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Dresdner Hoffnung für Syrien - Younes Bahram ist für viele zur digitalen Zuflucht geworden

Dresdner Hoffnung für Syrien - Younes Bahram ist für viele zur digitalen Zuflucht geworden

Younes Bahram ist Repräsentant einer kurdisch-syrischen Oppositionsbewegung. Der Politikwissenschaftler hat Syrien vor 25 Jahren verlassen, um in Dresden zu studieren.

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Der Kurde Younes Bahram verkauft in seinem Orientsupermarkt in der Neustadt Köstlichkeiten des Morgenlandes. In dem dortigen Büro des Oppositionellen laufen in diesem Tagen viele Hilfegesuche aus der Heimat Syrien ein.

Quelle: Christian Juppe

Von Katrin Tominski

Younes Bahram ist Repräsentant einer kurdisch-syrischen Oppositionsbewegung. Der Politikwissenschaftler hat Syrien vor 25 Jahren verlassen, um in Dresden zu studieren. Mit der DNN sprach der Kurde über die politische Situation in seiner Heimat.

Younes Bahram spricht leise und mit fester Stimme. Er schenkt Kaffee ein, rückt seinen Stuhl zurecht und rührt den Zucker ein. An den Wänden seines Zwei-Quadratmeter-Büros hängen Bilder, Fotos, Erinnerungen. Auf dem Bildschirm schaut eine junge syrische Frau aus ihrem Facebook-Profil in die Welt. Bald wird er von ihr erzählen. Dann wird seine Stimme stocken und er mit der Maus über den Monitor fahren. Doch erst einmal klingelt sein Telefon.

Younes Bahram ist Poet und Oppositioneller, Kurde und Dresdner, Familienvater und Dolmetscher. Er hat vor langer Zeit sein Land verlassen und wird in diesen Tagen selbst zur Zuflucht. Vor dem Hunger, dem Schmerz, der Hoffnungslosigkeit und vielleicht auch dem Tod. Erst gestern haben ihm verzweifelte Menschen geschrieben. Menschen, die in Syrien verfolgt werden, flüchten, ausharren und hoffen. "Ist es wirklich so schlimm?", erreichen den Kurden in diesen Tagen die Fragen vieler Dresdner. "Ja", sagt er dann und nickt. "Es ist schlimm. Sehr schlimm. Viel schlimmer als man denkt." Die Menschen flüchten, hungern und sterben. Syrien befindet sich im Krieg. Über 1,2 Millionen Menschen sind derzeit allein im Landesinneren auf der Flucht. Täglich verlieren Hunderte ihr Leben. Der August ist nach Meldung der Rebellengruppen mit rund 5000 Toten der blutigste Monat seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad vor 17 Monaten.

Die Zahlen kennt Bahram alle. Abseits der offiziellen Meldungen weiß er jedoch auch um Schicksale in Syrien. "Die Menschen werden systematisch getötet", erklärt er. "Viele sind in die Dörfer geflohen." Dort fehle es jedoch an Wasser und Nahrung. "Es droht eine ernsthafte Hungersnot", mahnt Bahram. Er nestelt seine arabische Tastatur aus dem Regal und schließt sie an den Computer an. Über Facebook erreichen ihn tagtäglich die Meldungen seiner Landsleute. Sie hoffen auf Hilfe, suchen ihre Angehörigen oder wollen einen Rat von ihm.

Younes Bahram ist Mitglied der syrisch-kurdischen Opposition, die aus dem kurdischen Nationalrat hervorgegangen ist. Mit Verbündeten aus Paris und Kairo versucht er, den Menschen in Syrien zu helfen und Verhandlungen zu leiten. "Die arabische Liga hat der syrischen Opposition in Kairo Büros zur Verfügung gestellt." Weitere Details möchte der Familienvater nicht nennen. Zu gefährlich, zu riskant. Allein eine Reise nach Syrien sei ein Todesurteil. Bahram zeigt ein Foto seines Freundes bei Facebook. Auch er war Oppositioneller. In Syrien. Sie kannten sich seit Kindertagen. "Jetzt ist er tot", sagt Bahram. "Der syrische Geheimdienst hat ihn umgebracht."

Bahram fährt mit der Maus weiter über den Monitor. Dort zeigt er Bilder von Leichen, zerfetzt und unter Trümmern begraben. Bilder aus Syrien. Bilder, auf denen das Leben zur Unkenntlichkeit verstellt ist, die in ihrer Brutalität sprachlos machen. Bilder, die zeigen, dass Krieg noch immer genauso grausam ist wie vor 100 Jahren. Viele Menschen, die sich bei dem Oppositionellen via Facebook und Skype melden, wollen wissen, wo sie sicher sind und wo es Nahrung, Medikamente und Wasser gibt. "Mittlerweile sind die Schulen geschlossen und dienen als Flüchtlingslager", erzählt der Kurde.

Dann erscheint wieder das Foto der syrischen Frau. Sie ist jung, hübsch und lächelt. Bahrams Lächeln hingegen ist entschwunden. "Gestern hat mich eine Familie angeschrieben - das hat mir fast das Herz gebrochen", erzählt er. Darunter sei auch dieses Mädchen gewesen. "Sie sucht ihren Vater", erklärt Bahram, der selbst dreifacher Vater ist. Er hat nicht helfen können. "Ich glaube, er ist tot", sagt der Dresdner mit belegter Stimme.

Vor 25 Jahren hat er Syrien verlassen. Weil die Kurden 1962 ihre Staatsbürgerschaft verloren, galten sie als Ausländer im eigenen Land. Bahram durfte nicht studieren, deswegen wollte er weg. Das Internationale Solidaritätskomitee der DDR bot ihm in Dresden einen Studienplatz an. "Ich wollte eigentlich Kinematographie studieren", erinnert er sich. Dann sei es aber leider medizintechnische Radiologie geworden. "Ich vermute, es war ein Übersetzungsfehler", erklärt der Diplom-Ingenieur. "Als ich den Direktor darauf ansprach, meinte er, ich könne gern den nächsten Flug zurück nach Damaskus nehmen, das wollte ich natürlich nicht."

Weil er es aber trotzdem nicht lassen konnte, schob Bahram nach seinem Abschluss ein Magisterstudium hinterher. Politikwissenschaften und Soziologie. Mittlerweile hat er 23 Bücher geschrieben, davon acht Kinderbücher. Regelmäßig veröffentlicht er Gedichte auf seinem Facebook-Profil. Nebenbei betreibt er einen orientalischen Supermarkt in der Neustadt. Die Mehrzahl seiner Kunden sind Dresdner.

Dort in dem orientalischen Supermarkt ist sein kleines Büro. Dort laufen die Schicksale über die Datenleitung ein. Das Mädchen schaut immer noch aus dem Bildschirm heraus. Als ob sie Bahram sehen könnte. Sie hofft weiter. Noch ist ihr Vater nicht gefunden worden. Wie viele Menschen müssen sterben? "Ich glaube nicht, dass Baschar al-Assad aufgibt", sagt Bahram. Dann klingelt sein Telefon.

Gedicht

Eine Mutter brachte

hren Sohn

Eine Mutter brachte ihren Sohn

zum Sammelplatz.

Er zog in den Krieg.

"Komm heil zurück", sagte sie.

An die Menschen,

auf die seine Waffe gerichtet würde,

dachte sie nicht.

"Komm heil zurück", sagte sie.

Sie dachte an seinen Körper.

An sein Gewissen dachte sie nicht.

Keiner kommt heil

aus einem Krieg zurück.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.09.2012

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