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Das feurige Geschäft der Dresdens Brandermittler

Das feurige Geschäft der Dresdens Brandermittler

Kleine Ursache, große Wirkung: Bemmchenkrümel, die sich wohl in einem Röstofen entzündeten, haben zu einem Brand in der Keksfabrik von "Dr. Quendt" geführt.

Kleine Ursache, große Wirkung: Bemmchenkrümel, die sich wohl in einem Röstofen entzündeten, haben zu einem Brand in der Keksfabrik von "Dr. Quendt" geführt. Am Tag danach untersuchten Kriminaltechniker gestern den Brandort. Wie aber können Ermittler und Techniker überhaupt später noch Brandherd und -ursachen finden? Wir haben Experten befragt.

Von Heiko Weckbrodt

Feuer kann wie ein böser Mensch sein: heimtückisch, sogar raffiniert. Das weiß Kriminalhauptkommissar Gerd Brochlitz nur zu gut: Jahrzehntelang war er Brandursachenermittler bei der Dresdner Polizei - in den 1980ern als Leiter der AG "Brände" und 1991 bis 2009 als Leiter des Brand-Kommissariats 12. "Normalerweise breitet sich ein Brand vom Herd aus in alle Richtungen aus, wenn kein Wind ins Spiel kommt", sagt er. Doch dieser Idealfall, der die Ursachenermittler rasch zum Zentrum der Zerstörung führt, wird in der Praxis oft durchbrochen: "Wenn etwa ein Fenster in der brennenden Wohnung springt, zieht das Feuer zum Sauerstoff. Das verändert das Bild später am Tatort. Und wenn das Feuer lange genug Zeit hat, heizt sich das Gebäude bis zum ,Flash- over' auf - dann brennt einfach alles." Dann erfasse ein Zerstörungsfeuer den gesamten Raum - für die Ermittler ein harter Brocken, da ein Ausgangspunkt später kaum noch ersichtlich ist.

Feuer springt gern mal

Auch nehme Feuer oft verschlungene Wege, fresse sich versteckt durch Wände oder mache gewaltige Sprünge, sagt der Ermittler. "Da gab es zum Beispiel mal einen Fabrikbrand, bei dem zunächst alles auf eine Papierpresse als Brandherd hindeutete, weil dort alles verkohlt war. Doch wie sich herausstellte, gab es 30 Meter weiter ein Gebläse, vor dem Papierschnipsel gelegen hatten." Mutmaßlich durch eine achtlos weggeworfene Zigaretten-Kippe seien diese Schnipsel ins Glimmen geraten und dann durch das Gebläse angefacht und quer durch die Halle zur Presse getragen worden.

So etwas herauszubekommen, ist der Job der Kriminaltechniker, von denen mehrere in der Polizeidirektion Dresden speziell für Brandermittlungen geschult sind. Sie legen nach einem vernichtendem Fabrikbrand den verkohlten Schutt Schaufel für Schaufel frei, fotografieren nach jedem Abhub, suchen Spuren. Und "Spuren" können nicht nur DNA eines Brandstifters, Fingerabdrücke, Textilfasern oder durchgeglühte Benzinkanister sein: "Vor allem technische Geräte sind oft Brandverursacher. Selbst kleinste Reste müssen sichergestellt werden und sei es nur ein Schräubchen, das von einer defekten Handy-Ladestation übrig geblieben ist", erklärt Brochlitz.

Zwei Superspürnasen für Sachsen

Parallel zu den Kriminaltechnikern verhören die Ermittler Zeugen, fahnden nach Amateur-Videoaufnahmen vom feurigen Geschehen, befragen Hausverwalter und Opfer. Blitzt der Verdacht auf gezielte Brandstiftung auf, ohne dass die Techniker fündig werden, muss manchmal tierische Hilfe her. "Dann schnüffeln Brandmittel-Spürhunde ganze Hallen ab", so Brochlitz. "Sie legen sich dort hin, wo sie Reste von Benzin oder ähnlichen Stoffen erschnuppern." Diese Hunde toppen modernste Technik: "Wenn der Hund nichts findet, dann war dort nichts."

Da es jedoch nur zwei solcher Superspürnasen für ganz Sachsen gibt, muss sich die Polizei oft mit schnöder Technologie zufrieden geben. Dann analysiert das Kriminaltechnische Institut im Landeskriminalamt die Proben mit Gaschromatografen, Ultraviolett-Analysatoren, Infrarot-Geräten, Spektroskopen und Elektronenmikroskopen: Stecken in dem verkohlten Lumpen Kohlenwasserstoffe, die auf benzingetränkte Lappen deuten? Gehört die sichergestellte Faser zu einem sehr seltenen Tweed-Mantel, den ein Brandstifter getragen hat?

Solche und ähnliche Fragen versuchen Sachverständige wie Ansgar Japes in den LKA-Laboren zu beantworten. "Im Jahr werden uns zirka 200 Spuren von Polizei und anderen Behörden vorgelegt", schätzt Japes. "Manchmal dauert die Analyse nur einen Tag, an anderen Problemen sitzen wir wochenlang."

Oft genug hat sich Brochlitz schon mehr solche Experten gewünscht. "Die Leute im LKA sind ja für ganz Sachsen zuständig und ziemlich ausgelastet", meint er. "Vor der Wende gab es dafür eine eigene AG bei der Dresdner Feuerwehr. Die hatten 15 bis 20 Kollegen vom Kaliber der heutigen LKA-Gutachter - Top-Leute mit Ingenieurabschluss als Brandursachenermittler. Aber Sie wissen ja, die Personalsparzwänge..."

Das verschätzt man sich schnell

Richtig beurteilen können ohnehin nur Profis die Kraft des Feuers, sagt der Hauptkommissar. "Vor ein paar Jahren hatte es in Leuben einen Hausbrand gegeben", erinnert er sich an ein Beispiel, wie sehr sich selbst erfahrene Polizisten verschätzen. "Die Wohnung war voll giftiger Rauchgase. Plötzlich stand da oben die Frau auf dem Balkon und schrie verzweifelt. Da ist ein Schutzpolizist reingerannt. Beide haben zwar überlebt. Aber das war ganz, ganz knapp."

Anderes Beispiel: In einem Ein-Familienhaus entzündete ein Halogenstrahler das Kinderzimmer. Die Feuerwehr rückte an, rettete alle, löschte die Flammen - und ließ die Fenster auf, um das verrauchte leere Haus über Nacht zu lüften. "Dabei haben die Kollegen ein Glutnest übersehen", erinnert sich Brochlitz. "Der Wind zog durch die Fenster, fachte das Feuer wieder an - und nachts um 2 Uhr brannte das gesamte Haus ab."

Glimpflich ausgegangen ist dafür der Brand in der Quendt-Fabrik am Dienstagnachmittag: Als die Feuerwehr anrückte, waren alle Mitarbeiter aus dem qualmenden Obergeschoss evakuiert. Von zwei Mitarbeitern, die mit einem CO2-Feuerlöscher gegen den Maschinenbrand vorgegangenen waren, musste nur einer vorsorglich zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht werden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.09.2012

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