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Vor 31 Jahren brannte Schloss Prohlis nieder

Vor 31 Jahren brannte Schloss Prohlis nieder

Heute vor 31 Jahren brannte das Schloss Prohlis der Barone von Kapp-herr nieder. Die Brandkommission ermittelte einen 14-jährigen Prohliser als mutmaßlichen Brandstifter, stellte das Verfahren gegen ihn aber aus Mangel an Beweisen ein.

Heute vor 31 Jahren brannte das Schloss Prohlis der Barone von Kapp-herr nieder. Die Brandkommission ermittelte einen 14-jährigen Prohliser als mutmaßlichen Brandstifter, stellte das Verfahren gegen ihn aber aus Mangel an Beweisen ein. Bis heute halten sich Gerüchte, der Staat habe seine Finger im Spiel gehabt, um das Schloss am Rande des neuen Plattenbauviertels abreißen zu können. "Nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich", sagt der damalige Kripo-Ermittler heute über diese Theorie.

Von Heiko Weckbrodt

Es ist ein mild-winterlicher Mittwochabend, am 17. Dezember 1980. Punkt 20.52 Uhr schellt das Notruftelefon in der Feuerwehr-Leitstelle: "Das Schloss Prohlis brennt!" Mit einem Großfeuer - nur einen Steinwurf weit weg vom noch jungen Plattenbauviertel Prohlis - ist nicht zu spaßen. Der Lageführer alarmiert sofort mehrere Loschzüge, auch die freiwilligen Kameraden aus Niedersedlitz und Loschwitz rücken zum Prohlis Wäldchen gleich neben der Fernverkehrsstraße 172 aus.

Rasch wird den Feuerwehrleuten vor Ort klar: Zu retten gibt es hier nicht mehr viel, es gilt vor allem, das Feuer einzudämmen. 3.17 Uhr setzt der Einsatzleiter eine Zwischenmeldung an die Zentrale ab: Das Feuer hat sich in voller Breite durchs Schloss gefressen, bis zu den Türmen, das Dach ist eingestürzt, durch die Hitze gerät die ganze Statik des Gebäudes in Gefahr. Bei Scheinwerferlicht löschen die Kameraden bis in die Morgenstunden. Danach ist das Schloss nur noch eine Ruine.

Sofort Verdacht auf Brandstiftung

Was auch recht schnell klar ist: Hier war ein Brandstifter am Werk. Die Kripo beginnt noch am Tattag zu ermitteln. Einen reichlichen Monat später hat sie einen Verdächtigen, einen 14-jährigen Achtklässler aus Prohlis. Der gibt zu, am Nachmittag im Schoss geraucht und mit Feuer gespielt zu haben. Dennoch stellen Polizei und Staatsanwaltschaft das Verfahren ein - was seitdem das Gerücht nährte, Staat oder gar Stasi hätten ihre Hände im Spiel gehabt. Das vermutete Motiv: Den komplexen Plattenwohnungsbauern stand das "feudalistische Relikt" nur im Weg.

Auch Moritz von Crailsheim, Urenkel des letzten Kapp-herrs, ist bis heute skeptisch: Er hält die Theorie vom jugendlichen Einzeltäter für unglaubwürdig - leider habe er nie von den Behörden Ermittlungsunterlagen ausgehändigt bekommen, um seine These zu untermauern.

Letzteres hat freilich einen klärbaren Grund. Die Ermittlungsunterlagen sind längst vernichtet - wie alle Polizeiakten, deren potenzielle Verjährungsfristen abgelaufen sind, wie die Polizeidirektion auf Anfrage mitteilte. Und eine Stasi-Akte zu dem Schlossbrand ist auch nicht überliefert, erklärte die Stasi-Unterlagen-Behörde in Dresden auf DNN-Anfrage. All dies könnte man natürlich als Indizien für Vertuschung interpretieren. Wahrscheinlicher ist wohl aber, dass die Schlapphüte schlicht keinen Anlass sahen, eine Akte anzulegen.

Pläne für Kulturhaus geschmiedet

Auch ob die vermuteten Motive staatlicher Stellen, das Schloss anzuzünden, wirklich stark waren, muss bezweifelt werden: Laut Aktenlage stand eine Überbauung des Prohliser Wäldchens und Schlosses mit Plattenhäusern ab etwa 1979 nicht mehr zur Debatte. Um die extrem schlechte Infrastruktur im Neubauviertel zu verbessern, entwarfen Architekten dafür Konzepte, im Schloss eine Wohngebietsgaststätte einzurichten. Später kamen Ideen hinzu, aus dem ganzen Gebäude eine Art Prohliser Kulturhaus zu machen. Dadurch stiegen allerdings die prognostizieren Kosten von zunächst zwei Millionen auf dann 3,5 Millionen DDR-Mark. Aus der vorliegenden Aktenüberlieferung lässt sich herauslesen: Schon aus Finanzierungsproblemen hatten Stadtverwaltung und SED-Bezirksleitung kein allzu großes Interesse am Erhalt des Prohliser Schlosses, standen einer preisgünstigen Sanierung und Umwidmung aber auch nicht ablehnend gegenüber.

Auch die wenigen belegten Tatumstände sprechen kaum für ein staatlich gesteuertes Komplott: So gab es nur einen und nicht mehrere Brandherde. Und: Das Feuer brach sich irgendwann zwischen 20.30 und 20.40 Uhr Bahn - nachdem es zuvor anscheinend schon längere Zeit unbemerkt vor sich hingeschwelt hatte. "Wenn das jemand professionell angegangen wäre, dann hätte er das Feuer eher so gegen 3 Uhr in der Nacht gelegt, damit es nicht so schnell bemerkt wird", meint Bernd Nüßgen.

Der heutige Chef der Antikorruptionseinheit "INES" leitete damals die Brandkommission in der Bezirksbehörde der Volkspolizei und damit auch die Schlossbrand-Ermittlungen. "Wir haben die Sache damals übernommen, weil das Schloss ein historisches Kleinod war. Materiell gesehen hatte es aber schon vor dem Brand ein Marktwert von Null", erklärt er den DNN.

"El Dorado für junge Prohliser"

Es sei schließlich gelungen, ein "vermutlich vollständiges Bewegungsprofil aller Personen", die am Tattag im Schloss waren, zu erstellen. "Das war ja ein El Dorado für die jungen Prohliser", erinnert sich Nüßgen. "Vormittags haben die Kinder drin gespielt, nachmittags und abends kamen die Jugendlichen, die da drin heimlich geraucht und sonst was gemacht haben."

Tatsächlich habe man schließlich einen Jugendlichen ermittelt, der mutmaßlich als letzter abends im Schloss war und auch zugab, dort geraucht zu haben. Im "Brandermittlungsursachenbericht" vom 16. Januar und in der Ermittlungsmeldung vom 22. Januar 1981, die bis heute erhalten sind, steht es noch ein wenig ausführlicher. Demnach hatte der Achtklässler zugegeben, im dritten Stockwerk mit Holzspänen gekokelt zu haben. "Er trat das Feuer danach aus, jedoch glimmten nach seinen Angaben noch Holzreste", heißt es dort weiter. "Dann verließ er das Gebäude."

Nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich

"Allerdings hatten wir auch festgestellt, dass vor ihm auch andere Jugendliche im Schloss geraucht und mit Streichhölzern hantiert hatten", entsinnt sich Nüßgen. "Es wäre unfair gewesen, dem Jungen die Schuld in die Schuhe zu schieben, ohne zu wissen, wer den ursächlichen Schwelbrand gelegt hatte. Daher haben wir das Verfahren schließlich mangels Beweisen eingestellt."

Schon zu DDR-Zeiten seien auch ihm Theorien zu Ohr gekommen, der Staat habe seine Hände im Spiel gehabt. "Das war für uns aber keine Ermittlungsrichtung", sagt Nüßgen. "Aus heutiger Sicht würde ich das auch nicht völlig ausschließen - aber, ehrlich gesagt, ich halte das für ziemlich unwahrscheinlich."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.12.2011

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