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Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz wird 60

Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz wird 60

Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz feiert am Sonnabend ihren 60. Geburtstag. Seit fast fünf Jahren regiert die CDU-Politikerin die sächsische Landeshauptstadt.

Wie verkraftet sie den politischen Alltag nach ihrer schweren Brustkrebserkrankung? Welche ihrer Ziele hat sie in Dresden erreicht und welche nicht? Und wie sehr verändert Politik einen Menschen? DNN-Redakteur Christoph Stephan befragte Helma Orosz bei einem Spaziergang an der Elbe.

Es ist der Mittwoch vor Himmelfahrt, als wir Dresdens Oberbürgermeisterin zum Interview an den Elbwiesen treffen. Ein herrlich sonniger Tag. Und einer jener Tage zum Durchatmen, die sich Helma Orosz seit ihrer schweren Krankheit vor zwei Jahren regelmäßig selbst verordnet. Die Zügel auch mal lockerer lassen, Dinge mehr an andere delegieren, früh erkennen, wenn die eigenen Kraftreserven aufgebraucht sind - das hatte sich Orosz bei ihrer Rückkehr ins Amt im März 2012 fest vorgenommen. An diesem Tag gelingt ihr das. Der Stadtrat tagt am Abend unter der Leitung ihres Stellvertreters Dirk Hilbert (FDP), der die OB auch ein Jahr lang vertreten hatte.

"Ich achte inzwischen sehr darauf, dass ich alle sechs bis acht Wochen ein langes Wochenende habe", erzählt Orosz. Ihre freien Stunden verbringt die gebürtige Görlitzerin dann gern an der Elbe. Von ihrer Wohnung in Loschwitz ist es hierher nur ein Katzensprung. "Manchmal nehme ich das Rad oder hole die Nordic-Walking-Stöcke raus oder aber ich setze mich einfach mit einem Buch auf eine Bank, lese und blinzle nebenbei in die Sonne."

"Vor zwei Jahren wusste ich nicht, ob ich diesen Geburtstag überhaupt erlebe."

Sie brauche diese Ruhepausen, sagt sie, mehr als vor der Brustkrebstherapie. Erst kürzlich war sie mehrere Wochen lang zur Kur, konnte dort richtig auftanken. Die Aufgaben in einer Stadt wie Dresden seien zu wichtig, um hektisch und unausgeglichen im Rathaus zu erscheinen. Insofern bedeutet Helma Orosz auch ihr 60. Geburtstag am Sonnabend sehr viel. "Ich mache um solche Festivitäten eigentlich nie ein großes Brimborium, aber diesmal ist es schon anders. Schließlich wusste ich vor zwei Jahren nicht, ob ich diesen Geburtstag überhaupt erlebe."

Während wir uns langsam dem Blauen Wunder nähern und zwei Radfahrer freundlich grüßen, denkt Orosz, die ein sportlich-elegantes Outfit trägt, plötzlich an den 60. Geburtstag ihrer Oma zurück. "Das ist schon komisch", meint sie. "Damals waren die Frauen in dem Alter schon in Rente und meine Oma zog mit Kittelschürze und Beutelchen durch die Gegend. Wie sehr sich doch die Gesellschaft innerhalb so kurzer Zeit verändert hat."

Die politische Karriere von Helma Orosz, die ursprünglich den Beruf der Krippenerzieherin erlernt hatte, begann 1990 als Gesundheits- und Sozialdezernentin im Landratsamt von Weißwasser. Nach einem berufsbegleitenden Studium der Verwaltungsbetriebswirtschaft wurde sie 2001 Oberbürgermeisterin von Weißwasser und zwei Jahre später sächsische Sozialministerin. Der nächste große Einschnitt folgte im Herbst 2007, als der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) sie bat, für das Amt der Oberbürgermeisterin in Dresden zu kandidieren und die Landeshauptstadt für die Union zurückzuerobern. "Da vermischten sich Stolz, dass man mich für die geeignete Kandidatin hielt, und Unsicherheit angesichts dieser neuen Aufgabe", sagt Orosz.

Dabei verbindet sie mit Dresden schon sehr lange viele schöne Erinnerungen. "Ich besuchte zu tiefsten DDR-Zeiten das deutsch-sowjetische Jugendfestival in der Stadt und lernte hier meinen späteren Mann kennen. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wo genau wir uns begegnet sind, aber es war so ein Discoschuppen, wo man sich damals halt so traf."

Von ihrem Mann ist Orosz mittlerweile geschieden. Geblieben aus der Ehe ist ihr ihre Tochter Sandra, die der Dresdner OB zwei Enkelkinder geschenkt hat, einen Jungen und ein Mädchen. "So oft es geht, besuchen sie mich in Dresden und manchmal fahre ich auch zu ihnen nach Bad Muskau."

Dann ist Helma Orosz die Oma, die Mutti, eine ganz normale Frau eben. Die gleiche Helma Orosz hat aber auch schon US-Präsident Barack Obama, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck und vielen anderen berühmten Persönlichkeiten die Hand geschüttelt.

"An Obama erinnere ich mich immer wieder sehr gern, denn er war auffallend unkompliziert. Das Protokoll für seinen Besuch in Dresden war ja extrem streng und wir mussten eigentlich zwei Schritte hinter ihm laufen. Aber er meinte locker, wir sollen neben ihn kommen."

Solche Termine liegen der Oberbürgermeisterin, im Repräsentieren ist sie Meister. Auf der anderen Seite ist sie allerdings auch Chefin eines Verwaltungsapparates mit Tausenden Mitarbeitern, und in diesem Punkt werfen ihr Kontrahenten, aber auch Mitstreiter aus dem eigenen politischen Lager (dann hinter vorgehaltener Hand) immer wieder Schwächen vor. Sie nehme im Stadtrat vieles zu persönlich oder spiele manches Thema zu sehr auf eigene Karte, selbst wenn ihre Fachbürgermeister abraten, heißt es dann. Bestes Beispiel ist der aktuelle Doppelhaushalt, der mit zahlreichen Risiken behaftet ist. Obwohl Kämmerer Hartmut Vorjohann (CDU) gebetsmühlenartig davor warnte, setzte Orosz beide Kultur-Großprojekte gleichzeitig durch. Dass damit der Umbau des Kulturpalastes und der Bau des Kulturkraftwerks auf den Weg gebracht sind, wird später sicher trotzdem zu den Erfolgen der Legislatur Orosz verbucht werden.

Genauso wie das in dieser Größenordnung noch nie dagewesene Bildungsprogramm mit Investitionen von mehreren Hundert Millionen Euro in Schulen und Kitas. Nachholbedarf sieht Orosz vor allem beim Thema moderne Verwaltung. "Im Wahlkampf bin ich mit dem Ziel angetreten, dass das Rathaus irgendwann mit dem Bürger eins ist, dass es ein Miteinander gibt, auch mehr Verständnis füreinander. Davon sind wir leider doch noch ziemlich weit entfernt", gibt sie zu.

Ob die Politik sie über die Jahre verändert hat, wollen wir von der OB wissen. Sie zögert kurz. "Eine gute Frage, die ich mir mitunter auch stelle. Ich glaube, das sprichwörtliche dicke Fell wächst einem in dieser Szene ganz von alleine, alles andere wäre psychisch nicht zu verkraften. Ich musste vor allem lernen, mit den konträren Situationen umzugehen. Wenn man Erfolg hat, wird man groß gefeiert. Wenn es aber nicht so läuft, geht es viel schneller wieder nach unten."

"Ich musste einsehen, dass Politiker in solchen Situationen Menschen zweiter Klasse sind."

Gleichwohl habe sie bislang keine so schwere politische Niederlage erlebt, mit der sie heute noch kämpfen würde. Einzig ein Ereignis hat sie persönlich unheimlich getroffen: Als die Künstlerin Erika Lust sie 2009 nackt mit Strapsen vor der Waldschlößchenbrücke zeichnete und das Oberlandesgericht Dresden kurze Zeit später entschied, dass das Bild gezeigt werden darf, weil es sich um ein Bildnis der Zeitgeschichte und eine satirische Darstellung handle. "Ich musste einsehen, dass Politiker in solchen Situationen Menschen zweiter Klasse sind. Die Grundrechte gelten dann nicht, selbst wenn meine Intimsphäre öffentlich zur Schau gestellt wird", ärgert sich Orosz noch heute.

Auf eine wichtige Frage bleibt sie derweil vorerst eine Antwort schuldig: ob sie 2015, wenn in Dresden wieder Oberbürgermeisterwahlen sind, erneut kandidiert. Dann wäre Helma Orosz 62 Jahre alt, eine Legislaturperiode als OB dauert üblicherweise sieben Jahre. "Mit Perspektivzielen bin ich seit meiner Krankheit sehr zurückhaltend. Im Moment fühle ich mich gut und verspüre viel Kraft, aber man muss sehen, wie es in einem oder anderthalb Jahren ist. Dann werde ich mich entscheiden."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.05.2013

Christoph Stephan

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