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Dresdens Amerikaner sind im Wahlfieber

Dresdens Amerikaner sind im Wahlfieber

Seit August vorigen Jahres lebt der amerikanische Opernsänger Allen Boxer zusammen mit seiner Frau in Dresden. An der Semperoper begeistert der Bariton mit seiner Stimme regelmäßig das Publikum.

Allen Boxer: "Obamas Bilanz kann sich sehen lassen"

Obwohl der 27-Jährige Tausende Kilometer von zu Hause entfernt ist, verfolgt er aufmerksam den Präsidentschaftswahlkampf in den Vereinigten Staaten.

"Ich interessiere mich für Politik, seitdem ich mit 19 meine Heimatstadt Cincinnatti verlassen habe, um am Curtis Institute of Music in Philadelphia zu studieren", erzählt der Sänger. Vor allem soziale Themen lägen ihm am Herzen. Aus diesem Grund schlägt sein Herz wie bei den vorangegangenen zwei Wahlen, bei denen er wählen durfte, auch diesmal für die Demokraten. Ich würde mir zwar wünschen, dass Obama politisch weiter links stehen würden, dennoch kann sich seine Bilanz sehen lassen", so Boxer. Er habe sein Bestes gegeben, um die Kriege in Afghanistan und im Irak zu beenden und zudem großartige Dinge wie beispielsweise die Einführung einer Krankenversicherung für alle Amerikaner auf den Weg gebracht.

Wie preiswert ein Arztbesuch außerhalb der USA sein kann, hat er in Dresden festgestellt. "Ich war einmal am Ende eines Quartals beim Hausarzt und habe zehn Euro Praxisgebühr bezahlt. Kurze Zeit später musste ich noch einmal hin. Die Schwestern haben sich fast dafür entschuldigt, dass ich erneut zahlen musste. Aber verglichen mit Amerika sind zehn Euro für drei Monte gar nichts." In den USA müsse er, trotz bestehender Krankenversicherung, bei jedem Arztbesuch etwa 50 bis 60 Dollar löhnen.

Neben der Reform des Gesundheitssystems spielt vor allem die gegenwärtige Wirtschaftskrise eine große Rolle im Wahlkampf. Leute, die aus diesem Grund dem erfolgreichen Geschäftsmann Mitt Romney ihre Stimme geben, kann Allen Boxer jedoch nicht verstehen: "Romney aufgrund seiner geschäftlichen Erfahrungen zu wählen, ist nicht sinnvoll. Wenn die Krise so einfach zu lösen wäre, hätte man es längst gemacht. Romney hätte die gleichen Schwierigkeiten wie Obama", ist er sich sicher. Aus diesem Grund erwartet er von keinem Kandidaten großartige Veränderungen.

"Ich bin mir nicht sicher, ob sich sehr viel verändern wird. Der wahre Wandel muss vom amerikanischen Volk selbst kommen. Es sollte immer wieder sagen, was es will", findet der 27-Jährige. Er halte dies auch deshalb für wichtig, weil die politischen Lager in den USA derzeit extrem zerstritten seien und sich gegenseitig blockierten.

In seiner Freizeit hat sich Allen Boxer intensiv mit den Problemen seines Landes beschäftigt und unter anderem zahlreiche Bücher über die Finanzkrise gelesen. "Ich wollte wissen, wie es dazu kommen konnte", so Boxer.

Den Wahlkampf verfolgt er im Internet und durch die Lektüre der britischen Zeitschrift "The Economist". Seine Entscheidung kann dadurch allerdings nicht mehr beeinflusst werden, denn Allen Boxer hat bereits gewählt. "Das hat recht gut funktioniert. Ich habe Online in Pennsylvania die Unterlagen angefordert. Nach einigen Wochen bekam ich sie und konnte Anfang September meine Stimme abgeben." Er hoffe, dass sie auch gezählt wird und er mit seinem Votum etwas bewirken könne.

Elizabeth Iglesias: "Die Regierung sollte sich möglichst aus allem raushalten"

"Mitt Romney ist sehr viel besser für Amerika als weitere vier Jahre Barack Obama". Diese Meinung vertritt Elizabeth Iglesias. Die 42-Jährige kam im August aus Baltimore nach Dresden, weil ihr Mann Pablo hier als Professor für Elektrotechnik ein Forschungsfreisemester absolviert.

Obwohl sich Elizabeth Iglesias für Politik interessiert und regelmäßig das Wall Street Journal liest, ist sie froh, dass sie in Dresden nur ab und an mal etwas über die US-Wahl hört. "Ich finde es zwar wichtig, dass die Menschen wählen gehen. Ansonsten habe ich aber keine Freude daran, permanent die politischen Entwicklungen zu verfolgen." Das braucht sie auch nicht. Denn ihre grundsätzlichen Überzeugungen stehen fest.

"Ich bin der Meinung, dass die Regierung nur die Dinge regeln sollte, für die sie unverzichtbar ist. Ansonsten sollte sie sich aus allem raushalten", betont die Buchhalterin. Die Menschen sollten in erster Linie für sich selbst und für andere verantwortlich sein. In dem Bauunternehmen in Baltimore, wo sie gearbeitet hat, habe sie gesehen, welchen Schaden die Regierung anrichten könne, so Iglesias.

"Wegen der schweren Wirtschaftskrise wurde von der Regierung entschieden, die Dauer des Arbeitslosengeldes zu verlängern. Der Nebeneffekt davon war aber, dass die Leute dadurch länger brauchten, um eine neue Arbeit zu finden", bemängelt die 42-Jährige. Zudem hätte ihre Firma exorbitant höhere Beiträge für die Arbeitslosenversicherung zahlen müssen. Auch das blieb nicht ohne Folgen.

"Wir haben früher vielen Leuten schnell und unkompliziert eine Chance gegeben, weil wir wussten, dass wir kein großes Risiko eingehen. Durch die enormen Kosten hat sich das geändert und die Einstellungen werden nur noch sehr zaghaft vorgenommen", berichtet die Buchhalterin. Auf dem Irrweg sieht sie Obama auch in der Steuerpolitik. "Es wird immer gesagt, dass von der Erhöhung der Einkommenssteuer nur Millionäre betroffen seien. In Wirklichkeit ist es auch der Mittelstand." Viel wichtiger sei es daher, das komplizierte Steuersystem zu vereinfachen, wie es Ronald Reagan in den 1980er Jahren schon einmal gemacht hat.

"Anschließend ist die Wirtschaft nachhaltig angesprungen", erinnert sich Elisabeth Iglesias. Falls Obama gewinnen sollte, rechnet sie hingegen damit, dass sich die wirtschaftliche Erholung noch lange hinziehen wird. Weil sie das nicht möchte, wird sie sich in Kürze die Wahlunterlagen schicken lassen und natürlich für Romney stimmen. Abseits der Politik freut sich Elizabeth Iglesias im Moment vor allem darüber, in Deutschland zu sein.

"Ich habe vor vielen Jahren einmal Deutsch gelernt und möchte das eine Jahr dazu nutzen, alles wieder aufzufrischen. Neben der Sprache gefällt ihr auch die Stadt. "Es ist wirklich eine wunderschöne Stadt mit vielen freundlichen und aufgeschlossenen Menschen." Zudem sei es schön, dass sie auch ohne Auto schnell beim Bäcker oder der Schule ihrer Kinder ist.

"In den USA ist das Einzige, was wir zu Fuß erreichen können, ein öffentlicher Park in unserer Nachbarschaft. Da auch der öffentliche Nahverkehr bei weitem nicht so gut ausgebaut ist wie in Dresden, kommt man ohne Auto nicht sehr weit", sagt die 42-Jährige.

Rachel Cozmatchi: "Ein Atheist hätte keine Chance, Präsident zu werden"

Wählen im Ausland. Für die 26-jährige Amerikanerin Rachel Cozmatchi ist das nichts Ungewöhnliches. Bereits bei der Präsidentschaftswahl zwischen John McCain und Barack Obama im Jahr 2008 war sie nicht zu Hause in den Vereinigten Staaten. Damals weilte die aus einem kleinen Ort in Missouri stammende Englischlehrerin mit dem Friedenskorps in Rumänien.

In Dresden ist sie erst seit Juni ansässig, weil ihr Mann bei der Philharmonie eine Arbeit als Kontrabassist gefunden hat. Auch diesmal liegt ihr die Wahl am Herzen. Vor zwei Wochen hat sie bereits per "absentee ballot" ihre Stimme abgegeben. Ihre Wahl fiel dabei erneut auf Obama. Und das hat einen ganz bestimmten Grund:

"Obama hat genauso wie ich in anderen Ländern gelebt. Daher versteht er meine Sicht, die ich von der Welt habe", erklärt die 26-Jährige. Ihr sei es wichtig, einen Präsidenten zu haben, der respektvoll mit anderen Staaten zusammenarbeitet und der auf der ganzen Welt respektiert wird. Dass sie heute ihre Stimme den Demokraten gibt, war nicht unbedingt vorgezeichnet.

"Als ich 2004 das erste Mal wählen durfte, habe ich mich für George W. Bush entschieden. Wir lebten damals in Arkansas und meine Familie und Freunde hatten alle eine konservative Einstellung. Davon habe ich mich beeinflussen lassen." Durch den Besuch der Universität und ihren Auslandseinsatz mit dem Friedenskorps habe sich ihre Einstellung aber gewandelt. "Obwohl ich es nicht bedauere, 2004 Bush gewählt zu haben, höre ich heute nicht mehr so viel auf meine Familie, sondern mache mir ein eigenes Bild", betont die Lehrerin.

Trotz ihrer derzeitigen Überzeugung würde sie aber nicht sagen, dass sie jetzt pauschal immer demokratisch wählt. "Für mich ist in erster Linie der Kandidat entscheidend. Auf ihn muss ich als Amerikanerin stolz sein können." Auf die Frage, warum auch arme Amerikaner Republikaner wie Mitt Romney wählen, obwohl der doch nur eine Politik für Millionäre zu machen scheint, weiß die 26-Jährige schnell eine Antwort:

"Ich kenne Leute mit wenig Geld, die die Republikaner aus moralischen Gründen wählen. Sie finden es gut, dass sich die Partei beispielsweise für ein Verbot von Abtreibungen einsetzt." Allerdings gebe es auch Wähler, die schlecht informiert seien und die Republikaner wählen, weil man ihnen oft genug gesagt hat, dass Obamas Gesundheitsreform den Sozialismus nach Amerika bringe. "Diese Menschen haben dann Angst um ihre Wahlfreiheit", erläutert Rachel Cozmatchi.

Sie selbst kann das Wahlkampfgetöse mittlerweile aber objektiv einschätzen. "Beide Kandidaten werden unser Land mit Sicherheit nicht ruinieren", ist sie sich sicher. Auch Sorgen davor, dass mit Mitt Romney ein Mormone ins Weiße Haus einzieht, gebe es nicht. "Romney wird als ganz normaler Geschäftsmann und Vater wahrgenommen. Dass er Mormone ist, spielt keine Rolle." Schlimmer wäre es indes, wenn einer der Kandidaten Atheist wäre.

"Obwohl wir in den USA die Trennung von Kirche und Staat haben, ist Religion ein wichtiges Thema. Ein Atheist hätte wohl keine Chance, zum Präsidenten gewählt zu werden."

Infos zur US-Wahl

■ Die amerikanische Wahl ist eine indirekte Wahl, durch die zunächst ein Wahlmännerkollegium bestimmt wird, welches wiederum den Präsidenten und den Vize-Präsidenten wählt.

■ Jeder amerikanische Bundesstaat hat je nach Bevölkerungsgröße eine unterschiedliche Zahl an Wahlmännern. So hat beispielsweise Kalifornien 55 Wahlmänner, während Vermont nur drei hat. Derjenige Kandidat, der die meisten Stimmen hat (ein Vorsprung von einer Stimme genügt), bekommt alle Wahlmänner des jeweiligen Staates. Wer Präsident werden möchte, braucht mindestens 270 der 538 Wahlmännerstimmen.

■ Der Präsident wird für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Seit 1845 ist der Wahltag auf den Dienstag nach dem ersten Montag im November festgelegt, was die Wahl immer im Zeitraum von 2. bis 8. November stattfinden lässt. Die Amtseinführung ist am 20. Januar.

Wer sich näher über die US-Wahl informieren möchte, hat am Donnerstag Gelegenheit dazu. Von 18 bis 20 Uhr bietet der Dresdner Verein im Volkshaus am Schützenplatz 14 gemeinsam mit dem Generalkonsulat der USA in Leipzig ein Seminar mit dem Titel "Wahlen in den USA" an. In der Veranstaltung soll das Wahlsystem der Vereinigten Staaten von Amerika grundlegend erläutert werden. Dazu stehen Andreas Fuerst und Konsulin Helena Schrader vom Leipziger Generalkonsulat als Gesprächspartner zur Verfügung. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Anmeldung unter dresden@arbeitundleben.eu

Am 6. November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Auch in Dresden interessieren sich viele Menschen für das Duell zwischen dem einstigen Hoffnungsträger Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney. Zu denjenigen, die bei der Auseinandersetzung besonders mitfiebern, gehören vor allem zahlreiche Amerikaner, die derzeit in Elbflorenz zu Hause sind. Um ihre Sichtweise einmal kennenzulernen, hat DNN-Volontär Stephan Hönigschmid Dresdner US-Bürger besucht und mit ihnen über ihre Sicht auf den Wahlkampf gesprochen. Opernsänger Allen Boxer, Buchhalterin Elizabeth Iglesias, Lehrerin Rachel Cozmatchi und Hotelier Michael Spamer nehmen dabei kein Blatt vor den Mund, sondern sprechen die Probleme offen an.

Michael Spamer: "Es ist noch immer ein großartiges Land"

"Wenn Obama auch bei der zweiten Debatte am Dienstag schlecht abschneidet, wird Romney Präsident". Das sagt der Dresdner Hoteldirektor des Westin Bellevue, Michael Spamer. Und er muss es wissen. 35 Jahre lang lebte der gebürtige Ulmer von 1972 bis 2007 in den USA und wurde 1983 sogar amerikanischer Staatsbürger. Obwohl der 65-Jährige denkt, dass auch Mitt Romney das Zeug zum Präsidenten hat, hofft er, dass es Obama noch einmal schafft

"Obama ist ehrlicher. Romney hingegen hat in der Vergangenheit ähnliche Positionen wie Obama vertreten und redet jetzt dagegen", sagt Spamer. So habe er als Gouverneur von Massachusetts fast die identische Gesundheitsreform wie Obama eingeführt und möchte davon jetzt nichts mehr wissen.

Als größtes Hindernis, um die Probleme zu lösen, sieht der Dresdner Hotelier das amerikanische Zweiparteiensystem: "Die Parteien sind so zerstritten, dass sie sich nicht fragen können, was das Beste für das Land ist. Aus diesem Grund haben die Republikaner im Kongress viele Vorhaben von Präsident Obama scheitern lassen."

Obgleich Michael Spamer noch immer von den USA begeistert ist, gefällt ihm in diesem Punkt das politische System in Deutschland besser.

"Dadurch dass Koalitionen gebildet werden müssen, arbeiten die Politiker besser zusammen. Es gibt mehr Kooperation statt Konfrontation." In den USA sei das auch nötig, um endlich den riesigen Schuldenberg abzutragen. Trotz seiner langen Zeit in Amerika ist die Prioritätensetzung von Michael Spamer sehr europäisch:

"Ich würde mehr Geld für Bildung und weniger für Waffen ausgeben. Außerdem sollten die Reichen höhere Steuern zahlen, was für den Multimillionär Mitt Romney jedoch kein Thema ist." Selbst gewählt hat der Hoteldirektor noch nicht, allerdings hat sich seine Frau schon bei der amerikanischen Botschaft in Berlin nach den Unterlagen erkundigt.

Unterdessen verfolgt er den Wahlkampf auch von Dresden aus sehr intensiv. "Ich lese bei uns im Hotel die Zeitung 'USA Today', sehe mir im Fernsehen CNN und Bloomberg an und stehe außerdem im E-Mail-Kontakt mit vielen amerikanischen Freuden."

Insgesamt sei in den USA die Stimmung vorherrschend, dass sich das Land in die falsche Richtung bewege, so Spamer. Trotz Krise hält der 65-Jährige, der unter anderem in New York, Dallas und Orlando gearbeitet hat, den amerikanischen Traum aber nach wie vor für intakt.

"Es ist noch immer ein großartiges Land. Wenn ich noch einmal 30 wäre und die Wahl zwischen Deutschland und den USA hätte, würde ich mich immer für die Vereinigten Staaten entscheiden."

Auch jungen Leuten in seinem Hotel rate er unbedingt dazu, einmal Dresden und Sachsen zu verlassen, um den Horizont zu erweitern. Wer den Schritt wagt, könne zudem in kürzerer Zeit die Karriereleiter hinaufsteigen.

"Man kommt in Amerika deutlich schneller voran als in Deutschland. Wer gut ausgebildet und flexibel ist, der hat hervorragende Karriereaussichten."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.10.2012

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