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Zwei Dresdner Physikerinnen setzen sich durch

Zwei Dresdner Physikerinnen setzen sich durch

Als Claudia Felser in den 60ern im Rheinland aufwuchs, ging es doch noch recht konservativ zu. Erst wenige Jahre zuvor war aus dem westdeutschen BGB der Paragraf gestrichen worden, der Frauenarbeit nur erlaubte, wenn der Gatte sein Okay gab.

"Meine Mutter war überzeugt, dass ich mal Krankenschwester werde und mir einen Mann angele", erzählt die Tochter eines Programmierers. Deshalb wurde sie, anders als ihre Brüder, auch nicht aufs Gymnasium, sondern in die Realschule geschickt. Bis dort ein Mathelehrer erkannte, welche Talentverschwendung das war und das Mädchen zum Gymnasium lotste.

Heute ist Claudia Felser 52 Jahre alt und die Direktorin des renommierten Dresdner Max-Planck-Instituts für Chemische Physik fester Stoffe. Wenn sie gerade nicht ihre 200 Forscher und Forscherinnen dirigiert, jagt sie mysteriösen Elektronen-Paaren hinterher, versucht sie herauszubekommen, warum manche tiefgekühlte Hightech-Keramiken plötzlich anfangen, Strom widerstandslos zu leiten.

In der kommenden Woche wird sie auf Einladung der "Deutschen Physikalischen Gesellschaft" (DPG) vor etwa 200 jungen Wissenschaftlerinnen auf der "18. Deutschen Physikerinnentagung" (16.-19. Oktober) in Dresden den Eröffnungsvortrag über die Zukunft der Computertechnik in der "Spintronik" halten. Und sie wird die Forscherinnen ermutigen, in den männlich dominierten Naturwissenschaften nicht lockerzulassen.

Jetzt mag Felser für andere Frauen ein Vorbild sein. Doch ihre steile Karriere in einer Disziplin, die eigentlich als Männerkram verschrieen ist, war für die Physikerin und Chemikerin alles andere als eben: "Man muss natürlich erst mal sehr gut sein, um sich als Frau unter lauter männlichen Physikern zu behaupten", sagt sie. "Aber es gehört eben mehr dazu: Man muss ambitioniert sein, eloquent, ehrgeizig und neben aller Exzellenz vor allem auch Durchhaltevermögen haben", legt sie jungen Naturwissenschaftlerinnen, die bei ihr promovieren, gern und oft ans Herz.

Sicher sei es für sie eine Art Startbonus gewesen, dass Interesse an Technik und Mathematik in der Familie lagen und sie unter vier Brüdern beizeiten gelernt habe, wie Männer ticken. "Vor allem aber hat mir sehr geholfen, dass es auf allen Stufen meiner Karriere Mentoren gab, Männer wie Frauen, die mich unterstützt haben, die erklärt haben, worauf es ankommt, worauf man sich konzentrieren muss, wie manche Dinge laufen." Freilich habe ihr Weg private Zölle gefordert. "Ich habe Familie und Wissenschaft nicht wirklich unter einen Hut bekommen: Nach meiner Promotion war ich geschieden."

Aus der Erfahrung heraus hat sie jetzt immerhin einen Partnerschafts-Tipp für Kolleginnen: "Nehmen Sie sich lieber keinen Akademiker, der sich auf das gleiche Gebiet spezialisiert hat", rät sie. "Kaum ein Institut braucht zwei Leute mit der selben Spezialisierung. Die Chance, in der gleichen Stadt eine Berufung zu bekommen, sinkt damit automatisch." Auch gerate man in Deutschland schnell in den Ruch von Vetternwirtschaft, wenn ein Paar ans selbe Institut berufen werde. Dies müsse sich unbedingt ändern, damit Frauen akademische Berufe und Familie künftig besser vereinbaren können, sagt Felser: "In den USA sind solche ,Dual Career'-Lösungen selbstverständlich."

Solche und andere Ratschläge werden sicher auch auf der Tagung in Dresden eine Rolle spielen - auch wenn die sich vor allem auf das Fachliche fokussiert. "Für uns war es wichtig, Physikerinnen die Chance zu geben, auch mal untereinander zu sein, wenn sie Forschungsergebnisse diskutieren", betont Experimentalphysikerin Dr. Irena Doicescu von der TU Dresden, die zum hiesigen Organisationsteam der Tagung gehört. "Und wir wollen damit weibliche Netzwerke in einer typischen Männerdisziplin knüpfen und stärken."

Zwar sei die Zeit der plumpen Vorurteile nach dem Motto "Frauen haben keinen Plan von Naturwissenschaft" schon zu ihrer Studienzeit längst passé gewesen, betont die 43-jährige Forscherin. "Aber wenn es hochkam, lag der Frauenanteil in den Physikseminaren vielleicht bei fünf Prozent." Inzwischen seien Frauen in Physik und Chemie zwar präsenter, meinen Doicescu wie Felser. Aber gewisse Mechanismen wirken eben immer noch. "Während die Frauen nach Hause eilen, gehen die männlichen Kollegen nach der Arbeit ein Bier zusammen trinken und treffen dabei wichtige Entscheidungen", weiß Felser. "Solche Sachen muss man sofort offen ansprechen, sonst setzt sich das immer so fort."

"18. Deutsche Physikerinnentagung" der DPG in Dresden, Physikgebäude der TU Dresden, Haeckselstraße 3, mit Kinderbetreuung und Schülerinnen-Programm, Anmeldung im Netz: physikerinnentagung.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.10.2014

Heiko Weckbrodt

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