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Zum Tode des Dresdner Architekten und Restaurators Jürgen Mehlhorn

Retter der Inneren Neustadt Zum Tode des Dresdner Architekten und Restaurators Jürgen Mehlhorn

Hätte es Jürgen Mehlhorn nicht gegeben, die Innere Neustadt wäre ein anderer Ort. Ein ärmerer Ort. Der Dresdner Architekt und Denkmalschützer galt als Idealist. Mit viel Leidenschaft, Expertise und Hingabe hat er dafür gesorgt, dass wertvolle barocke Bausubstanz nicht gänzlich unter billigen DDR-Plattenbauten verschwand.

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Jürgen Mehlhorn, wie ihn seine Weggefährten in Erinnerung haben.

Quelle: privat

Dresden. Hätte es Jürgen Mehlhorn nicht gegeben, die Innere Neustadt wäre ein anderer Ort. Ein ärmerer Ort. Der Dresdner Architekt und Denkmalschützer galt als Idealist. Mit viel Leidenschaft, Expertise und Hingabe hat er dafür gesorgt, dass wertvolle barocke Bausubstanz nicht gänzlich unter billigen DDR-Plattenbauten verschwand. In einer Zeit, als sich realsozialistische Stadtpolitik auf Plattenbauten und Prestigeobjekte wie Schloss und Semperoper konzentrierte, brachte er da, wo die damaligen Stadtoberen noch keine Notwendigkeit für eine fachgerechte Rettung sahen, auf eigene Kosten Schlösser an jahrhundertealten Häusern an, um sie vor Raubbau und Zündelalarm zu bewahren. Nach der Wende betrieb er mit Vehemenz den Wiederaufbau architektonischer Schätze, suchte sich Helfer und Geldgeber für den Erfolg. Auch dafür wird er bis heute verehrt.

Seine ersten differenzierten Analysen der historischen Architektur in ihrem künstlerischen, städtebaulichen und historischen Kontext stammen bereits aus den 1970er Jahren. Bis zuletzt tüftelte er an tragfähigen Konzepten für eine denkmalgerechte Nutzung. Beispiel Hotel „Stadt Leipzig“: „Die Originalsubstanz des barocken Treppenhauses sollte unbedingt erhalten werden. Wenn die originale Eingangssituation des Hauses von der Rähnitzgasse wieder hergestellt ist, handelt es sich um das letzte palaisartige Treppenhaus Dresdens, das den 2. Weltkrieg überstanden hat.“ Auch zu den straßenseitigen Gebäudeflügeln, zu Geschossdecken und Hoffassaden machte sich Jürgen Mehlhorn detailliert Gedanken. In diesem Fall leider bis heute ungehört, denn das Hotel, das Mehlhorn retten wollte und das 2001 versteigert werden sollte, ist bis heute nicht saniert. Inzwischen dürfte sich der Schaden an der Substanz vergrößert haben.

Im Sinne des im August verstorbenen Architekten, Restaurators und Denkmalpflegers ist das keinesfalls. Ihm, dem Retter barocker Bürgerhäuser in Dresden und Bewahrer weiterer Baudenkmäler in Pirna, Görlitz (Schönhof), Freiberg, Grimma oder Leipzig dürfte nicht nur in diesem Fall das Herz geblutet haben. Gerade, weil er wusste, dass es auch anders geht. Schon als Student hat sich Jürgen Mehlhorn intensiv mit der Inneren Neustadt befasst. Da war es für ihn ein glücklicher Umstand, dass sich die DDR-Verantwortlichen nach dem Abbruch manch wertvollen Bauzeugnisses entschlossen hatten, wenigstens hier ein Stück Vergangenheit stehen zu lassen. Ende der 1970er Jahre begann die Rekonstruktion barocker Bürgerhäuser an der Hauptstraße, und der junge bauleitende Architekt im Büro des Stadtarchitekten trug dafür die Verantwortung. Behutsam sorgte er auch für Ergänzungen, wo sie notwendig wurden.

Die größte Überraschung gelang ihm mit der Wiedergeburt des Societaetstheaters, einschließlich des Gartenpavillons von Benjamin Thomae und dem kleinen Barockgarten. Selbst alteingesessene Dresdner kannten hier kein Theater und vermochten sich das harmonische Ensemble im Hinterland nicht mal vorzustellen. War der um 1750 errichtete und nur bis 1832 als Theater genutzte Bau doch lediglich als heruntergewirtschaftetes Wohnhaus bekannt. Mehlhorn aber hatte gründlich recherchiert. Nun brauchte er Aufmerksamkeit für das Hinterhaus und griff zu einer List – zu DDR-Zeiten eine Tugend sächsischer Denkmalpfleger. Kurzerhand erfand er für das Vorderhaus Hauptstraße 19 einen Schlussstein, fertigte ihn auch gleich selbst mit Masken und dem Schriftzug „Societaetstheater“. Das Hinterhaus wurde kurzerhand in ein Lager für wertvolle historische Bauelemente umfunktioniert, damit es ein sicheres Dach erhielt. So begann die Sanierung auch dieses Denkmals. Sein heutiges Aussehen erhielt es dann ab 1996, dank finanzieller Hilfe durch die Kulturstiftung der Dresdner Bank. 1999 konnte es als städtisches Theater den Vorhang wieder öffnen.

Viele Jahre hat den Kenner der Inneren Neustadt auch deren Eingangssituation beschäftigt. „Dem sehr großen, erhaltenen Barockviertel fehlt der Kopf, das Zeichen, das sagt… hier geht die Dresdner Altstadt weiter“, formulierte er ebenfalls schon vor Jahren. Welcher Besucher würde, von der Augustusbrücke kommend, schon ahnen, dass er hier auf Sehenswürdigkeiten wie Königstraße, Dreikönigskirche oder barocke Innenhöfe trifft. „Jürgen Mehlhorn hat die himmeloffenen Höfe wieder erlebbar gemacht“, unterstreicht der ehemalige Leiter des Amtes für Denkmalpflege, Bernd Trommler. Heutige Sachwalter sollten unbedingt darauf achten, dass dies nicht wieder rückgängig gemacht werde. „Mehlhorn war einer der besten Kenner des sächsischen Barocks“, sagt Trommler, „dazu eine Seele von Mensch. Er hat im eigenen Auftrag städtebauliche Untersuchungen durchgeführt und sehr viel gearbeitet.“ Dabei sei seine eigene wirtschaftliche Situation oft ins Hintertreffen geraten.

Jürgen Mehlhorn studierte von 1972 bis 1976 Architektur an der Technischen Universität Dresden und 1986 Restaurierung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Seit 1989 arbeitete er freischaffend als Restaurator und Architekt. 2001 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Er wurde 64 Jahre alt. Die Trauerfeier findet am 14. Oktober, 12 Uhr auf dem Inneren Neustädter Friedhof statt.

VON GENIA BLEIER UND BARBARA STOCK

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