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Diskussionskultur in Dresden: Bis zum Streit ist es in der Landeshauptstadt nie weit

Diskussionskultur in Dresden: Bis zum Streit ist es in der Landeshauptstadt nie weit

Wenn in Dresden von Streitkultur die Rede ist, dann steht das nie für sich. Wer von Streitkultur spricht, der weist in der Regel auch darauf hin, dass jemand - und zwar eigentlich immer der andere - sie vermissen lässt.

Von bernd Hempelmann

Oder dass es sie nicht mehr gibt, dass die Streitkultur früher mal besser war. Kann das sein - eine Kulturstadt, und dann keine Streitkultur?

Was steht, ist indes der Eindruck, dass gerade in Dresden viel gestritten wird. Und lange. Und heftig. Sei es die Bebauung des Neumarkts oder die Orgel in der Frauenkirche, der Verkauf der Woba, der Ausbau der Königsbrücker Straße, die Frage Kulturpalast-Umbau oder eine neue Philharmonie, der Umgang mit der Erinnerung an den 13. Februar, der Konflikt zwischen Elbbrückenbau und Weltkulturerbe...

Aber: "Eine wirkliche Streitkultur", sagt Hans-Peter Lühr, Herausgeber der Dresdner Hefte, "bringen wir selten zustande." Mit dem Thema beschäftigt er sich schon lange, hat auch mal eine Podiumsdiskussion dazu moderiert. Die sei allerdings "eher gegen den Baum gefahren", erinnert er sich an das vergebliche Bemühen, mit den Teilnehmern auf der Bühne herauszubekommen, wie besser zu diskutieren wäre.

Denn darum geht es ihm bei Streitkultur: um den strukturierten Austausch von Argumenten, Meinungen, Empfindungen, und das könne durchaus "konfrontativ ausfallen". Ergebnisorientiert diskutieren, mit Empathie, dabei den Anderen nicht denunzieren. Das setzt Training voraus, Intelligenz, Sachkenntnis, Selbstreflexion, Geduld, gelegentlich Humor... "Das ist mühevoll", räumt Lühr ein, "und macht es manchmal anstrengend".

Davon kann auch Dresdens Erster Bürgermeister Dirk Hilbert (FDP) ein Lied singen. Er verfolgt die "Dresdner Streitkultur" naturgemäß besonders im Stadtrat und fühlt sich da oft an einen "Pawlowschen Experimentierkasten" erinnert: "Das Ankreiden emotionaler Altlasten führt zu reflexartigen Artikulationen der jeweils anderen Seite. Ärger, Enttäuschung und offene Rechnungen bleiben übrig und belasten damit die zukünftige Zusammenarbeit." Wie in Dresden gestritten wird, das mache oft nervös, sagt Hans-Peter Lühr - dieses Nicht-zu-Ende-bringen-Können. Die Unproduktivität sieht er u.a. begründet "in dem Missverständnis, oft dazu politisch aufgeladen, man dürfe keine Unsicherheiten eingestehen." Stattdessen gebe es dann nur einen "Austausch diplomatisch gesalbter Meinungen".

Im Stadtrat ist für Bürgermeister Hilbert "die politische Auseinandersetzung zunehmend davon geprägt, dass der politische Gegener herabgewürdigt wird". Es sei "bedauerlicherweise fast an der Tagesordnung, dass politische Opponenten einander persönlich verunglimpfen; für die Entwicklung einer vitalen politischen Streitkultur ist das Gift". Um schwierige Fragen zu lösen, muss aus seiner Sicht konstruktiv gestritten werden - verbunden mit Fairness, einem gesitteten Miteinander und dem Einhalten von Spielregeln.

Ein Schlüssel zum Erfolg in Konflikten ist Klarheit und Offenheit, findet Hans-Peter Lühr. Das aber habe man in 40 Jahren DDR verlernt. "Die DDR war ein neurotisches Gebilde. Es gab eine fundamentale Konfliktangst." Die war zu Wendezeiten für kurze Zeit aufgebrochen, in den Gesprächen am Runden Tisch und in den Jahren danach sei Offenheit praktiziert worden - aber Streitkultur zu verankern "ist ein langer Reifeprozess einer demokratischen Gesellschaft", meint Lühr, "und der hat sich in unserem Land angesichts sozialer und politischer Zwänge in 20 Jahren nur wenig entwickelt".

Eine Aufgabe, die weit über das Streiten selbst hinausgeht: "Mit Konflikten in Offenheit umzugehen, ist eine Utopie", glaubt Lühr. "Aber man muss wissen, was der Preis ist für Unoffenheit - auf lange Sicht schädigt das die Demokratie." Da findet auch die typische Tendenz der Dresdner ihre besondere Berechtigung: sich einzumischen. Die vielen Bürgerinitiativen sieht Lühr als Garant für das Einüben einer Konfliktkultur in der Öffentlichkeit. Und eine mutige Presse.

Wo es ums Einmischen geht, hat der Autor Jens Wonneberger in seinem Buch "Heimatkunde Dresden" noch eine besondere Spezies zu bieten - den geborenen Dresdner. In Dresden gebe es Dresdner und geborene Dresdner, schreibt er. Wenn jemand einen Satz mit "Ich als geborener Dresdner..." beginne, sei Vorsicht geboten. "Dann weiß man, dass Argumente nicht zählen, denn die geborenen Dresdner verweisen mit diesem Umstand ihrer Herkunft auf ein naturgegebenes Privileg, eine Art Qualifikation, die durch nichts aufzuwiegen ist und die Befähigung des Neudresdners, in dresdenrelevanten Fragen überhaupt mitreden oder gar entscheiden zu können, von vornherein in Zweifel zieht." Dass die dann geäußerten Meinungen sich zuweilen diametral gegenüberstehen, müsse indes niemanden verwundern.

Heftig geführt wird die Auseinandersetzung in jedem Fall. Der Dresdner: ein Wutbürger? Dem Schlagwort vom Wutbürger kann Hans-Peter Lühr durchaus etwas abgewinnen: "Da äußert sich wenigstens überhaupt ein Unbehagen." Ein Fortschritt in Sachen Streitkultur ist er aber eher nicht - da empfindet Lühr den Wutbürger höchstens als "Frühform des mündigen Bürgers".

Einer, der seit elf Jahren mit streitenden Dresdnern zu tun hat, ist Uwe Gerd Hager. So lange ist er schon als Friedensrichter tätig, im Ortsamtsbereich Pieschen: "Für meine Tätigkeit kann ich sagen: Ja, da geht es schon, um beim Begriff zu bleiben, kulturvoll zu - in der Regel." Die streitenden Parteien träten sich dann ruhig gegenüber. "Die kennen sich ja fast immer, sind meistens Nachbarn." Es gebe aber auch Fälle, wo man sich anbrüllt, einer aggressiv wird. "Da fühlt sich der Antragsgegner bedroht und dann werden sofort die Stacheln rausgefahren."

Dann ist der Friedensrichter besonders gefordert. Das solle nicht überheblich klingen, sagt Hager, aber solche Fälle versuche er "mit meiner Persönlichkeit und Lebenserfahrung zu regeln". Und er habe noch keinen seiner Fälle wegen zu aggressiver Streithähne scheitern lassen müssen. Wir lernen also: Ob Streitkultur herrschen kann, hängt auch vom Moderator ab.

Und von den Beteiligten selbst. Gegenseitigen Respekt hält deshalb Hans-Peter Lühr für ein wesentliches Moment: "Es ist nie nur der eine der Kluge und nur der andere der Trottel."

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