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Zungen, Heilige und der Papst: Der Dresdner Siegfried Lorenz ist 86 und noch immer auf der Suche

Zungen, Heilige und der Papst: Der Dresdner Siegfried Lorenz ist 86 und noch immer auf der Suche

Sein Buch über die Apollonia steht in der Vatikanischen Bibliothek. Siegfried Lorenz muss heute noch lachen, wenn er die Geschichte dazu erzählt. Der studierte Dentist kennt die Schutzheilige der Zahnärzte und Zahnkranken wie kaum ein zweiter.

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Siegfried Lorenz und der von ihm entworfene Zungenschaber, den seit 2007 die Freitaler Bombastus-Werke vertreiben.

Quelle: Anja Schneider

Gut 200 000 Kilometer ist er durch die Welt getourt, überall hat er mit seiner Exacta Varex die Apollonia fotografiert oder fotografieren lassen - in Kirchen, Klöstern, Museen, auf Stoffen, Schriftstücken und Münzen. Material, das er für seine alljährlich erscheinenden Kalender sammelt. Irgendwann war ein Buch daraus geworden. "Das hab ich im Oktober 2003 Papst Johannes Paul II. zum 25. Amtsjubiläum nach Rom geschickt", erzählt Lorenz. Er hatte nicht erwartet, je wieder etwas davon zu hören. Doch weit gefehlt. Monate später fuhr eine schwarze Limousine vor seinem Wohnhaus in Bühlau vor. Ein schwarz gewandeter Prälat stieg aus, klingelte und wollte ihn sprechen. Der Mann, so Lorenz, kam vom Papst, hatte einen Dankesbrief dabei und: "Der hat mich und meine Frau gesegnet".

Siegfried Lorenz lacht zwar verlegen, als er das schildert, doch seine Augen funkeln stolz. Dem Katholiken, der heute 86 Jahre alt ist, konnte schwerlich Besseres passieren. Obwohl, meint er, etwas gäbe es da schon: den Wortlaut jener Erlaubnis, mit der Dentisten vor 200 Jahren auf Dresdner Märkten praktizieren durften, den hätte er schon sehr, sehr gern. Trotz ausgiebiger Recherchen in Archiven und Sammlungen sei er da keinen Schritt weitergekommen. Und das will etwas heißen, denn Siegfried Lorenz, der Zahntechniker und Historiensammler, ist ein wahrhaft beharrlicher Mann.

Erfolg bei Bombastus

Gutes Beispiel: Sein Zungenreiniger. Lorenz hat, nun ja, eine Mission. Nichts, liebe Skeptiker, was nach Behandlung schreit. Nein, einfach nur einen Plan, der Zunge im Bereich Mundhyhgiene in Deutschland zu mehr Geltung zu verhelfen. Missioniert hatte ihn ein internationaler Kongress zur Zungenhygiene 2004, bei dem in Dresden auch Experten aus Fernost auftraten. In der traditionellen Chinesischen Medizin nämlich kommt der Zunge seit Jahrtausenden eine ähnliche Bedeutung zu wie den Füßen - alle Organe offenbaren hier anhand des Belages einem kundigen Blick, wie es um sie im einzelnen bestellt ist. In Europa hat man es mehr mit der Technik. Hier glaubt man an Ultraschall und Computertomografie. Was die Diagnostik angeht, fristet die Zunge eher ein Schattendasein.

Das wollte und will Siegfried Lorenz ändern. Der Zahntechniker wälzte Bücher, interviewte Fachleute, warb um Unterstützung. Und er entwickelte einen Zungenreiniger, der sich "perfekt der Zungenoberfläche anpasst". Denn, so ist er überzeugt, die Bakterien, die sich dort sammeln, sind nicht nur für die Verdauung unabdingbar, sondern auch für Krankheiten zuständig und als Zersetzungsprodukt vor allem für schlechten Atem verantwortlich. Die Patentanmeldung und die Suche nach einem Produzenten haben ihm vor zehn Jahren die letzten Nerven geraubt, doch seine Beharrlichkeit zahlte sich am Ende aus. Der Lorenz'sche Zungenreiniger wird seit 2007 unter Regie der Freitaler Bombastus Werke hergestellt. "Wir ordern derzeit jährlich um die 2500 Stück beim Kunststoff-Spritzguss-Hersteller 1st-mould GmbH in Heidenau", sagt Bombastus-Vertriebsleiter Wieland Prokno auf Anfrage. Verpackt werden die zarten bunten Geräte in einer Freitaler Reha-Werkstatt, zu haben sind sie derzeit nur im Apothekenvertrieb. Wer die Zungenreinigung nicht belächelt, sollte die Schaber getrost ausprobieren.

Beharrlichkeit zeichnet Siegfried Lorenz aber weiß Gott nicht nur bei seinen Überzeugungen aus. Er hat sich durchgebissen im Leben, hat sich seine Entscheidungen nicht leicht gemacht, und er ist, mit 86, noch immer auf der Suche.

Den Johannstädter, Jahrgang 1928, hatte es mit 17 nach Tschechien verschlagen. Die Familie war ausgebombt, der Vater, Prokurist bei den Fettstoffwerken Georg Münch, wurde 1944 zur Arbeit in den Ostgebieten zwangsverpflichtet. Siegfried verließ mit Eltern und jüngerer Schwester die Stadt. Weil sie als Reichsdeutsche galten, durften sie nach dem Krieg in der Tschechoslowakei bleiben. Siegfried Lorenz - er sprach inzwischen perfekt Tschechisch und liebte Bier und Knödel - setzte seine in Dresden begonnene Dentisten-Ausbildung in Prag fort und ging danach an eine Poliklinik in Karlsbad. "Mir lag die Technik, der Zahnersatz, immer sehr am Herzen, weniger die chirurgischen Sachen", erzählt er heute.

Das Glück an der Elbe

1956 wollte Lorenz zurück nach Deutschland. In der Berliner Botschaft hatte er die Wahl - Ost- oder Westdeutschland? "Die Mauer gab es ja noch nicht". Lorenz sah sich beide Deutschlands an, ehe er sich entschied. In Westberlin, so erinnert er sich, habe er damals einen Dresdner Zahnarzt getroffen. Dessen Firma war gerade vom Branchenriesen Degussa geschluckt worden. "An der Art und Weise, dort Geschäfte zu machen, hat mir nicht gefallen", begründet er im Rückblick, warum es schließlich doch der Osten wurde.

Familiennachfolge gesichert

Und was für ein Glück entwuchs dieser Wahl: Nur Wochen nach seiner Heimkehr an die Dresdner Elbe nämlich traf er Gertrude wieder. Jene kluge, zielstrebige Frau, mit der er bis 1944 die Wirtschaftsoberschule in der Ostra-Allee besucht hatte. Am 11. Oktober 1958 wurde aus Gertrude Wolf Gertrude Lorenz. "Seit über 50 Jahren sind wir verheiratet", sagt der Ehemann, nicht ohne zu erwähnen, dass das unter Kollegen gern mal zu einschlägigen Sprüchen führt. Doch das perlt an ihm ab. "Wir haben zusammen

so viele Höhen und Tiefen geschafft, in unserm Alter sattelt doch keiner mehr um, wenn er bei Trost ist", erklärt er augenzwinkernd. Seine Frau, inzwischen 93, sei fit und gesund: "Sie ist ein Stehaufmännchen", sagt er mit viel Wärme und Zuneigung in der Stimme.

Lorenz suchte sich Arbeit bei einem Zahnarzt in der Nöthnitzer Straße, ehe er sich 1963 mit einem Dentallabor am Weißen Adler selbstständig machte. Nach der Wende baute er an der Grundstraße neu - ein Gebäude mit drei Etagen, in das auch eine Zahnärztin mit einzog. Die Lorenz Dental Dresden GmbH liefert nicht nur Zahnprothesen, sondern auch Beatmungsmasken für Schwerbehinderte, die ihren Brustkorb nicht mehr heben können. Die Firma wird seit 2006 von seiner Tochter Sabine und seinem Enkel Torsten geführt. "Beide Zahntechniker", so Lorenz. Was sonst.

Bei einer Umfrage unter Rentnern hatte der umtriebige Mann vor fünf Jahren einem Reporter erklärt, er arbeite noch täglich sechs Stunden im Dentallabor - unentgeltlich, versteht sich. Inzwischen lässt er sich dort seltener blicken. Er hat viel zu tun mit seinen Hobbys, der Apollonia-Suche und der Geschichte der Zahnmedizin. Die neuesten Kalender für 2015 sind aus der Druckerei zurück und müssen unters Volk, außerdem harrt seine inzwischen 1200 Seiten umfassende Geschichte der Zahnmedizin ihrer Vollendung. Anfang 2015, sagt er, will er damit fertig sein und sich einen Verlag suchen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.11.2014

Barbara Stock

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