonstruktion von Sitzmöbeln", erläutert der altgediente Hellerauer. Die seien dann im VEB Sitzmöbelwerk Waldheim zu fertigen Produkten verarbeitet worden.

Meister wiederholt, dass er Arbeit im Gefängnis damals wie heute für einen Weg halte, der "die Strafgefangenen in die Gesellschaft zurückbringt". Die Zuarbeit von dort sei "nichts Geheimes" gewesen. Dass es moralisch und ethisch verwerflich ist, wenn zu Unrecht eingesperrte politische Häftlinge auch noch als Devisenbringer für den Staat arbeiten, streitet Meister nicht ab. Doch verstehe er nicht, warum dann nur Ikea am Pranger stehe. Zuarbeiten auch aus anderen ostdeutschen Haftanstalten habe es doch für viele Firmen in Europa gegeben. "Und die Teile aus dem Waldheimer Gefängnis steckten in allen Möbeln, die das damalige Kombinat für die Sowjetunion, für die Bundesrepublik und Länder wie Schweden oder Österreich produziert hat. Die sind auch auf dem ostdeutschen Binnenmarkt gelandet".

Meister weiß, wovon er spricht. In seinem kombinatseigenen Institut wurde damals oft geprüft, ob auch die Aufträge für Sitzmöbel aus dem "nichtsozialistischen Ausland" erfüllbar waren. Beispiel Ikea: Üblich war, dass die Ikea-Verkäufer auf Messen wie der Möbelmesse Köln mit ihren Vorstellungen kamen. In Hellerau fertigte man schließlich Muster, ehe man die Besteller zur Hausmesse einlud, verfeinerte Wünsche umsetzte und irgendwann Verträge aufsetzte. Danach, so Meister, seien die Vertreter des "Sozialistischen Großhandelsbetriebs Möbel" eingeladen worden, denen man die Produkte auch für den Binnenmarkt schmackhaft gemacht habe. "Wir mussten schließlich in Masse produzieren, sonst hätten wir die Preise nie halten können" erklärte er.

Zum VE Möbelkombinat Dresden-Hellerau gehörten damals 80 Betriebe mit insgesamt 24 000 Beschäftigten. 50 Prozent der Produkte wurden Schätzungen zufolge exportiert, davon etwa 20 Prozent in die damalige Sowjetunion und 30 Prozent für Westeuropa und den deutschen Nachbarn. Nach Italien übrigens wurde nie exportiert: Die extrem niedrigen Löhne dort konnte selbst der Osten nicht unterbieten...

Barbara Stock

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.05.2012

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