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Zwei Dresdner per Anhalter auf dem Weg nach Paris

Zum Klimagipfel Zwei Dresdner per Anhalter auf dem Weg nach Paris

1027 Kilometer: Es nieselt. Es ist kalt. Der Wind bläst eisig. Wir treffen uns um 7.30 Uhr am Bahnhof Mitte. Wir, das sind Andreas Sieber und ich. Andreas kenne ich vom Studium. Er ist Klima-Aktivist bei "Climate-Tracker", einem internationalen Blogger-Netzwerk mit 2000 Aktiven aus über 80 Ländern.

Unser Autor Paul Felix Michaelis (rechts) und Klima-Aktivist Andreas Sieber am Ziel ihrer Reise in Paris.

Quelle: Privat

Dresden. Er hat eine der begehrten Akkreditierungen für den Weltklimagipfel in Paris ergattert. Wir haben uns ein ehrgeiziges Ziel gesetzt und wollen für die über 1000 Kilometer lange Reiseroute kein Geld ausgeben. Also beschlossen wir, per Anhalter zu reisen.

1014 Kilometer: Jede Reise fängt mit dem ersten Schritt an. Unsere beginnt an der Autobahnraststätte "Dresdner Tor". Wir kramen unser Schild hervor - das unverzichtbare Werkzeug eines jeden Trampers. In großen, freundlichen Buchstaben steht darauf geschrieben: "WELTKLIMAGIPFEL PARIS".

Wir haben noch nicht einmal die Tankstelle erreicht, als ein dunkleblauer Golf GTI mit belgischem Kennzeichen neben uns anhält. Eine dunkelblonde Frau öffnet die Fahrertür. Sie fahre nach Brüssel und würde uns mitnehmen. Wir sind einverstanden, obwohl Brüssel nicht direkt auf unserer Route liegt. "Ich wollte schon immer etwas Gutes tun. Aber bringt mich bitte nicht um", scherzt sie auf Englisch mit polnischen Akzent. Ewelina hat am Wochenende spontan ihre Mutter in Krakau besucht und ist jetzt auf dem Weg nach Hause.

Wir benötigen über zehn Stunden nach Brüssel. Mehr als genug Zeit, um sich auf Englisch über die Flüchtlingskrise, Religionen, den VW-Abgas-Skandal oder das Verhalten sowie die Macken polnischer und deutscher Eltern zu unterhalten. In der Nähe von Kassel bietet Ewelina uns eine Übernachtungsmöglichkeit in ihrer Wohnung an: "Wir sind in der Europäischen Union. Wir sollten uns gegenseitig vertrauen können, statt Angst vor allem zu haben!" Wir nehmen dankbar an. Gegen 17 Uhr und 400 Kilometer vor Brüssel übernimmt Andreas das Steuer. Ewelina ist bereits seit 14 Stunden auf den Beinen.

309 Kilometer: In Brüssel angekommen, essen wir gemeinsam mit unserer Gastgeberin hausgemachte Pirogi, Bigos und eingelegte Gurken. "Ich muss morgen früh um 6 Uhr los, um auf die Kinder meiner Chefin aufzupassen. Aber ihr könnt solange hierbleiben, wie ihr wollt." Wegen des nunmehr viertägigen Ausnahmezustandes in Brüssel sind alle Kindergärten und Schulen geschlossen. Also muss Ewelina einspringen und sich um die fünf kleinen Kinder kümmern. Am nächsten Morgen räumen wir auf, machen das Bett und hinterlassen ein Paar Dankeschön-Post-Its.

Am Place du Jourdan, mit seinen Bistros, Kneipen und Restaurant ein beliebter Treffpunkt bei europäischen Abgeordneten, stehen zwei Soldaten in voller Kampfmontur am Hotel "Sofitel" Wache. Dieses Bild wiederholt sich an jedem Hoteleingang mit mindetens drei Sternen. Die Spielplätze sind verwaist, alle kommunalen Einrichtungen und knapp die Hälfte aller Geschäfte geschlossen.

297 Kilometer: Wir besteigen einen Zug, der uns zum Bahnhof "Gare du Midi" bringt, von wo aus wir einen Bus an den Brüssler Stadtrand nehmen. Immer unter den wachsamen Blicken dutzender Polizisten und Soldaten mit Maschinenpistolen.

Es fängt wieder zu regnen an. Ich stehe an einer Tankstellen-Auffahrt und halte das Schild hoch. Derweil fragt Andreas die Fahrer an den Zapfsäulen, ob sie nach Paris fahren. Nach einer knappen Viertelstunde hält ein weißer Lieferwagen hinter mir an. Vincent will uns bis zum nächsten großen Rastplatz vor der Grenze bringen. "Ihr seid doch keine Flüchtling oder Terroristen", sagt er lachend, als er uns die Tür zur Ladefläche öffnet.

242 Kilometer: Vincent fährt die nächste Abfahrt von der Autobahn hinunter, da er in einem kleinen Dorf nahe der belgischen Grenze wohnt. Der Regen fällt jetzt sintflutartig. Dieses Mal hat Andreas Glück. Axel aus Straßburg wird uns ein kleines Stück mitnehmen. Er fährt zu einem Fußballspiel nach Vennencien und nimmt uns bis zu einem Rasthof mit.

228 Kilometer: Leider scheint der Rasthof nur bei belgischen Pendlern auf dem Heimweg beliebt zu sein. Nach fast einer Stunde vergeblicher Bemühungen verlässt uns langsam der Mut. Kurz bevor wir endgültig aufgeben, hält ein weißer Lieferwagen mit Bielefelder Kennzeichen an der Zapfsäule. Andreas und ich gehen auf den Mann mittleren Alters zu. "Warum wollt ihr nach Paris?" "Seid ihr wirklich Deutsche?" "Habt ihr eure Ausweise dabei?" "Gut. Ich nehme euch mit." Christian stammt aus der Eifel und transportiert medizinische Luftfracht zum Pariser Flughafen Charles de Gaulle.

23 Kilometer: Wir sind überrascht, als Christian plötzlich anhält und uns aussteigen lässt. "Da drüben fängt die Sicherheitszone an. Bleibt sauber und legt euch nicht mit der französischen Polizei an!" Wir sind inmitten eines komplizierten Labyrinthes aus Autobahnen, Zubringern, Verladestationen und Rollfeldern gestrandet. Um die letzten Kilometer mit Bus und Bahn hinter uns zu bringen, brauchen wir zwei Stunden.

0 Kilometer: Gare du Nord. Wir sitzen in einem Bistro und gönnen uns ein Drei-Gänge-Menü. Ein gelungener Abschluss einer mehr als 30-stündigen Reise. Wir trafen hilfsbereite und freundliche Menschen aus ganz Europa. Wir waren der Gnade vollkommen Fremder ausgeliefert. Als wir uns aufmachen, um ein Hotel zu suchen, regnet es immer noch - aber es regnet in Paris!

Paul Felix Michaelis

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