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Zollkontrolle an der tschechischen Grenze - Beamte aus Pirna im Kampf gegen Crystal

Zollkontrolle an der tschechischen Grenze - Beamte aus Pirna im Kampf gegen Crystal

Gerade bei Sonnenschein muss sich Dieter B. auf sein Bauchgefühl verlassen. Der Zollbeamte steht an der Staatsstraße 173, die vom deutsch-tschechischen Grenzübergang Bahratal bis nach Pirna führt, dem Tor zur Sächsischen Schweiz.

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Für die Autofahrer ist Dieter B. in Signalweste und mit Handkelle gut sichtbar. (

Quelle: Burgi)

Die Grenze ist nur einen Kilometer entfernt, selbst aus 50 Metern Distanz kann B. an diesem Tag wegen der spiegelnden Frontscheiben nicht erkennen, wer in den herannahenden Autos sitzt. Aus Perspektive der Fahrer ist das anders: Für sie ist Dieter B. in Signalweste und mit Handkelle gut sichtbar. „Das Bauchgefühl entwickelt sich nach jahrelanger Erfahrung“, sagt der 54-Jährige und stoppt einen tiefergelegten Golf.

Fehlanzeige: Fahrer und Beifahrerin geben bereitwillig Auskunft, in Tschechien je eine Stange Zigaretten gekauft zu haben - die erlaubte Menge. Viele Einheimische nutzen die Preisunterschiede hinter der Grenze, auch wenn es die Grenze mit dem Beitritt Tschechiens zur EU und zum Schengener Abkommen schon seit Jahren gar nicht mehr richtig gibt. Dass der Zoll im Hinterland weiter kontrolliert, ist bitter nötig. Denn seit der Verkehr im geeinten Europa ungebremst fließt, gelangen auch Drogen leichter nach Deutschland. Im Fall von Tschechien geht es vor allem um die synthetische Droge Crystal, deren Konsumenten oft noch jung sind.

Dieter B. spricht von Teufelszeug. Er hat bei seinen Kontrollen Leute gesehen, die mit Anfang 20 schon keine Zähne mehr hatten und bei denen die Alterung wie im Zeitraffer vor sich ging. „Es ist doch völlig bekloppt, sich ein Zeug reinzuziehen, von dem man gar nicht weiß, was alles drinsteckt“, sagt B. Heike Wilsdorf, Sprecherin des Hauptzollamtes Dresden, wird noch deutlicher: „Von Crystal führt kein Weg zurück. Die Droge funktioniert wie eine schnell fortschreitende Alzheimer-Erkrankung, tötet Bereiche im Hirn. Man kann auch sagen, sie führt zur Verblödung.“ Ein Entzug sei äußerst schwierig, die körperliche Abhängigkeit trete schneller ein als bei anderen Drogen.

Crystal ist auch unter dem Namen Methamphetamin bekannt, schon im Zweiten Weltkrieg fand es Anwendung. „Anders wären die japanischen Bomberpiloten gar nicht bis Pearl Harbour gekommen“, beschreibt Wilsdorf die aufputschende Wirkung der Droge. Bei den Deutschen sei sie unter Begriffen wie „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tabletten“ bekanntgewesen. „Crystal kann man aus Arzneimitteln herstellen, die es in jeder Apotheke gibt. Die Anleitung dazu findet sich im Internet.“ Tatsächlich muss keiner die Qualifikation eines Chemikers vorweisen, um Crystal in der eigenen Küche zu köcheln. Allgemeine Kenntnisse in Chemie reichen aus.

Schilderungen von Crystal-Abhängigen machen deutlich, wie der Horrortrip ablaufen kann. Herzrasen, steigender Blutdruck und Aggressivität, weder Hunger noch Durst und kaum Schlafbedürfnis. Nervenzellen sterben, manche Konsumenten magern extrem ab. Polizisten und Beamte sehen den Verfall beim Blick in die Personalausweise Betroffener. Früher kam Crystal als feines Kristall auf den Markt. „Es sah aus wie Meersalz“, erzählt Wilsdorf. Inzwischen werde es in größeren, schieferartigen Teilchen angeboten. Für den Zoll ein Hinweis darauf, dass die Produktion auf Hochtouren läuft und kaum noch Wert auf äußeren Schein gelegt wird.

Das deckt sich mit Einschätzungen des Landeskriminalamtes Sachsen. „Droge Nummer Eins ist Crystal“, meint Behördensprecher Tom Bernhardt. Während von 2010 zu 2011 die Zahl der Rauschgiftdelikte allgemein um 15 Prozent angestiegen sei, habe die Zunahme von Verstößen mit Amphetamin/Methamphetamin und deren Derivaten 48 Prozent betragen. „Generell erfasste die Polizeidirektion Chemnitz- Erzgebirge (PD) die meisten Rauschgiftdelikte, gefolgt von den PD Leipzig und Dresden. Auch bei der Betrachtung der Rauschgiftdelikte pro 100 000 Einwohner liegt die Stadt Chemnitz vor Leipzig und Dresden.“ Die Chemnitzer Region hat eine lange Grenze zu Tschechien.

„Crystal ist leicht verfügbar, muss nicht von Dealern bezogen werden. Man deckt sich selbst ein, und es ist erschwinglich“, sagt Wilsdorf. Derzeit koste ein Gramm Crystal in Tschechien 20 bis 30 Euro, in Deutschland dagegen schon 80 Euro. Manche kämen mit vier Gramm pro Woche hin, andere brauchten mehr. Auf tschechischer Seite werde der Stoff meist auf sogenannten Vietnamesenmärkten feilgeboten - mehr oder weniger verdeckt. „Wer Zigaretten kauft, wird auch schon mal gefragt, ob er noch etwas anderes sucht“, beschreibt Wilsdorf das Anbahnungsgeschäft. Selbst ein Rabattsystem hat mittlerweile Einzug gehalten. Die Verkaufspsychologie macht auch bei Drogen nicht halt.

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Dieter B. führt bei einer jungen Frau einen Drogenschnelltest aus. (

Quelle: Burgi)

Während Wilsdorf eine Lektion Crystal-Theorie erteilt, winkt Dieter B. die Fahrerin eines Kleinwagens zur Kontrolle. Zwei Kindersitze sind im Auto montiert. „Ich habe noch nie etwas genommen“, sagt die 27-Jährige. Der Drogen-Schnelltest muss trotzdem sein. Er fällt negativ aus. Dass der Zoll auf den Straßen kontrolliert, findet die Frau gut. Sie sei nur kurz nach Tschechien gefahren, um billig zu tanken. „Hat sich aber nicht wirklich gelohnt.“ Auch in Tschechien haben die Benzinpreise mancherorts deutsches Niveau erreicht.

Dieter B. und sein Kollege Roman W. kennen viele Tricks und Verstecke. Auch menschliche Körperöffnungen dienen dazu, Drogen nach Deutschland zu schmuggeln. B. hat einen Mann erlebt, der ein Überraschungsei in ein Kondom steckte und dann im After deponierte - nur ein Zipfel schaute noch raus. „Wir sind gut vernetzt und tauschen uns über neue Methoden schnell aus“, sagt der 44 Jahre alte Roman W. Dieter B. hält sich auch via Online-Auktionshaus Ebay auf dem Laufenden. Dort würden ganz allgemein „sichere Verstecke“ angeboten. Unlängst hatte einer den Stoff in einer Radmutter getarnt, die nach einem Reifenwechsel wie zufällig im Kofferraum lag.

Bei den Kontrollen tragen die Beamten schusssichere Westen, für viele Situationen sind sie geschult. Selbst aufgeregten Zeitgenossen gilt es höflich zu begegnen. Das Prinzip heißt Deeskalation. „Die meisten Menschen haben Verständnis für die Kontrollen“, sagt Dieter B. Er weiß, dass sich die Leute in der Szene per Twitter und SMS gegenseitig auf Kontrollen hinweisen. Klar, nur ein Bruchteil der Ware kann auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen werden. Wilsdorf wehrt sich gegen den Vorwurf, Zoll und Polizei würden nur nach der Nadel im Heuhaufen herumstochern. „Jedes Gramm, dass bei uns in der Asservatenkammer ist, landet nicht auf dem Markt.“

Wilsdorf kennt eine Frau, die ihren Jungen an die Drogen verloren hat. „Es fing mit Marihuana und Ecstasy an. Als er LSD nahm, dachte er, er könne fliegen.“ Der junge Mann starb mit 19 Jahren. Wilsdorf erzählt seine Geschichte, wenn sie in Schulklassen geht und über die Gefahr von Rauschgift spricht. Bei vielen Drogenkarrieren würden sich unwissende Eltern erst im Rückblick Dinge zusammenreimen können - der ständige Schnupfen, die Pickel im Gesicht, das übertriebene Gut-Drauf-Sein und die oft anschließende Phase der Lethargie. „Im Nachhinein lässt sich der ganze Baukasten zusammensetzen, aber das steht man meist schon auf dem Friedhof.“

Das Hauptzollamt Dresden legt Wert auf Prävention. In der vierten Klasse können Schüler in Sachsen erfahren, welche Dinge gut für den Körper sind und welche nicht. In der siebten Klasse gibt es ein weiterführendes Angebot. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten womöglich schon selbst zur Zigarette gegriffen oder mal Alkohol probiert. Anfälligkeit für Drogen prägt sich nach Ansicht von Experten erst ab zwölf Jahren aus, dann sprechen Dealer Kinder mitunter schon gezielt an. Zu frühe Öffentlichkeitsarbeit der Fahnder wiederum scheint kontraproduktiv. Dieter W. hat einer Kindergartengruppe mal sein Einsatzfahrzeug vorführen wollen: „Als ich die Sirene anschaltete, haben die meisten geheult.“

Bevor er den Kontrollort wechselt, will B. noch auf den Bus aus Tschechien warten. Ganz hinten sitzt eine junge Frau, die unruhig wirkt. B. lässt sie aussteigen, das Bauchgefühl hat sich gemeldet. Die Frau, Jahrgang 1985, gibt an, in Tschechien Arbeitskleidung gekauft zu haben. Später stellt sich heraus, dass sie sich prostituiert. Sie ist wütend und nervös, gestikuliert und spricht ganz schnell. Für Experten ist das ein untrügliches Zeichen, dass Leute „auf Crystal“ sind. Nein, sie habe nichts eingesteckt, beteuert sie immer wieder. Der Drogen-Schnelltest schlägt an.

„Was sie da machen, macht doch keinen Sinn“, ruft sie den Beamten zu. Damit ließen sich die Ursachen nicht verändern. „Es ist alles krass mit den Drogen“, sagt die Frau. Es klingt wie ein Hilfeschrei. Später im Hauptzollamt weint sie und gibt Auskunft. Crystal hatte sie schon am Vorabend genommen. Die Mutter zweier Kinder weiß, dass sie dringend zum Entzug muss. Sie sei in einer Szene gelandet, wo Crystal zum Alltag gehöre, sagt sie den Beamten. Und sie wisse, dass sie nicht mehr allein aus diesem Sumpf herauskomme.

Von Jörg Schurig, dpa

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