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Der Dresdner Weltklasse-Forscher plädiert für ein Ende des Migranten-Zweiklassendenkens

Der Dresdner Weltklasse-Forscher plädiert für ein Ende des Migranten-Zweiklassendenkens

Anthony Hyman ist weltweit führender Molekularbiologe und Direktor des Dresdner Max-Planck-Instituts (MPI) für Molekulare Zellbiologie und Genetik.

Anthony Hyman ist weltweit führender Molekularbiologe und Direktor des Dresdner Max-Planck-Instituts (MPI) für Molekulare Zellbiologie und Genetik. Er ist in Israel geboren und in London aufgewachsen. Nach seiner Promotion hat er in den USA geforscht und lebt nun seit 13 Jahren in Dresden. Im März erhielt er den Leibniz-Preis - den höchstdotierten deutschen Forscherpreis. Katrin Tominski sprach mit ihm über seine Integration in Dresden.

Frage: Professor Hyman, Sie sprechen gutes Deutsch.

Anthony Hyman : Ja, jetzt (lacht). Jetzt spreche ich gutes Deutsch. Doch ich bin ohne ein Wort hierher gekommen. Der Bäcker hat mich schief angesehen, wenn ich in gebrochenem Deutsch Brötchen bestellt habe und meine Kinder wurden in der Schule ausgelacht, weil sie kein Deutsch konnten.

Fühlen Sie sich in Dresden als Ausländer?

Ich bin Professor, ich werde sehr gut behandelt. Doch wenn ich unrasiert und mit Schlabberklamotten zum Bäcker gehe, kann es schon sein, dass ich immer noch schief angesehen werde.

Liegt das an Dresden?

Grundsätzlich sind die Dresdner sehr offen, sogar viel offener als die Heidelberger. Doch man fühlt sich hier immer so, als ob man etwas falsch macht. In Heidelberg habe ich erlebt, wie einfach und unkompliziert das Zusammenleben mit Ausländern sein kann. Am European Molecular Biology Laboratory haben über 600 ausländische Wissenschaftler gearbeitet. Hier am MPI sind wir derzeit 200 Ausländer. Nur mit internationalen Wissenschaftlern kann ein Forschungsinstitut zum Weltklasse-Institut werden. Anders geht es nicht.

Aus dem internationalen Heidelberg folgten sie dem Ruf nach Dresden?

Ja. Und als wir hier angefangen haben, war überhaupt nichts international. Einerseits war es eine Herausforderung, internationale Forscher zu holen. Andererseits hatten wir Angst, dass keine ausländischen Wissenschaftler kommen. Die Bilder von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Solingen gingen damals um die Welt und hatten sich in den Köpfen festgesetzt.

Haben sie die Wissenschaftler trotzdem überzeugen können?

Es sind internationalen Fachkräfte gekommen. Doch Dresden ist auch heute nicht die erste Wahl. Oft bekommen wir Absagen, weil sich die Forscher für Heidelberg und München entscheiden. Dabei haben wir noch Glück. Viele junge Wissenschaftler sind ledig. Wollen sie jedoch ihre Familien mitbringen, wird es schwieriger.

Warum?

Sachsen hat sich entschlossen, ein Zuwanderungsland zu sein, doch das Schulsystem ist nicht dafür geeignet. Für viele ist es total schwer, eine Bildungsempfehlung zu bekommen, damit die Kinder auf das Gymnasium gehen können.

Hat Dresden dann überhaupt eine Zukunft als Forschungsstandort?

Dresden ist ideal für zweitägige Reisen - sogenannte Two-Days-Interviews - wie sie in der Wissenschaft üblich sind. Sie bietet Erholung, Erlebnis und Kultur. Doch damit die Experten zu den Two-days-Interviews kommen, braucht Dresden einen guten Ruf. Das funktioniert nur, wenn man freundlich ist. Auch zu Leuten, die nicht so aussehen wie hochkarätige Fachkräfte. Aber das ist nicht der Fall. Die Mentalität in einer Stadt spricht sich herum, unabhängig von Einkommen und Bildung. Das Zweiklassen-Denken bezüglich Migranten muss endlich aufhören. Wir können nicht nur nach nützlichen Ausländern verlangen. Man muss grundsätzlich freundlich sein.

Ist das der Grund, warum Sie dem Ausländerrat beigetreten sind?

Wissen Sie, der Mann der getöteten Ägypterin Marwa war mein Doktorand. Er hat in meiner Abteilung geforscht. Da fühlt man sich verantwortlich. Ich wollte Sachsen und der Welt erklären, warum Weltoffenheit und Toleranz wichtig sind. Mir wurde damals klar: Ich muss etwas tun. Der einzige Weg war, in den Ausländerrat einzutreten.

Haben Sie etwas erreicht?

Nein, leider werden wir bis heute von der Stadt nicht wahrgenommen. Obwohl der Ausländerbeirat einer der wichtigsten Beiräte für die Zukunft Dresdens ist.

Sie sitzen in einem öffentlichen Gremium und werden nicht beachtet?

Nein. Kein Bürgermeister ruft uns an, wenn es um Ausländer geht. Unsere Meinung scheint nicht interessant.

Was muss sich ändern?

Die Dresdner müssen an ihrer Willkommens-Kultur arbeiten. Ein internationaler Ruf bringt Reputation und damit Arbeitsplätze. Es gibt fast keine schönere Stadt als Dresden auf der Welt. Doch wenn wir den Kampf um Internationalität und damit auch hochrangige Forschung verlieren, sind wir selbst schuld.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.09.2011

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