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Zuhause bei: Ein Dresdner Querdenker im Sonnenhaus

Zuhause bei: Ein Dresdner Querdenker im Sonnenhaus

Zum Umzug aus der Stadtwohnung in das schicke Häuschen musste Timo Leukefeld seine Frau Angela, Tochter Lilly (14) und Sohn Leonardo (6) nicht lange überreden - schon wegen des Gartens, den sein Cousin gestaltet hat, ein Gartenbauingenieur mit Vorliebe für alte, fast vergessene Obstsorten.

Die vier freuen sich schon darauf, von Frühjahr bis Herbst von duftenden Bäumen und Sträuchern zu naschen, die zu verschieden Zeiten Früchte tragen und Felsenbirne, Kartoffelrose oder Nashi heißen.

Dass es um Selbstversorgung mit Energie geht, sieht man dem Eigenheim, dessen Dach auf der Südseite komplett aus Sonnenkollektoren und Solarmodulen besteht, schon von weitem an. Hat man es betreten, könnte es aber auch ein ganz normales Ferienhaus sein. Kaum etwas in der Kombination aus rustikaler und moderner Einrichtung deutet darauf hin, dass es vollgestopft ist mit hochinnovativer Technologie. Die steckt zum Beispiel in der Wandfarbe, die Schadstoffe aus der Luft entfernt, im Teppichbelag, der Feinstaub bindet, und auch als Heizung in Wänden, Fußböden und Decken. Um sie auch als Klimaanlage nutzen zu können, hat Leukefeld eine Sonde ins Erdreich graben lassen. Dort wird die Heizflüssigkeit im Sommer gekühlt, statt im Heizkessel erwärmt. Aber auch massive Außenwände aus bis zu 40 Zentimeter dicken Ziegeln halten wie zu Großmutters Zeiten die Räume im Sommer kühl und im Winter warm. Äußere Dämmplatten, räumt der Freiberger ein, sind jedoch nur verzichtbar, weil es sich um Hochtechnologieziegel handelt.

Die Verbindung von Traditionellem und Innovation entdeckt der Energieexperte immer wieder als Erfolgsrezept. Über seinen Großvater, den Puppenspieler Rolf Trexler, hat er ein Buch geschrieben. Und er hat an der TU Dresden Figurentheater studiert. Die Figuren des Großvaters sind nicht nur als Erinnerungsstücke mit ins neue Haus gezogen. Wie in dem Puppenstück "Die Botschaft des Lichts", das auf der Messe "Haus 2007" in Dresden uraufgeführt wurde, erzählen sie auch hin und wieder vor Publikum etwas über erneuerbare Energien. Der Sinn für Natur und Nachhaltigkeit sei ihm als Spross einer Försterfamilie in die Wiege gelegt worden, sagt Leukefeld.

Frau und Kindern ist nicht bange bei dem Selbstversuch energieautarken Wohnens, denn der Hausherr kennt jedes Schräubchen und jeden Winkel wie kaum ein anderer. Er war Leiter der Projektgruppe, die das Haus entwickelt und auf den Markt gebracht hat.

Als Wissenschaftsjournalistin interessiert sich Timo Leukefelds Frau Angela Elis sehr für das, woran er forscht. Sie moderiert Fernsehsendungen, Talkrunden mit hochkarätiger Besetzung und hin und wieder auch eine seiner Podiumsdiskussionen, hilft so, seine Lösungen auf den Markt zu bringen. Während einer Podiumsdiskussion haben sich die beiden vor acht Jahren auch kennengelernt - sie moderierte und er präsentierte als querdenkender Unternehmer verrückt klingende Ideen. Als gewitzte Moderatorin sei sie charmant uneinsichtig geblieben, hat man Angela Elis einmal nach einer Gesprächsrunde mit dem "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher attestiert. Diese charmante Uneinsichtigkeit spürt der Energieexperte zuweilen auch daheim. Zum Beispiel, wenn er mit dem kalten Licht der neuen LED-Strahler für die Wohnräume sprichwörtlich abblitzt. Es sei ihm nichts übriggeblieben, erzählt er, als alles wieder zurückzubringen. Inzwischen hat er stromsparende LEDs gefunden, die warmes Licht abstrahlen und auch der Familie zusagen.

Auf Stromsparen deutet in der Küche mit Induktionsherd, Elektro-Backofen, Dampfgarer und Spülmaschine nichts hin. Ein großer Kaffeeautomat, über dem Backofen eingebaut, kann leckere Sachen zaubern und sich die Lieblingsgetränke der Familienmitglieder merken: heiße Milch mit Kakao und viel Schaum für Lilly, doppelten Cappuccino für die Mutter und Kaffee lang mit heißer Milch für den Vater. Der ist froh, dass der experimentierfreudige Leonardo die Möglichkeiten bislang noch nicht entdeckt hat.

Dafür, dass es auch an trüben Wintertagen genügend Strom gibt, sorgt eine große Kiste mit Bleiakkus neben dem Haus. Mit der Kapazität von 60 Autobatterien könnten sie es 14 Tage lang versorgen. Zeige die Wintersonne sich von ihrer besten Seite, sagt Leukefeld, sei aber ein halb leerer Speicher in ein bis zwei Tagen wieder voll. Es spricht also nichts dagegen, dass zur Weihnachtszeit Plätzchen gebacken werden oder Lilly immer mal wieder ein leckeres Kochrezept ausprobiert. Die 14-Jährige besucht die Musikschule, würde am liebsten Modedesignerin werden. Trotzdem, erzählt der Freiberger Solarpionier stolz, interessiere sie sich für seine Ideen und habe Spaß daran gefunden, Besucher durchs Haus zu führen und ihnen alles zu erklären. Dabei lasse sie durchaus Geschäftssinn erkennen, gehe hinterher schon mal mit dem Hut herum.

Leonardo, der mit dem Vater gern in einem kleinen Bastelschuppen hämmert und schraubt, möchte natürlich Förster werden. Das ändere sich aber wöchentlich, erzählt Timo Leukefeld: "Polizist, Bäcker..., meistens aber etwas Handwerkliches". Vielleicht gehe es ja auch in Richtung Naturwissenschaft. Mit dem Forscher Ernst Ulrich von Weizsäcker, mit dem Leukefeld befreundet ist, und der im Oktober zur Einweihung des Hauses in Freiberg die Festrede gehalten hat, habe sich der Sechsjährige immerhin lange und sehr interessiert über den Urknall unterhalten. Die Bauarbeiten für das neue Haus seien für Leonardo ein großes Abenteuer gewesen.

Zum Abenteuer kann in energieautarken Häusern auch die Wärmeversorgung werden. Anders als Solarzellen können Sonnenkollektoren mit dem spärlichen Licht an kurzen Wintertagen wenig anfangen. Der Boiler, in dem warmes Wasser für die Wintermonate gesammelt wird, muss deshalb eigentlich so groß sein, dass er in ein kleines Einfamilienhaus gar nicht hineinpasst. Timo Leukefeld hat auch bei der Lösung dafür auf Altbekanntes zurückgegriffen. Der Kamin im Wohnzimmer heizt mit seiner Abwärme den Speicher auf, der so vergleichsweise klein gehalten werden kann, aber immer noch zwei Stockwerke hoch ist und sich hinter einer runden Wand verbirgt. Er hat noch keine Sommerwärme gespeichert. Deshalb wird wohl dieses Jahr etwas mehr Holz gebraucht werden als die eingeplanten zwei bis drei Festmeter für 15 Feuerungen, um über einen normalen Winter zu kommen. Er und Leo hätten das Förster-Gen geerbt und riesigen Spaß daran, Holz zu spalten und Feuer anzuzünden, erzählt Timo Leukefeld, und die beiden Damen fänden an der wohligen Wärme solchen Gefallen, dass während vieler gemütlicher Kaminabende in Familie oder mit Freunden der Speicher die fehlende Energie bestimmt ganz nebenbei einsammeln werde.

Der Winter dauert im energieautarken Haus nur von November bis Januar. Dann beginnt die Zeit des "intelligenten Verschwendens", wie Timo Leukefeld es nennt. "Wir werden wohl die ersten sein, die in den sonnengewärmten Pool neben dem Haus klettern können", nennt er als Beispiel. Auch der Ladestrom fürs Elektroauto falle quasi nebenbei ab. Mitten im Sommer, wenn sie vom Dach soviel Sonnenenergie ernten, dass sie, wie Leukefeld sagt, "sogar alle Nachbarn zum Verschwenden einladen könnten", ziehen die vier auch gern mal in ihr kleines "rollendes Sommerhaus" um. Mit dem 20 Jahre alten Wohnmobil machen sie Urlaub am nächstgelegenen Badesee oder auch eine 3500-Kilometer-Abenteuerreise durch Österreich, die Schweiz und Italien und genießen die gemeinsame Zeit. Oft kommt es sonst nicht vor, dass beide Eltern mehrere Wochen am Stück zu Hause sind.

Auch wenn sein Haus noch rund 90 000 Euro mehr kostet als dasselbe Haus ohne Energieautarkie, sagt Leukefeld, rechne es sich auf lange Sicht. Immerhin seien in jedem der 20 bis 30 Jahre, über die Häuslebauer ihre Kredite abzahlen, bis zu 5000 Euro Einsparung bei Energiekosten drin - Tendenz steigend. Beim Wohneigentum als Altersvorsorge werde es damit immer wichtiger, auch diese "zweite Miete" zu sparen. Fördergeld und Einspeisevergütungen für Sonnenstrom rechnet er gar nicht mit. Wie unsicher es ist, darauf zu bauen, hat er erfahren, als er für seine Firma "Soli fer Solardach GmbH" auch wegen zurückgefahrener Solarförderungen Insolvenz anmelden musste - ebenso wie sein Freund, der Dresdner SunStrom-Chef Stephan Riedel, der inzwischen mit der Hälfte seiner Belegschaft einen Neustart gewagt hat.

Riedel, der Photovoltaik-Experte im Entwicklerteam, hat gleich nebenan sein energieautarkes Eigenheim gebaut. Noch wohnt er in Dresden. Leukefeld hat Riedels Haus gemietet, ist mit seiner neuen Firma "Energie verbindet" dort eingezogen. So muss die Familie nicht ständig wie auf dem Präsentierteller leben, können Häuslebauer, Politiker, Studen- ten und Schulklassen, die auf der langen Interessentenliste für Besichtigungen stehen, auch durchs Nachbarhaus geführt werden. Und es bieten sich Chancen, weitere (noch) etwas verrückt klingende Ideen auf Praxistauglichkeit zu testen - zum Beispiel jene, beide Häuser zu vernetzen, damit sie Energie untereinander austauschen können - je nachdem, wo gerade Bedarf oder Überschuss besteht. Versorger sollen überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien in Strom- und Wärmespeicher eines der Häuser zwischenlagern, bei Bedarf wieder abrufen können. Es wird also wohl auch in Zukunft noch viel zu berichten geben über den Querdenker aus Freiberg, der im Sonnenhaus wohnt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.01.2014

Grigutsch, Holger

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