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"Eine neue Form des Bösen" - Psychiater über Tötung auf Verlangen

"Eine neue Form des Bösen" - Psychiater über Tötung auf Verlangen

Ein klassisches sado-masochistisches Zusammenspiel sieht der österreichische Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller in der mutmaßlichen Tötung eines 59-jährigen Geschäftsmannes durch einen 55-jährigen Polizeibeamten in Dresden.

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In dieser Pension wurde das Opfer nach Ermittlungen der Polizei ermordet.

Quelle: Polizei

Haller ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und seit 20 Jahren ärztlicher Leiter des Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke und Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung und Buchautor. Er hat sich auch mit Josef Fritzl, Anders Breivik, dem Amokschützen von Winnenden und anderen Fällen beschäftigt.

Frage: Wie ist so eine Tat kriminalpsychologisch einzuordnen?

Reinhard Haller: Es ist eine neue Form des Bösen. Die Kriminalität wechselt im Laufe der Geschichte ihr Gesicht. Manche Taten verschwinden, andere treten in den Vordergrund. Darunter auch solche, die nur vor dem Hintergrund der modernen Kommunikation möglich sind. Das Internet hat zwei zusammengebracht, die sich sonst nie getroffen hätten.

Was lief zwischen Opfer und Täter ab?

Es handelt sich um eine zugespitzte klassische sado-masochistische Kollussion. Es trifft ein extremster Masochist auf einen extremsten Sadist. Ohne dass ich die beiden kenne und untersucht habe, lässt sich als Hypothese sagen: Es sind beides sexuell schwerst geschädigte Menschen.

Wie entsteht eine Opfer-Fantasie, sich töten und essen zu lassen?

Man geht von einer Störung der ersten beiden Lebensjahren aus. Es dürfte dort eine Entwicklungsverzögerung, eine Traumatisierung gegeben haben, an der er hängen geblieben ist. Die eine Deutungsrichtung sagt: Es hat sich ein derartiger Selbsthass entwickelt, dass das Opfer sich vernichten lassen möchte. Eine andere Deutungsrichtung geht davon aus, dass eine extreme Form der Selbstverliebtheit vorliegt. Das geht so weit, dass der Betreffende sich aufessen lassen möchte.

Und der Täter?

Beim Sadisten nimmt man ähnliche Störungen an, die vielleicht drittes, viertes Lebensjahr ausgeprägt wurden. Hier geht es um starke Machtbedürfnisse, gepaart mit sexueller Orientierungsstörung, die in diesen grauenhaften, blutigen Fantasien enden. Er hat ihn ja nicht nur zu Tode gebracht, sondern den Leichnam auch übel zugerichtet und einen schweren Sadismus bis zum Exzess ausgelebt.

Warum lassen sich solche frühkindlichen Prägungen später nicht ausgleichen?

Normalerweise überwindet man solche Traumatisierungen. Aber einige wenige bleiben daran hängen. Bei ihnen kann es dann zu diesen bizarren Ausprägungen kommen. Der Impuls ist stärker als ihre Hemmschwelle. Sie haben auch einen Moralinstinkt, aber das Empathievermögen fehlt oder ist hochgradig eingeschränkt.

Hatte der Polizeibeamte eine Doppelidentität?

Das kann man vermuten. Zwischen seiner Fassade, seiner sozialen Rolle, die er gespielt hat und seinem Inneren hat ein ganz diametraler Gegensatz bestanden. Das Innere war offensichtlich voll von sadistischen Fantasien. Dass er den Beruf des Polizisten gewählt hat, könnte ein Versuch gewesen sein, mit diesem Sadismus, diesen grauenhaften Fantasien fertig zu werden. Er ist 55 Jahre seines Lebens damit fertig geworden. Er muss sehr unter Strom, unter sadistischem Druck gestanden haben.

Wie viele Prozent der Bevölkerung haben diese Störung?

Die Schätzung liegt bei 0,1 bis 0,2 Prozent. Aber trotzdem lebt es nur ein ganz geringer Teil auf diese Weise auf. Die meisten gehen in einschlägige Studios und Clubs.

Interview: Andreas Friedrich

Andreas Friedrich

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