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"Eine erlebte Reformation" - Der frühere Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider aus Dresden im DNN-Interview

"Eine erlebte Reformation" - Der frühere Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider aus Dresden im DNN-Interview

Am Buß- und Bettag ging die Friedensdekade 2011 zu Ende. Unter dem Motto "Gier Macht Krieg" fanden Andachten, Leseforen oder Konzerte statt. Ohne Harald Bretschneider hätte es die Friedensdekade in Ostdeutschland in dieser Form vermutlich nicht gegeben.

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Frieden schaffen ohne Waffen - Schwerter zu Pflugscharen: Harald Bertschneider mit der Originalvorlage der evangelischen Friedensaktion in der DDR (r.) Links die bekannten Aufnäher, die unter DDR-Jugendlichen begehrt waren und oft auf Jackenärmeln getragen wurden.

Quelle: dpa

Dresden . Der frühere evangelische Landesjugendpfarrer aus Dresden wurde für sein Engagement besonders in den 80er Jahren am Reformationstag mit der Martin-Luther-Medaille geehrt (DNN berichteten). Wir sprachen mit ihm, über das, was war, und das, was davon geblieben ist.

Frage: Gier Macht Krieg. Was können Sie mit den drei Reizworten anfangen?

Harald Bretschneider: Sie sagen mir sehr viel. Die Gier von Menschen ist eine Eigenschaft, die Gesellschaft mürbe und zerstörerisch macht. Macht ist nicht grundsätzlich verwerflich. Aber wer als Mächtiger glaubt, sich zum Herren der Welt machen zu können, der betreibt Missbrauch. Und: Jede Macht, die auf Unrecht gründet, trägt den Keim eigener Vernichtung in sich. Das habe ich schon 1984 gesagt, mit entsprechend aufgeregten Reaktionen der Staatsmacht.

Und schließlich Krieg...

... den spüren wir leider derzeit in Ländern, in denen Macht und Gier ihr Unwesen trieben. Die Friedensdekade hat ein hochaktuelles Motto gewählt.

" Und raus bist du"

Vor fünf Jahren amüsierten sich manche über die zwei Mensch-ärgere-dich-Männchen und das Thema "Und raus bist du". Ist die Friedensdekade heute schärfer?

Ja, sie reagiert auf die Zuspitzungen in der Welt. Nehmen Sie die Finanzmarktkrise: So lange über Entwicklungen geredet wurde, die zunächst nur die großen Banken betrafen, reagierten die Menschen darauf nicht. Wenn aber die kleinen Leute um ihre Ersparnisse zittern müssen und sie die Folgen betriebswirtschaftlich unverantwortbarer Fehler ausbaden müssen, dann wird die Finanzkrise plötzlich zur persönlichen Krise. Mir war immer wichtig, an den Satz zu erinnern: Man kann nicht Gewinne privatisieren und Probleme sozialisieren.

Lassen sich Friedensdekaden vor und nach der Wende vergleichen?

Ja und nein. Vor und nach 1989 gab und gibt es engagierte Menschen, die sich um die Lage der Welt sorgen und bestehende Missstände verändern wollen. Der Unterschied ist, heute ist die Friedensdekade wesentlich dezentraler. Die inhaltliche Ausgestaltung liegt in den Händen der örtlichen Friedensgruppen und nicht mehr wie zu DDR-Zeiten in Verantwortung des Bundes der Evangelischen Kirche.

An welches Jahr der Friedensdekade können Sie sich besonders erinnern?

Natürlich an die Jahre 1980 und 81. 1980 habe ich die Friedensdekade initiiert, dafür gab es mehrere Gründe. Der wichtigste war die unheimliche Militarisierung der Welt, besonders in Mitteleuropa und eben auch in der DDR. Daran hatte die Sowjetunion maßgeblichen Anteil, denn sie betrieb mit Nachdruck die Modernisierung ihrer Atomraketen auf dem Gebiet der DDR. Die Jugendlichen hat das damals hier sehr belastet, weil sie wussten, sie müssten diesen Wahnsinn im Ernstfall mit ihrem Leben bezahlen. Deshalb stieß die Idee einer Friedensdekade gerade bei Jugendlichen auf großes Interesse.

Sie brauchten aber auch ein Symbol dieser Bewegung. Wie kamen Sie auf das Zeichen "Schwerter zu Pflugscharen" auf Aufnähern und Lesezeichen?

Der liebe Gott hat mir damals zum Glück ein paar gute Ideen geschenkt. Zunächst der Einfall mit dem biblischen Zitat "Schwerter zu Pflugscharen" aus Jesaja 2,4 und Micha 4,3. Der jüdische König Hiskia folgte nicht den verstehbaren Ratschlägen seiner militärischen Berater, sondern dem Rat des Propheten Micha. Er besann sich auf Gott und tat Buße. Wunderbarer Weise bewirkte das den Abzug der Jerusalem belagernden assyrischen Truppen. Bei ihnen war die Pest ausgebrochen.

Deswegen der Bußtag als Finale?

Ja, deswegen habe ich die Friedensdekade mit dem Bußtag verbunden. Denn das christliche Friedenszeugnis kann die Schuld nicht nur auf die Anderen schieben. Es kennt auch die eigenen Fehler und Schuldanteile an der jeweiligen Situation. Es rechnet mit Gottes Möglichkeiten, trotz menschlicher Unmöglichkeiten.

Und wie wurde das entwaffnete Schwert zum begehrten Aufnäher?

Die Plastik des russischen Bildhauers Jewgeni Wutschetisch diente für unsere Lesezeichen und Aufnäher als Vorlage. Hinzu kam die Eingebung, die ersten Lesezeichen auf Vlies zu drucken. Das zählte in der DDR nämlich als Textiloberflächenveredlung, dafür brauchte man keine Druckgenehmigung.

Haben Sie eine Ahnung, wieviel etwa im Umlauf waren?

Ja, das weiß ich genau. 1980 wurden zunächst 100 000 Lesezeichen gedruckt, 1981 waren es dann 100 000 Aufnäher und 100 000 Lesezeichen. Die habe ich dann meist mit dem PKW-Anhänger an die anderen Landesjugendpfarrer oder zu den Jungen Gemeinden ausgefahren und verteilt. Nur leider kam mit den Aufnähern dann der Verfolgungswahn.

Weil viele Jugendliche Schwerter zu Pflugscharen am Jackenärmel trugen und selbst Lesezeichen aufnähten...

... ja, das war den DDR-Oberen zuviel. 1982 dann besagte eine Verordnung aus dem Mielke-Ministerium, dass die Lesezeichen und Aufnäher der Wehrauffassung der Nationalen Volksarmee widersprechen. Wörtlich hieß es, dass mit tschekistischen Mitteln dagegen vorgegangen werden sollte. Praktisch war damit alles erlaubt, um die Symbole zu entfernen und deren Träger zu schikanieren, es sollte möglichst nur nicht auffallen.

Trotzdem blieb das Zeichen und wurde zum Symbol auch der Friedensdekade. Wie kam das?

Weil die Überreaktion gegen kirchlichen Pazifismus auch staatliche Verantwortliche nachdenklich machte. Vom Staatssekretariat für Kirchenfragen hieß es, das Zeichen dürfe als Marke der Friedensdekade erhalten bleiben. Es durfte aber nicht mehr ausschneidbar und aufnähbar sein, die Plastik musste überdruckt werden. So kam es auf Papier.

Wann wurde es Ihnen zu heiß? Haben Sie Fluchtpläne aus der DDR gehegt?

Ja, aber nur als Student, als ich mit einer Frau aus dem Westen näher bekannt war. Danach haben mich zwar Ängste geplagt und es wurde mir oft zu heiß hier. Aber die Frage war dann eher: Lässt man mich nach einer Veranstaltung noch abends zurück nach Hause? Von meiner Frau habe ich mich manchmal verabschiedet, ohne die Antwort zu kennen.

Erbarmen macht Frieden

Sie haben mal beklagt, viele seien 1989 nur für die Westmark auf die Straße gegangen. Was ist vom Herbst 89 trotzdem geblieben?

Vor allem das Wunder, wie sehr ein Bibelwort wirken kann. Es hat die Diktatur ins Wanken gebracht. "Schwerter zu Pflugscharen" war der Anfang, die Bürgerrechtler im Herbst 1989 mit den Schärpen "Keine Gewalt" waren die Folge. Das war schon eine erlebte Reformation: Jugendliche nahmen die Aufnäher mit in die Schule, Lehrer wurden neugierig und suchten in Omas Bibel, was da steht und diskutierten mit den Schülern. Auch heute ist für mich Kirche die Institution, die auf Fehlentwicklungen in der Welt mit christlichen Werteverständnis antworten kann. Wenn es ihr gelingt, auf Gier, Macht und Krieg glaubwürdig mit "Erbarmen macht Frieden" zu antworten, dann hat sie auch gute Chancen, gehört zu werden.

Interview:

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.11.2011

Olaf Majer

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