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Drama um erschossenen Hund von der Dürerstraße

Drama um erschossenen Hund von der Dürerstraße

Heiko Scheller kann immer noch nicht fassen, was sich am 6. September vor seinem Haus in der Dürerstraße zugetragen hat. Zur Mittagszeit war der 48-jährige Taxifahrer mit seiner geliebten Cho Cho eine Runde durch die Johannstadt gelaufen.

Sechs Stunden später ist die belgische Schäferhündin tot. Niedergestreckt von einem Polizeibeamten mit wenigen, gezielten Schüssen. Mitten auf der Dürerstraße.

Das Drama ereignete sich an jenem 6. September, an dem die gesamte Johannstadt Kopf stand. In den frühen Morgenstunden hatten Bauarbeiter an der Gerokstraße eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Die Polizei evakuierte die umliegenden Häuser in einem Umkreis von 400 Metern, rund 5000 Menschen durften stundenlang nicht in ihre Wohnungen.

Machte Polizei unnötig Stress?

Heiko Scheller ist einer von ihnen gewesen. Der Taxifahrer hatte sich nach der Frühschicht für ein paar Stunden schlafen gelegt, als es plötzlich im Flur klopfte und klingelte. "Ich wusste da schon von dem Bombenfund, habe mir aber nichts Schlimmes gedacht, weil ja über Lautsprecher durchgesagt wurde, dass wir unsere Wohnungen nicht verlassen sollen. Noch halb im Unterbewusstsein merkte ich dennoch, dass etwas nicht stimmt und ging kurz runter auf die Straße", erzählt Scheller den DNN.

Dort angekommen staunt der 48-Jährige nicht schlecht. Überall blitzt ihm Blaulicht entgegen. Heiko Scheller will zurück in seine Wohnung, in Ruhe ein paar Sachen packen und Cho Cho holen, denn dass sein Haus evakuiert wird, ist ihm mittlerweile klar. "In dem Moment blafften mich ein paar Polizisten an, wo ich denn jetzt noch hin wollte, dass ich doch jetzt nicht mehr in meine Wohnung könnte. Die interessierte überhaupt nicht, dass dort mein Hund saß und ich wegen einer schweren Erkrankung auch auf mein Sauerstoffgerät angewiesen bin."

Am Ende, so beschreibt es Scheller, einigte er sich mit den Beamten auf eine halbe Stunde, die er zum Packen seiner Siebensachen benötige. Zu der Zeit, gegen 16.30 Uhr, hatte die Evakuierung der Johannstadt ohnehin erst begonnen. Letztlich zog sie sich wegen einiger Unverbesserlicher, die in den Hochhäusern wohnen und sich verbarrikadierten, bis weit nach Mitternacht. "Die Polizisten gaben mir trotzdem nicht einmal die vereinbarten 30 Minuten zum Packen, die klingelten schon nach 20 Minuten Sturm. Ununterbrochen, richtig aggressiv. Da ist Cho Cho durchgedreht. Sie war ja ohnehin schon gestresst, spürte, dass dort draußen etwas los war."

Auch anderthalb Wochen später kämpft Heiko Scheller immer noch mit den Tränen, wenn er an das denkt, was dann passiert ist. Die kräftige Hündin entwischt durch die offene Tür, rennt auf die Dürerstraße und verbeißt sich dort laut Polizeibericht in einen anderen Hund. Es habe Gefahr für Leib und Leben bestanden, vor allem für die Halter des anderen Tieres, die mit einem Kleinkind unterwegs waren. Da fällt einer der Polizisten die tödliche Entscheidung - und erschießt Cho Cho.

"Ich war noch in meiner Wohnung, hörte von draußen den Schuss und dachte bloß, lasst das bitte jetzt nicht wahr sein", erinnert sich Scheller. "Ich ging nach draußen, sah meinen Hund in einer Blutlache liegen, durfte aber nicht zu ihm rüber. Stattdessen wurde ich von etwa zehn Polizisten im Spalier abgeführt, musste mich mit dem Rücken an ein Polizeiauto stellen. Die haben mich behandelt wie einen Schwerverbrecher und dabei ihre eigentliche Mission an diesem Tag vergessen. Die waren gekommen, um zu helfen, nicht um Krieg zu spielen."

Heiko Scheller lässt bis heute keine Ruhe, warum seine Cho Cho so plötzlich sterben musste. Pfefferspray oder ein paar Hiebe mit dem Schlagstock hätten den Hund doch sicher beruhigt, findet er. Der 48-Jährige hat schon an Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) und das sächsische Innenministerium geschrieben, fordert eine Entschuldigung und Schadensersatz. Scheller ist davon überzeugt, dass der Beamte, der seinen Hund erschoss, überreagiert hat. "Cho Cho hat sich bestimmt nicht in den anderen Hund verbissen, das Tier der Familie hat doch überhaupt nicht geblutet. Ich habe die verängstigte Mutter auch sofort gefragt, ob meine Hündin ihr Kind attackiert hat, und das hat sie verneint. Überhaupt, was wäre eigentlich passiert, wenn der Schuss daneben gegangen wäre. Wenn ein Querschläger die Kleine getroffen hätte?", fragt sich Scheller.

Thomas Geithner, der Sprecher der Dresdner Polizei, bestätigt gegenüber den DNN, dass der Fall Cho Cho dienstrechtlich überprüft wird. "Aufgrund der Gesamtumstände können wir natürlich die Enttäuschung und Verärgerung des Hundebesitzers verstehen und nachvollziehen. Dennoch gibt es manchmal Situationen, und von so einer gehen wir im Moment aus, die sich tatsächlich nur mit so einer Entscheidung beenden lassen", betont Geithner. Sollte sich herausstellen, dass die Erschießung der Hündin nicht gerechtfertigt war, werde die Polizei zu ihrer Verantwortung stehen. Zum Beispiel dienstrechtliche Schritte gegen den entsprechenden Beamten einleiten, der geschossen hat und nach DNN-Informationen aus dem Chemnitzer Raum stammen soll.

Stanimir Georgiew ist diesem Polizisten von Herzen dankbar. "Er hat Mut bewiesen und das Leben meiner Tochter geschützt", sagt der gebürtige Bulgare. Georgiew war mit seiner Familie am 6. September zur falschen Zeit am falschen Ort. Auf dem Weg zu ihrer Notunterkunft an der Canalettostraße begegneten sie auf der Dürerstraße der wildgewordenen Cho Cho. "Es ging ja alles unheimlich schnell, aber die Hündin von Herrn Scheller hat unsere Raja ganz direkt angegriffen, meiner Meinung nach mit dem Vorsatz, sie zu töten", beschreibt Georgiew.

Es sei zu einem Kampf gekommen. Georgiews Frau schlug auf Cho Cho mit einem Laptop ein, während ihr Mann versuchte, die aggressive Hündin irgendwie zu packen und festzuhalten. "Dann eilte uns der Polizist zu Hilfe. Er trug in diesem Moment nur die Pistole bei sich und kein Pfefferspray oder einen Schlagstock. Ich spürte, dass ihm dieser Schritt überhaupt nicht leicht fiel, aber er sah unsere hilflose Tochter im Buggy sitzen, niemand wusste, ob der Hund nicht auch sie noch anfällt. Deshalb hat der Beamte geschossen. Nicht weil er Wild-West spielen wollte."

Kerzen erinnern an Cho Cho

Trotz des Erlebten trauern Stanimir Georgiew und seine Familie mit Heiko Scheller um Cho Cho. Die tote Hündin so auf der Straße liegen zu sehen, sei für tierliebe Menschen wie sie ein großer Schock gewesen. An der Stelle, wo Cho Cho gestorben ist und an der Scheller in Erinnerung an seinen Hund Kerzen aufgestellt hat, standen auch schon die Georgiews zusammen. Mit Tränen in den Augen. Für Cho Cho.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.09.2013

Christoph Stephan

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