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Bufdi mit Diplom: In Sachsen sind die Freiwilligendienstler deutlich älter als im Rest der Republik. Warum

Bufdi mit Diplom: In Sachsen sind die Freiwilligendienstler deutlich älter als im Rest der Republik. Warum

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) boomt. Anders als in den westlichen Bundesländern, sind es in Ostdeutschland keinesfalls nur auf Anschluss wartende Schulabgänger, die sich gemeinnützig einbringen.

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Frank Weißbach absolviert für eineinhalb Jahre den Freiwilligendienst.

Chemnitz. In Sachsen sind die meisten Bundesfreiwilligendienstleistenden (Bufdis) zwischen 27 und 65 Jahre alt, es sind vor allem Frauen.

Von Juliane Hanka

Frank Weißbach ist 28 Jahre alt und hat sich nach einem abgeschlossenen Mathematikstudium und einem abgebrochenen Politikstudium für eineinhalb Jahre in den Bundesfreiwilligendienst begeben. Seit Februar kümmert er sich in einem soziokulturellen ­Verein in Chemnitz um die Öffentlichkeitsarbeit und das Unterhaltungs­programm. Weißbach ist ein Bundesfreiwilligendienstleistender, wie viele seiner Kollegen hört er die abgekürzte Bezeichnung Bufdi nicht so gern. Er arbeitet 20,1 Stunden in der Woche. Parallel dazu organisiert er literarische Veranstaltungen wie den lokalen Poetry Slam und die Lesebühne der Stadt.

"In einem klassischen Lohnverhältnis hätte ich die Zeit dazu nicht, ganz ohne Job würde mir das Geld für meine Hobbys fehlen." Für Weißbach ist das Jahr als Bundesfreiwilligendienstleistender die perfekte Kombination aus sinnvoller Beschäftigung, Existenzsicherung und zukunftsweisender Sinnsuche.

Sachsen und Thüringen führten in den vergangenen drei Monaten die Statistiken an. Sachsens Mittelalte liegen dabei haushoch vor allen anderen. Sie stellten rund ein Drittel aller Freiwilligen im Altersbereich der 27- bis 65-Jährigen.

Wer wird nun Bufdi? Es sei ein Fehlschluss, alle Ü27-Freiwillige in Sachsen für Langzeitarbeitslose zu halten, sagt Jens Kreuter, der im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) den Freiwilligendienst koordiniert. Eine genauere Bestimmung des Ausbildungshintergrundes könne das BAFzA allerdings im Moment noch nicht vornehmen, entsprechende Daten seien noch nicht erhoben. In Gesprächen zeige sich aber, es gibt auch Bufdis, die eine akademische Ausbildung haben. Diese Menschen orientieren sich neu, treten zurück vom rein leistungsorientierten Alltag. Sie denken nach, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen.

Das geht freilich nur, wenn ihre materiellen Ansprüche in dieser Zeit gering sind. Frank Weißbach bekommt für sein Engagement ein monatliches Taschengeld von 170 Euro und bezieht Hartz IV in Höhe von 370 Euro, das Amt bezahlt ihm seine Wohnung und die Sozialabgaben. In einer günstigen Stadt wie Chemnitz scheint das zu genügen, alle fünf Bufdis in seinem Verein sind älter als 30, manche haben Kinder, einer ist bereits in Rente.

Aber warum sind die Freiwilligen in Sachsen viel älter als im Rest der Republik? Auch dafür hat Kreuter eine Erklärung. Die im Osten vom BAFzA geregelte Platzvergabe funktioniert nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Die Stellen wurden also von Jahresbeginn an verteilt und darauf bewarben sich eben größtenteils ältere Menschen. Für die Jüngeren, die sich ­später bewarben, war dann oft kein Platz mehr frei. "Ich rechne mit noch mehr Freiwilligen und wir haben beschlossen, die rückläufigen Plätze, die durch Abbruch oder Nachschlag frei werden, ausschließlich an Jüngere zu vergeben", sagt Kreuter. Er deutet an, dass die Bundesstatistik im Herbst ganz anders aussehen dürfte und die unter 27-Jährigen deutlich zulegen werden.

Die Erläuterungen von Kreuter sind noch Hypothesen, eine entsprechende wissenschaftliche Evaluation ist vor zwei Wochen vom Bundesamt in Auftrag gegeben worden, konkrete Ergebnisse werden aber erst in Monaten erwartet. Eine begleitende Untersuchung der Universität Heidelberg begründet den Erfolg in Sachsen mit der Kombination aus guter Werbung und dem Wunsch vieler Sachsen, einer regelmäßigen Tätigkeit nachgehen zu können.

"Gerade in Sachsen scheint der Bundesfreiwilligendienst von Beginn an aktiv und flächendeckend bekannt gemacht und beworben worden zu sein, so dass schnell neue Einsatzstellen geschaffen wurden. Vor allem für Arbeitssuchende scheint der Dienst als Alternative zum Arbeitsmarkt, der ihnen aus unterschiedlichen Gründen nicht zugänglich ist, attraktiv zu sein."

Auch Frank Weißbach wurde vom Verantwortlichen des Chemnitzer Kulturvereins angesprochen, ob er sich nicht als Freiwilliger bewerben möchte, weil er sich vorher schon für den Verein engagierte. Die unabhängige Einrichtung stand da noch gar nicht in der offiziellen BFD-Liste, denn sie bot vorher keinen Zivildienstplatz an. Jetzt unterstützen die fünf Bufdis den Verein und sichern damit auch sein Überleben.

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