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Zwischen Hoffnung und Resignation - zu Gast in einem Dresdner Nachtcafé

Zwischen Hoffnung und Resignation - zu Gast in einem Dresdner Nachtcafé

"Ich komme zurecht, wir alle kommen zurecht", sagt Andreas. Der 64 Jahre alte Obdachlose sitzt an einem Tisch im Nachtcafé des Evangelischen Gemeindehauses Dresden-Laubegast, etwas abseits von den anderen.

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Ein Besucher des Nachtcafes der St. Petrus Gemeinde in Dresden-Strehlen unter Decken auf einer Schlafmatte in den Räumlichkeiten der Gemeinde.

Quelle: dpa

Grünen Tee trinkt er am liebsten, außerdem mag er Dinkel-Produkte. Der Mann mit dem wachen Blick und dem blauen Kapuzenpullover lebt asketisch.

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Einblicke in das Nachtcafe in Dresden-Strehlen

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Gern läuft er barfuß - selbst im Winter. Andreas schwört auf Hildegard von Bingen, er nennt sie die „Heilige Hildegard“. Schon seit 1985 ernährt er sich nach ihren Maßgaben. „Ich faste jeden Tag“, sagt er etwas schelmisch. Denn im Nachtcafé wird natürlich das gegessen, was auf den Tisch kommt. An diesem Abend ist es Erbensuppe. Die hat ein regionaler Energieversorger gesponsert. Außerdem haben die Frauen der Gemeinde Nudeln und Hühnerfrikassee gekocht, ein Obstsalat rundet das Menü ab. Selbst frisch gepresster Orangensaft ist im Angebot.

Für obdachlose Menschen keine Alltäglichkeit. „Das Schönste ist, dass es so etwas überhaupt gibt“, betont Andreas und lässt den Blick durch den Saal schweifen: „Wir werden bevorzugt.“ Das sagt ausgerechnet ein Mann, der die Schattenseiten des Lebens jeden Tag aufs Neue kennenlernt. Aber Andreas scheint ohnehin nicht der „typische Obdachlose“, wie ihn das Vorurteil von Zeitgenossen geprägt hat. Mit Alkohol hat er jedenfalls nichts am Hut - im Unterschied zu den meisten im Nachtcafé.

„Klar ist Alkohol ein großes Problem.“ Er kenne Leute, die nur Flaschen sammeln, um sich dann selbst eine Flasche Schnaps zu kaufen. Er selbst gönne sich höchstens mal ein Glas Wein. Irgendwie hat das harte Leben auf der Straße bei Andreas äußerlich kaum Spuren hinterlassen. Die Haut ist glatt, die Figur drahtig. Wenn der 64-Jährige lächelt, mutet er wie ein Guru an. Er gehe nicht nur jeden Tag Flaschen sammeln, sondern auch in die Bibliothek. „Ich lese aber keine Romane, nur Bücher über Mathematik.“ Speziell die Primzahlen haben es ihm angetan.

Andreas sieht eine enge Verbindung zwischen Religion und Mathematik. Manchmal wirkt es so, als wolle er sich mit den Zahlen eine Parallelwelt erschaffen. Über private Dinge möchte Andreas nicht sprechen. Irgendwann hat er ein ganz normales Leben geführt. Als Gitarrist einer Band sorgte er mit „Stimmungsmusik“ bei anderen für Lebensfreude. Zuletzt hat er als Pförtner in einer Hochschule gearbeitet. Warum er auf der Straße landete, behält er für sich. Jetzt ist er schon den vierten Winter im Nachtcafé.

Direkte Freundschaften pflege er hier nicht. „Ich bin ein Einzelgänger, Solist, bin gern allein.“ Andererseits will er sich aber auch nicht ausschließen. Manches an Andreas klingt widersprüchlich, vielleicht gehört das zum Leben eines Obdachlosen dazu. Und manche Nachfrage lächelt Andreas auch weg. Dennoch gibt er bereitwillig Auskunft über seinen Tagesablauf.

Gegen 7 Uhr schließt das Nachtcafé. Dann fährt er mit der Bahn in die Innenstadt. Zunächst muss er seine drei Beutel Gepäck in einem Schließfach unterbringen, manchmal ein Problem. Wenn es nicht gleich klappt, fährt er noch eine Runde Straßenbahn. Denn für das Flaschensammeln braucht er freie Hände. Im Winter läuft das Geschäft eher schleppend. „Manchmal sind es nur zwei Euro am Tag.“ Im Sommer mit all den Touristen seien dagegen auch mal sieben Euro drin. Wenn er einen „Fremdling“ auf seiner Runde trifft, sieht er in ihm keine Konkurrenz. „Ich denke nur: „Da hat es wieder einen erwischt“.“

Für Heidi Paul, die „gute Seele“ des Nachtcafés in Laubegast, gehört Andreas zu den angenehmen Gästen. Das sind die, die sich an die Regeln halten und denen mal ein Danke über die Lippen kommt. Es gibt auch andere. Aber mit den meisten kommt die 67 Jahre alte Betreuerin klar. Die frühere Fachverkäuferin und Chefin eines Kohlehandels arbeitet seit 1997 in den Nachtcafés. Zwei Jahre zuvor war die erste Einrichtung dieser Art in Dresden entstanden.

Heute gibt es sie in vielen deutschen Städten. In Dresden werden sie von der Diakonie betrieben. Aber auch die Katholische Kirche und die Heilsarmee sind beteiligt. Sieben Kirchen und Gemeindehäuser in verschiedenen Stadtteilen machen mit. Jedes ist an einem anderen Tag dran und öffnet mit dem Nachtcafé von 20.00 bis 07.00 Uhr am nächsten Morgen. Der Eintritt kostet einen Euro. Dafür erhalten die Obdachlosen ein warmes Abendbrot und ein Frühstück. Sie können duschen und ihre Sachen waschen lassen. Die Schlafsäle bieten bis zu 25 Betroffenen Platz, meist kommen 15 bis 20 Bedürftige in die Nachcafés. Der Schlafplatz selbst ist mit Isoliermatte und Decken eher spartanisch.

Die Nachtcafés haben vom 1. November bis 31. März geöffnet und finden immer mehr Zulauf. Ende 2007 gab es in Dresden offiziell 350 Obdachlose, jetzt wird ihre Zahl auf mehr als das Doppelte geschätzt. Etwa 270 davon leben in Übergangsheimen der Stadt. Der Anteil von Ausländern nimmt zu, oft stammen sie aus Polen. „Keiner sollte sicher sein, dass es ihn nicht selbst treffen kann“, sagt Heidi Paul. In all den Jahren hat sie verschiedenste Schicksale Obdachloser kennengelernt. „Wir haben Gäste, die waren früher Ingenieure“, sagt die engagierte Frau. Eigentlich hatte sie sich vor zwei Jahren schon aus dem sozialen Projekt verabschieden wollen, weil die Familie mit Kindern und Enkeln viel zu kurz kam. „Ich habe aber so viel Herzblut in diese Arbeit gesteckt, da konnte ich nicht einfach aufhören.“

Paul betreut auch Gefangene in Haftanstalten. Manchmal überschneidet sich die Arbeit, Gäste aus den Nachtcafés hat sich später manchmal im Knast wiedergetroffen. An diesem Abend ist sie erstmal als „Pflegemutter“ gefragt. Heiko, ein junger Alkoholiker, liegt im Schlafraum des Nachtcafés auf einer Liege und krümmt sich vor Schmerzen. Nur bruchstückhaft kann er Auskunft geben, wie es dazu kam. Streit um Schnaps, deshalb wurde er verprügelt. Jetzt tut ihm alles weh. Pauls Kollege Steffen Kühn greift zum Telefon, um den Notarzt zu rufen. Heiko winkt zunächst ab, will erst noch eine Zigarette rauchen. Dann geht er stöhnend nach draußen.

Es sind Begebenheiten wie diese, die Peter Schlapa zu schaffen machen. Der 65-Jährige arbeitet ehrenamtlich als Betreuer im Nachtcafé. „Als ich meinen ersten Dienst hatte, war ich völlig fertig“, berichtet der frühere Sänger und Chef einer Künstleragentur. Anfangs habe er schon das Bedürfnis gehabt, auf die Gäste einzuwirken und sie zu motivieren. Aber jetzt hält er sich zurück. „Die wollen keine Belehrungen, die blocken das ab.“ Am liebsten würden sich die Betroffenen mit den Helfern über ganz belanglose Sachen unterhalten. „Mit manchen muss man aber auch Klartext reden“, fügt Heidi Paul hinzu. Das passiert beispielsweise dann, wenn Gäste gegen die Regeln verstoßen oder völlig verwahrlost im Café erscheinen - mit üblem Körpergeruch.

Allerdings funktioniert mitunter die soziale Kontrolle untereinander. Wenn ein Gast zu sehr stinkt, beschweren sich auch die anderen. Dann muss er erstmal in die Dusche, berichten die Betreuer. Alkohol ist im Nachtcafé tabu. Heidi Paul kennt die Tricks ihrer „Pappenheimer“, die schnell mal ein Flasche nebenan im Gebüsch deponieren, um so für nächtlichen Durststrecken vorzusorgen.

Johannes (51) gehört zu jenen Gästen, denen ihr Schicksal nicht anzusehen ist. Bis 2009 war er bei einem Reinigungsservice tätig. „Eines Tages habe ich den Generalschlüssel versiebt, das war ein Kündigungsgrund.“ Johannes kam nie wieder richtig auf die Beine. „Arbeit verloren, Wohnung verloren“, beschreibt er den für sich verhängnisvollen Kreislauf. Dabei sei er nur einen Monat mit der Miete im Rückstand gewesen. Inzwischen findet er bei einer Bekannten gelegentlich Unterschlupf. Das ist auch seine offizielle Adresse für die Behörden.

2012 hat sich Johannes nach eigenen Angaben 10 Mal für eine Wohnung beworben. Ein Schufa-Eintrag erschwert die Suche. Dass er nach der Trennung von seiner Frau den Kontakt zu den Kindern verloren hat, schmerzt ihn am meisten. „Um die Kinder tut es mir leid“, sagt der gelernte Dreher, der früher auch mal Lehrausbilder war. Deshalb führen die Kinder seine Wunschliste für die Zukunft an. „Die Kinder, Arbeit, Wohnung“, listet er seine Prioritäten auf. Es sei schön, wenn man anderen Leuten auch mal helfen könne. So wie 2011, als er mit 50 anderen freiwillig die Traversen des Dresdner Dynamo-Stadions von Schnee beräumte und dafür eine Gratis-Karte für das Spiel bekam. „Derzeit kann ich mir eine Eintrittskarte nicht leisten.“

Sozialarbeiter Kühn schätzt ein, dass 90 Prozent der Gäste ein Alkoholproblem haben. Nur ganz wenige würden den Schritt aus dieser Szene heraus schaffen. „Eigentlich könnte jeder eine Wohnung haben, wenn er sich bei den Behörden meldet und den ganzen Papierkram ausfüllt. Aber die ganze Bürokratie schreckt viele ab. Die ziehen sich einfach zurück.“ Kühn kennt Obdachlose, die sogar gänzlich auf Sozialleistungen verzichten, weil sie mit dem Beantragen überfordert sind. „Die gehen nur Flaschensammeln.“ Deshalb wünscht er sich mehr Betreuer, die Betroffene beim Gang auf Ämter an die Hand nehmen. Oft würden sie dort von „oben herab“ behandelt.

Bis 31. März haben die Nachtcafés noch geöffnet. Dann sind die Nomaden von Dresden wieder allein auf sich gestellt. Jeder hat so seine eigene Strategie entwickelt, wie er damit zurechtkommt. „Ich bin viel an der frischen Luft. Das tut mir gut, da tanke ich Energie“, erzählt Johannes. Andreas gibt seinen Aufenthaltsort ab April nur vage an. „Ich bin im Busch.“ Eigentlich würde er am liebsten als Gärtner arbeiten. Ihn schmerze es regelrecht zu sehen, wie die Bäume überall in Dresden falsch verschnitten und verstümmelt würden. Andreas hat da seine eigene Verschwörungstheorie entwickelt, aber die behält er heute lieber für sich.

Stephan LohseJörg Schurig, dpa

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