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Zehn Jahre Hartz IV: Kein Raum für Sentimentalitäten - Wie drei Dresdner mit Hartz IV leben

Zehn Jahre Hartz IV: Kein Raum für Sentimentalitäten - Wie drei Dresdner mit Hartz IV leben

Drei Geschichten, drei Menschen – und doch haben sie eines gemeinsam: Ihr monatliches Einkommen überweist ihnen zum größten Teil nicht eine Handwerksfirma oder ein Industrieunternehmen, sondern das Arbeitsamt.

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Hartz-IV-Jubiläum: Vor zehn Jahren war die Grundsicherung für Arbeitslose eingeführt worden.

Quelle: dpa

Sie bekommen Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt. Warum drei Geschichten? Ganz einfach: Den oder die typische Empfängerin von Hartz IV gibt es nicht.

„Ich finde es furchtbar, dass alle Hartz IV-Empfänger in der Öffentlichkeit oft über einen Kamm geschert werden“, fällt Jane Rönsch gleich mit der Tür ins Haus. Einzelfallprüfung durch das Amt – das wäre ein erster Ansatz, so die 36-Jährige. „Ich zähle immer zur Minderheit: ich habe zwei Kinder, bin alleinerziehend, habe eine gute Ausbildung und trotzdem fehlen die Bedingungen dafür, dass ich für ein angemessenes Gehalt arbeiten kann“, erzählt die gelernte Verwaltungsfachangestellte.

Kinder als Armutsrisiko?

Jane Rönsch hat zwei Söhne, zwei und neun Jahre alt. Beim jüngeren hat sie sich bewusst für drei Jahre Elternzeit entschieden. „Ich hätte bei meinem alten Arbeitgeber nach 40 Stunden Arbeit noch aufstockend ALGII bekommen müssen und so habe ich mich entschieden, lieber die Zeit mit meinem Kind zu genießen. Finanziell nimmt sich das nichts.“ Aufstockungsleistungen bekommen alle ALGII-Empfänger deren monatliches Einkommen aus einer Erwerbstätigkeit, dem Unterhalt oder Kindergeld nicht ausreicht. So bekommt Jana Rönsch zusätzlich zu Kindergeld, Kindesunterhalt und dem Betreuungsgeld noch Hartz IV-Leistungen. Insgesamt 1500 Euro hat sie monatlich zur Verfügung. Davon gehen 500 Euro Miete ab, dazu Kosten für Strom, Telefon, Versicherungen, Lebensmittel, Kleidung, Hobbys und Ausflüge mit den Kindern. „Ich ermögliche meinen Kindern bewusst jetzt Ausflüge und fahre mit ihnen in den Urlaub. Wenn ich darauf warte, bis ich es mir wirklich leisten kann, ist ihre Kindheit vorbei“, ist sie überzeugt.

Über die Zuschüsse von der Stadt aus dem Bildungs- und Teilhabepaket könne man sich eigentlich nicht beklagen, 50 Euro pro Halbjahr bekommt die zweifache Mutter für ihr Schulkind und dennoch reicht das Geld für Hobbys nicht aus. Ihr Großer besuchte für kurze Zeit einen Aikido-Kurs, doch der war mit 50 Euro Monatsbeitrag zu teuer. Auch der schon geförderte Flötenunterricht an der Schule schlägt mit monatlich 20 Euro zu Buche. „Es müsste durch die Politik geregelt werden, dass man nicht durch Geburt von Kindern in Hartz IV rutscht“, so Rönsch. Auch die Teilhabe am kulturellen Leben der Stadt, an Kino oder Theater kommt zu kurz, so die 36-Jährige.

 

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Immer wieder der hoffnungsvolle Blick auf die Tafel mit den Jobangeboten - ist diesmal der Richtige dabei?

Quelle: Archiv DNN

Kultur in Dresden erleben? Kann man auch umsonst haben, findet dagegen Sabine Merans. Die 27-Jährige hat Freie Kunst studiert und bekommt nun Hartz IV. „Meiner Meinung nach muss kein Arbeitslosengeldempfänger auf Kultur verzichten. Kino kann man sich selbst mit einem Beamer und Freunden organisieren und stark verbilligte Eintrittskarten für die Dresdner Theater gibt es auch“, so die Dresdnerin. Sabine Merans fühlt sich – anders als viele Hartz IV Empfänger – nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie ist eine Lebenskünstlerin. Ihre Klamotten bekommt sie aus dem Umsonstladen, ihre Lebensmittel containert sie. „Laut sagen darf man das natürlich nicht, aber wir holen uns unser Essen oft aus den Mülltonnen vor den Supermärkten“, berichtet die junge Frau. Regelmäßig findet sie ganze Tonnen voller Joghurts, Schokolade oder Obst, weggeschmissen, weil der Ablauf des Haltbarkeitsdatums kurz bevor steht. Gemeinsam mit Freunden holt die Dresdnerin die Nahrungsmittel aus den Containern im Stadtgebiet und verteilt sie in einer sogenannten Containerbar an Bedürftige.

Der Druck wächst

Gegängelt fühlt sie sich manchmal von der Arbeitsagentur. Nach ihrem Studium und dem Verlust des Studentenstatus musste eine Lösung her. Die Krankenkassenbeiträge, die sie nun selbst zahlen musste, fraßen alle Ersparnisse auf. Der Gang zum Amt war unvermeidbar. Hatte der Sachbearbeiter am Anfang noch viel Verständnis für die Arbeit als freischaffende Künstlerin, wuchs der Druck mit den Jahren. „Zu Beginn meines Arbeitslosengeld II-Bezuges wurde meine Selbstständigkeit als Künstlerin noch akzeptiert, doch nach und nach wollen mich die Berater in eine Festanstellung drängen“, so die Dresdnerin.

Unverstanden von den Beratern fühlt sich auch Martin Zimmer zuweilen. „Ich musste feststellen, dass bei einigen Bearbeitern der unbedingte Wille da ist, sich an Bestimmungen zu halten. Hinzu kommt sicherlich das fehlende Einfühlungsvermögen für Akademikerberufe“, erzählt der 34-Jährige. Martin Zimmer ist studierter Kunsthistoriker und Vater eines Kindes. Seit seinem Studienabschluss im Jahr 2013 bezieht er ALG II. Doch das Kind wird für Martin Zimmer oft zum Knackpunkt. „Wenn ich den Beratern sage, dass ich ein Kind habe, das ich unter der Woche betreue, wird weiterhin davon ausgegangen, dass ich bundesweit vermittelbar bin. Argumentiert wird damit, dass das Kind nicht bei mir wohnt. Es gibt da keinen Raum für Sentimentalitäten“, ist er traurig. Es spiele in der Vermittlung keine Rolle, ob man Akademiker ist oder nicht. Das System behandele alle gleich, kritisiert Martin Zimmer. Innerhalb von einem Jahr sollte man vermittelt sein. Unabhängig davon, ob ein Jobangebot passt, oder nicht – so sein Gefühl.  „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Druck entsteht, sich doch präkeren Arbeitsverhältnissen anzuschließen, um den Vermittlern gerecht zu werden. Wird das “Ziel“ der Vermittlung innerhalb eines Jahres nicht erreicht, bekommt man eine Maßnahme aufgedrückt“, ärgert er sich.

Vorweisen kann der Kunsthistoriker einen umfangreichen Lebenslauf - ein abgeschlossenes Studium, eine erfolgreiche Ausbildung und Erfahrung im Ausland. „Ich stehe also prototypisch für die Generation Y - Top ausgebildet, sowohl etliche Praktika als auch die nötige Berufserfahrung“, so Zimmer. Immer wieder kämpft er mit der sozialen Ausgrenzung aus gesellschaftlichen Aktivitäten, die er sich nicht leisten kann, wie Theater- und Kinobesuchen. Doch durch sein kulturelles Interesse und Engagement im Ausstellungsbereich lasse sich das einigermaßen ausgleichen, erzählt er. Der Kunsthistoriker blickt positiv in die Zukunft. „Ich gestalte mir meine Tage selbst, engagiere mich für soziokulturelle Projekte. Meiner Meinung nach sollte jeder die Chance bekommen, sich auf seinem eigenen Weg eine Arbeit, die auch zu einem passt, zu suchen."

Julia Vollmer

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