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"Wir machen alles außer Reifenwechsel" - DNN zu Hause bei Buchhändler Jörg Stübing

"Wir machen alles außer Reifenwechsel" - DNN zu Hause bei Buchhändler Jörg Stübing

Bücher, Bücher, Bücher. Nichts als Bücher? Bei einem Buchhändler mit Leib und Seele würde das eigentlich nicht überraschen. Zu Hause bei Jörg Stübing allerdings finden sich noch ganz andere Überraschungen.

Von Michael Ernst

Inmitten der fast ein ganzes Zimmer füllenden Buchrücken stehen geschätzte drei Regalmeter voller Langspielplatten. An den wenigen freien Wänden sind kleine Kunstwerke, darunter eine Plastik, die aussieht wie ein Schiffsbildnis von Lyonel Feininger in 3D. So etwas gibt es auf dem Kunstmarkt gar nicht, es ist ein Unikat, das Hochzeitsgeschenk guter Freunde.

Inmitten des Buchmenschen-Zimmers prunkt ein alter Schreibtisch vorm Fenster, der Arbeitsplatz von Jörg Stübing. An der Wand gegenüber ein Klavier, daneben hängt eine Gitarre. Überall Hinweise auf die Liebe dieses schon berufsbedingt sehr belesenen Menschen zur Musik. Das ist, so erklärt er, eine in ganz früher Jugend gewachsene, bleibende Sehnsucht. Damals wurde auf den Saiten Bob Dylan nachgezupft, weil er dessen Songs mochte - und wohl auch recht bald verstand, dass die gleichaltrigen Mädchen auf Gitarre spielende Jungs abfuhren. Wer derlei nicht so goutierte, das waren die eher unmusischen Helfershelfer der staatlichen Sicherheit. Die setzten den Freizeitmusiker beim Leipziger Straßenmusikfestival im Sommer 1989 kurzerhand fest. Eine Erfahrung, die ihn mit zahlreichen Gleichgesinnten in der legendären Runden Ecke zusammengeführt hat. Aus heutiger Sicht kann er darüber nur lachen.

In einem Winkel überm Klavier hockt aber auch eine Eule inmitten der Bücher. Das klassische Symbol für Weisheit. Und richtig, Jörg Stübing hat in der Tat Philosophie studiert. Das äußert sich etwa in trefflichen Zitaten während des Besuchs in seiner inmitten der Dresdner Neustadt gelegenen Wohnung. Spricht er beispielsweise von seinen Grundkenntnissen im Mundharmonikaspiel - für Dylan-Fans unerlässlich -, dann hört sich das so an: "Auf dem Kompetenzspektrum instrumentaler Beherrschung ganz an der Basis." Und den Klavierdeckel öffne er nur "zum meditativen Vor-mich-hin-Spielen."

Man kennt Jörg Stübing in Dresden. Seinen einzigartigen Buchladen "Büchers Best" betreibt er seit bald zehn Jahren auf der Louisenstraße 37. Dort ist nicht nur alles zu haben, was lesenswert ist - Schwerpunkte liegen notabene auf Kunst und Geisteswissenschaften -, sondern das Geschäft hat sich auch als gute Adresse für Lesung, Gespräch und Konzert etabliert. Aus seinem Einfall, die Besucher des kleinen Ladens mit einem Kaffee zu verwöhnen, hat sich inzwischen ein neustädtischer Trend entwickelt. Das Credo bei "Büchers Best" ist aber unschlagbar: "Wir machen alles außer Reifenwechsel," so der umtriebige Händler, den Freunde nur "Stü" nennen.

Man kann Jörg Stübing aber schon aus viel früheren Zeiten in Dresden erinnern. Hier hatte der 1964 in Magdeburg Geborene in den 80er Jahren Technische Kybernetik und Automatisierungstechnik an der TU studiert - und zur Aufhübschung des Stipendiums die Straßenmusik gepflegt. Die Klänge des American Folk brachten seinerzeit einen guten Stundenlohn in beiden deutschen Währungen ein, was zu mancher guten Flasche Whisky aus dem Intershop geführt haben soll. Im Rückblick sieht es Stübing leicht philosophisch: "Der Exotenbonus zu Ostzeiten wirkte in der Grauzone cool, erst Anfang der 1990er setzten neben Reglementierungen lateinamerikanische und osteuropäische Mitbewerber ein." Diese Form der Musikausübung war für ihn also passé.

Und auch das technische Studium führte zu keiner Erfüllung: "In der karrieredenkfreien Zeit nach der Wende beschäftigen mich Grundfragen von Gut und Böse, Kant und überhaupt alles Philosophische." Also folgte noch ein Philosophiestudium in Leipzig, mit Politik und Editionswissenschaften als Nebenfächer. Er hätte mit diesem Abschluss in die Parteipolitik eintreten können - "aber dazu hat mir die Stromlinienfähigkeit gefehlt."

Also wurde mit einigen Umwegen, etwa über die gemeinsam mit Gleichgesinnten betriebene Galerie Treibhaus in der Katharinenstraße, aus Jörg Stübing der hintersinnige Buchhändler. "Die Fähigkeit, Denkfelder transparent aufzubereiten, kommt mir dabei beglückend zugute." Der Hang zum gründlichen Nachdenken ist ihm also geblieben, auch wenn er frei nach Sartre begründet, sich als "zur Freiheit verurteilt" zu sehen. Freilich musste er für diesen Schritt auch eine Menge an Lehrgeld berappen. Die Erinnerung an ein zur Geschäftsablöse überzogenes Privatkonto gehört ebenso dazu wie der unermessliche Reichtum durch die täglichen Begegnungen mit Büchern und Menschen. Das wird nie langweilig, zumal dieser Buchmensch bekennt, gerne Verkäufer zu sein, denn: "Man muss mögen, was man verkauft!" Er sieht sich daher "nicht nur als Warenherausgeber, sondern schon als Tankstelle für Transzendenz."

Darum wohl auch so viele gute Bücher in den eigenen vier Wänden, die keine eigenen sind, sondern in einem Gründerzeit-Hinterhaus der Alaunstraße gemietet wurden. Der tägliche Arbeitsweg beträgt also keine 500 Meter. Dass Jörg Stübing bei aller Liebe zu seinem Beruf sehr gerne nach Hause kommt, liegt vor allem an seiner Frau Bianca und dem gemeinsamen Töchterchen Friederike Helene. Die kam vor 18 Monaten zur Welt und hat das Leben des seit 2004 hier zusammenlebenden Paars, das seit 2008 verheiratet ist, gründlich verändert. Und die beiden Frauen sorgen wohl auch dafür, dass nicht die gesamte 90-Quadratmeter-Wohnung zur Bücherstube wird. Statt dessen gibt es ein spielerisch gestaltetes Kinderzimmer, einen multifunktionalen Wohnraum, in dem gegessen und geschlafen wird, sowie entdeckenswerte Details, die durchaus von handwerklichem Geschick zeugen. Eine hölzerne Zwischendecke im Flur etwa, über der sich die Koffer und Rucksäcke verbergen. Denn die Stübings gehen gerne auf Reisen - nicht in Sterne-Hotels, sondern vorzugsweise zum Boofen. Auch auf dem Wasser sind sie gern unterwegs - nicht im Hochseedampfer, sondern paddelnd im Kanu. Das hängt ebenfalls in der Wohnung, hat seinen Platz genau in der Diagonale des Korridors gefunden.

Bei so ähnlichen Interessen liegt es nahe, die "Frau Stübing", wie ihr Büchergatte sie oft charmant nennt, nach der ersten Begegnung mit diesem Partner fürs Leben zu fragen. Oft genug funkt es ja auf Paddeltouren oder gar in einer Boofe. Nicht so bei Bianca, die an der HfBK Bildhauerei studierte und heute als selbständige Musikdozentin tätig ist und kreatives Gestalten lehrt. "Jörg war der Buchhändler meines Vertrauens. Und bald haben wir gemerkt, dass da noch mehr ist. Viel mehr!" Geheiratet haben die beiden mit gut 300 Gästen auf Schloss Seifersdorf vor den Toren von Dresden.

Auch wenn sich in der Wohnung der Stübings alles um Friederike Helene dreht, ist doch in den Räumen noch einiges mehr an Leben zu finden. Aquarien sorgen für Aufmerksamkeit, Katze Milka fordert sie ein. Ein anderer Vierbeiner darf nicht mit in die Wohnung, der herrscht über den Buchladen: Burmakater Musashi, mit vollem Namen als His Royal Highness Myamoto Musashi Shin-Men No-Genshin bezeichnet, ist der Hüter der Bücher und gilt allen als Vorbild in entspannter Lebenskunst.

Was aber, wenn die drei Stübings selbst einmal Entspannung brauchen? Natürlich findet sich, siehe oben, jede Menge Lektüre, kann Musik aktiv und passiv gehört werden. Aber es gibt noch einen heimlichen Rückzugsort, den dieses so künstlerisch ambitionierte Paar mitsamt der kleinen Tochter für sich entdeckt haben: Direkt im Ostra-Gehege gibt es einen kleinen Garten, laut "Stü" ein "gut funktionierendes Pendant zur Gefahr, aus den Bücherlabyrinth nichts ins wahre Leben zurückzufinden." Dort wird gegärtnert, gelesen, darf die Kleine sommers plantschen. Besonders glücklich ist Jörg Stübing darüber, dass dieses winzige Anwesen mit einem Hexenhäusel aus den 1920er Jahren auf symbolträchtigem Terrain steht. Schon greift er zielsicher in eins der Regale und zieht einen Bildband von Caspar David Friedrich heraus. Den Umschlag ziert dessen "Großes Gehege". Mitten in diesem Bild seines Lieblingsmalers hat der Büchermensch eine grüne Enklave gefunden.

- geboren 1964 in Magdeburg

- erster Klavierunterricht im Vorschulalter, brachte sich Mundharmonika- und Gitarrenspiel später selbst bei

- Straßenmusiker in Dresden und Leipzig

- studierte an der TU Dresden Technische Kybernetik und Automatisierungstechnik, anschließend an der Universität Leipzig Philosophie

- erste Lehrtätigkeit an der Universität Leipzig, später als Verlagsvertreter tätig

- gründete 1998 die Galerie Treibhaus, eröffnete 2002 seine Buchhandlung "Büchers Best", wo seitdem regelmäßig künstlerische Veranstaltungen stattfinden

- unterhält den "Salon am Sonntag" im Societaetstheater

- verheiratet, eine eineinhalbjährige Tochter

steckbrief

- geboren 1964 in Magdeburg

- erster Klavierunterricht im Vorschulalter, brachte sich Mundharmonika- und Gitarrenspiel später selbst bei

- Straßenmusiker in Dresden und Leipzig

- studierte an der TU Dresden Technische Kybernetik und Automatisierungstechnik, anschließend an der Universität Leipzig Philosophie

- erste Lehrtätigkeit an der Universität Leipzig, später als Verlagsvertreter tätig

- gründete 1998 die Galerie Treibhaus, eröffnete 2002 seine Buchhandlung "Büchers Best", wo seitdem regelmäßig künstlerische Veranstaltungen stattfinden

- unterhält den "Salon am Sonntag" im Societaetstheater

- verheiratet, eine eineinhalbjährige Tochter

Künstler, Politiker, Wissenschaftler, Sportler, Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften und weitere Persönlichkeiten öffnen den DNN wieder die Türen ihres Zuhauses. Zum zehnten Mal stellen wir interessante Menschen in einer zwölfteiligen Serie privat vor. Heute sind wir zu Hause bei Jörg Stübing. Er dürfte eine der wenigen in dieser Serie porträtierten Persönlichkeiten sein, die zur Miete wohnen. Dem Buchhändler, Veranstalter und inzwischen wohl auch Original der Dresdner Neustadt stünde eine Villa mit Elbblick auch kaum zu Gesicht. Er liebt es gemütlich - und das führt den kunstsinnigen Büchermenschen dann doch an die Elbe.

Jörg Stübing

Buchhändler & Veranstalter

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.01.2012

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