Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Google+
Das letzte Interview als Dresdens Oberbürgermeisterin: Helma Orosz über ihre Zukunftspläne und den 13. Februar

Das letzte Interview als Dresdens Oberbürgermeisterin: Helma Orosz über ihre Zukunftspläne und den 13. Februar

Heute Nachmittag wird Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) im Rathaus aus dem Amt verabschiedet. Lange hatten es die Spatzen schon von den Dächern gepfiffen, im Januar machte die OB ihren Entschluss öffentlich: Sie tritt nicht zur Wiederwahl an, sondern verlässt die politische Bühne vorzeitig.

Voriger Artikel
AfD muss im Dresdner Stadtrat harsche Kritik einstecken
Nächster Artikel
Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) verabschiedet sich mit Rede vom Dresdner Stadtrat

Helma Orosz tritt am Freitag zurück.

Quelle: dpa

Nach einer schweren Krebserkrankung reichte die Kraft nicht mehr, um ihren Ansprüchen an sich selbst zu genügen, begründete sie ihre Entscheidung, die besonders der CDU wehtut: Die Amtsinhaberin wäre von den Dresdnern mit hoher Wahrscheinlichkeit wiedergewählt worden. In ihrem letzten Interview als Oberbürgermeisterin verrät Helma Orosz, wie sie die Zukunft ohne Politik plant und wo sich ihr Lieblingsplatz in Dresden befindet.

phpcdfb5d9e0b201502261447.jpg

Am 31. Juli 2008 schenkt der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich seiner scheidenden Sozialministerin Helma Orosz (beide CDU) zu ihrer Verabschiedung eine Kapitänsmütze mit dem Schriftzug „Dresden“.

Zur Bildergalerie

Frage: Was geht in Ihnen vor? Wehmut oder eher das Gefühl, eine Last zu verlieren?

Helma Orosz: Das ist nicht immer gleich. Den einen Tag überwiegt etwas die Wehmut, den anderen Tag weniger. Grundsätzlich war es für mich eine Befreiung, als ich meine Entscheidung öffentlich gemacht habe. Solange ich den Entschluss mit mir herumgetragen habe, war es eine Last. Als es dann heraus war, hat das zusätzliche Kräfte mobilisiert. Viele Dinge wollte ich noch auf den Weg bringen wie zum Beispiel die Bewerbung für die Kulturhauptstadt.

Warum hat es nicht mehr bis zur Wahl im Juni gereicht? Warum treten Sie schon jetzt ab?

Zum Ende des vergangenen Jahres war es schwieriger geworden mit meinen gesundheitlichen Problemen. Es gab eine klare Ansage der Ärzte. Ich wollte nicht mehr während des Wahlkampfes im Amt sein. Wahlkampf ist mit besonderem Trubel verbunden, das wollte ich mir nicht antun. Der 70. Jahrestag der Zerstörung Dresdens war mir aber sehr wichtig und deshalb habe ich den Zeitpunkt so gewählt. Wir können gemeinsam stolz darauf sein, wie gut dieser Jahrestag organisiert war und abgelaufen ist.

Wann haben Sie für sich entschieden, dass es nicht mehr geht?

Ich habe immer wieder überlegt. Ein über Jahre erhaltener Vertrauensbeweis der Bürgerschaft ist etwas ganz Besonderes. Ich habe deshalb den Entschluss lange hinausgezögert. Über ein halbes Jahr habe ich mich immer wieder gefragt: Kann ich die Erwartungen erfüllen? Ich bin ein agiler Typ, eine Kämpfernatur. Aber die Kraft reichte einfach nicht mehr. Deshalb habe ich mich so entschieden.

Gab es einen konkreten Auslöser für Ihren Entschluss?

Nachdem ich im Frühjahr 2012 von der Krankheit zurückgekehrt bin, war für mich klar: Jetzt musst Du unbedingt wieder arbeiten. Nach anderthalb Jahren, Ende 2013, habe ich die Auswirkungen der Erkrankung immer mehr gespürt. Den Stress können Sie nicht abstellen in diesem Amt. Das ist eine Dauerbelastung. Dazu kamen Schlafstörungen. Das ist der Hammer, wenn Sie nach zwölf bis 14 Stunden Arbeit keinen Schlaf finden. Da geht einem die Puste aus. Ich musste mir oft sagen: Reiß Dich zusammen! Aber es kostet viel Kraft, sich zu verstellen. Andererseits habe ich in der Kur schon nach drei, vier Tagen gemerkt, dass ich zur Ruhe gekommen bin. Stille, Spaziergänge, Behandlungen, das gab mir die Möglichkeit, wieder meinen Rhythmus zu finden.

Haben Sie Angst, jetzt in ein Loch zu fallen?

Ich bin mit mir absolut im Reinen. Meine Familie freut sich, meine Enkel freuen sich. Die nächsten drei, vier Monate wird es gar nicht so einfach, eine Lücke in meinem Terminkalender zu finden. 25 Jahre lang war das Privatleben im einstelligen Bereich. Ich habe meine Familie immer wieder vertröstet. Urlaub, Wandern, Fahrrad fahren – wann war das möglich? Ich kann mir für die Zukunft nicht vorstellen, dass ich im Sessel sitze und mich bedauere. Es gibt keine problematische Stimmung in mir. Ich gehe so gerne ins Kino und ins Theater, darauf musste ich oft verzichten. Ich habe so viele Ausstellungen eröffnet, ohne sie mir richtig anschauen zu können. Ich möchte die Kirchen in der Stadt besuchen. Oder einfach mal nur an der Elbe sitzen. Einen schönen Platz habe ich mir schon ausgesucht.

Sie haben den 13. Februar vorhin angesprochen. Ist es nach dem 70. Jahrestag Zeit für einen Schlussstrich unter das Gedenken?

Ich denke, es ist wichtig, dass jede Stadt Erinnerungskultur lebt. Als ich 2008 gewählt wurde, gab es darüber unterschiedliche Auffassungen, aber keine Gemeinsamkeit. Daraus ist die Arbeitsgruppe 13. Februar entstanden. Die Besetzung ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Ursprünglich ging es darum, Konzepte gegen die Aufmärsche von Rechtsextremen zu entwickeln. Die Arbeitsgruppe hat ihren Beitrag dazu geleistet, dass es im vergangenen und diesen Jahr keine Aufmärsche an dem Tag gab. Das ist ein kleiner Erfolg, den wir gemeinsam erreicht haben. Es geht aber darum, nicht nur den 13. Februar zu betrachten, sondern sich das gesamte Jahr mit dem Thema zu befassen. Wir haben Programme wie den Lokalen Handlungsplan für Weltoffenheit und Toleranz entwickelt und der zeitweilige Ausschuss des Stadtrates hat ein Erinnerungskonzept erarbeitet. Es stellt auf alle Ereignisse ab, die zur Geschichte der Stadt gehören. Erinnerungskultur ist nicht in Stein gemeißelt und kann sich weiter entwickeln. Wir haben den 13. Februar in der Arbeitsgruppe ausgewertet und überlegen, welche Dinge jetzt angegangen werden sollen.

Wie lange wird es die Menschenkette noch geben?

Die Menschenkette ist ein Symbol dafür, dass die Mehrheit der Dresdner zusammensteht. Ein Symbol für Gemeinsamkeit, Zusammenhalt, Versöhnung und Verantwortung. Solange dieses Symbol trägt, solange sich die Menschen dazu hingezogen fühlen, sollte es die Menschenkette geben. Vielleicht findet sich in zwei, drei oder fünf Jahren etwas Adäquates. Wenn es dann eine Mehrheit dafür gibt, wird es die Menschenkette ablösen.

Was war der Höhepunkt Ihrer Amtszeit?

Von der Emotionalität her die Einigkeit bei der Gestaltung des 13. Februar. Wenn ich überlege, wie problematisch das Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen war. 70 Prozent wünschten sich ein stilles Gedenken. Mit der Menschenkette haben wir es geschafft, Menschen in Stille zusammen zu bringen. Seit dem haben mir viele Menschen gesagt, dass es gut tut, sich an den Händen zu fassen und zu denken: Wir gehören zusammen.

Ein anderer Erfolg war und ist das Investitionsprogramm für Bildung und Kultur, das wir im Doppelhaushalt 2011/2012 auf den Weg gebracht haben. Bildung ist zu einem harten Standortfaktor geworden und hat dazu geführt, dass junge Menschen nach Dresden kommen, weil sich diese Stadt für junge Leute fitgemacht hat. In meiner Amtszeit ist die Einwohnerzahl um mehr als 35.000 gewachsen. Ich bin mir sicher, wenn wir dieses enorme Investitionsprogramm damals nicht auf den Weg gebracht hätten, wäre es nicht mehr gekommen.

Welche Entwicklung wird Dresden in den nächsten Jahren nehmen?

Eine positive. Dresden ist gut aufgestellt. Die Wirtschaft ist stabil und Forschung und Wissenschaft sind erfolgreich. Wir investieren in Kindertagesstätten, Schulen, Kultur. Wir sind fünfmal in Folge Geburtenhauptstadt geworden. Die Menschen fühlen sich wohl und planen in Dresden ihre Zukunft.

Gibt es eine Entscheidung, die Sie aus heutiger Sicht anders treffen würden?

Da ist nichts, was mir jetzt spontan in den Kopf schießen würde.

Der Stadtrat wird jetzt von Rot-Grün-Rot dominiert. Wie bewerten Sie die ersten Schritte des Bündnisses beim Gestalten von Politik?

Ich hoffe, dass sich die Arbeit nach dem holprigen Start effizienter gestaltet und nicht alles anders gemacht wird, weil es andere Mehrheiten gibt. Das kostet Zeit und Geld. Die Königsbrücker Straße zum Beispiel ist für Dresden kein Aushängeschild. Es ist peinlich, dass es die Stadt nicht schafft, diese wichtige Verkehrsader zu sanieren. Jetzt wieder nach neuen Varianten zu suchen, verzögert alles einmal mehr und verursacht zusätzliche Kosten.

Ihre Partei will im Verbund mit der FDP mit einem Bürgerentscheid den Beschluss der Stadtratsmehrheit aushebeln.

Ich habe unterschrieben, weil ich diesen Weg für richtig halte. Wir glauben, dass die Bürger etwas anderes wollen als die Stadtratsmehrheit.

Wen wünschen Sie sich als Ihren Nachfolger im Amt?

Das wird in einer geheimen Wahl entschieden. Wichtig ist es mir, dass viele Dresdner zur Wahl gehen. Wir haben es leider mit einer Wahlmüdigkeit zu tun. Ändern kann ich aber nur dann etwas, wenn ich wählen gehe. Und nicht, wenn ich meine latente Unzufriedenheit auf die Straße trage.

Warum funktioniert Pegida ausgerechnet in Dresden?

Es gibt auf diese Frage wahrscheinlich keine allgemeingültige Antwort, sondern zahlreiche verschiedene. In Dresden und der Region haben sich Menschen gefunden, die mit Pegida einen Nerv getroffen haben. Dann hat das Ganze eine unglaubliche Dynamik bekommen, vor allem in den Medien. Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass es Leute gibt, die sich nicht mitgenommen fühlen, die am politischen Prozess nicht teilhaben können oder wollen. Wir müssen ihnen jetzt deutlich machen, dass wir wissen wollen, wo ihr Problem liegt. Nur im Dialog können wir etwas ändern. Stadt und Land agieren gemeinsam und bieten Foren an. Sie sind auch eine Chance für Verantwortungsträger, zuzuhören, Missverständnisse aufzuklären und Probleme zu erkennen. Gleichzeitig müssen wir aber gegen jede Form der Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit Position beziehen.

Wie werden Sie sich künftig in die Stadtpolitik einbringen?

Ich werde eine aktive Bürgerin bleiben und mich schon an der einen oder anderen Diskussion beteiligen. Ich freue mich auch darauf, mal eine Sitzung des Stadtrates zu besuchen. Als Gast natürlich.

Haben Sie schon ein Anrecht für das Kulturkraftwerk?

Nein. Aber ich habe schon einen Sessel finanziert bei einer Spendenaktion, die ich gemeinsam mit Intendant Wolfgang Schaller ins Leben gerufen habe. Ich weiß also schon, wo ich sitzen werde. Aber im Ernst: Ich freue mich sehr auf die Eröffnung des Kraftwerks Mitte.

Thomas Baumann-Hartwig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Stadtpolitik
  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.