Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
"Wir brauchen wieder mehr Leerstand" - Mietervereins-Chef Peter Bartels spricht über Probleme des Wohnungsmarktes

"Wir brauchen wieder mehr Leerstand" - Mietervereins-Chef Peter Bartels spricht über Probleme des Wohnungsmarktes

Frage: Herr Bartels, dem Bericht zufolge hatten wir Ende 2010 in Dresden einen "marktrelevanten Wohnungsüberhang" von vier bis 4,9 Prozent. Dabei standen laut Stadt im vergangenen Jahr doppelt so viele Wohnungen leer.

Voriger Artikel
Bischof Bohl mahnt am Volkstrauertag in Dresden Versöhnung an
Nächster Artikel
Das familienfreundlichste Unternehmen Dresdens ist gewählt: das Max-Planck-Institut an der Pfotenhauer Straße

Peter Bartels

Frage : Herr Bartels, dem Bericht zufolge hatten wir Ende 2010 in Dresden einen "marktrelevanten Wohnungsüberhang" von vier bis 4,9 Prozent. Dabei standen laut Stadt im vergangenen Jahr doppelt so viele Wohnungen leer. Hat hier irgendwer getrickst?

Peter Bartels : Als ich den aktuellen Wohnungsmarktbericht gelesen habe, dachte ich zuerst, ich habe etwas mit den Augen. Der Hintergrund dieser extremen Differenz ist aber ziemlich einfach. Die Stadt hat zum ersten Mal gemacht, was wir seit Jahren fordern, nämlich einen marktrelevanten Leerstand ausgewiesen. In der Statistik tauchen also nur noch solche Wohnungen auf, die tatsächlich vermietbar sind. Das war früher anders. Die Stadt erfasste da für ihre Leerstandsstatistiken auch Wohnungen, die als Ruinen in der Landschaft herumstehen oder die leer sind, weil die Häuser abgerissen werden sollten. So zu rechnen ist natürlich großer Quatsch und verzerrt das eigentliche Bild.

Aber selbst wenn man die Marktrelevanz zu Grunde legt, stehen in Dresden noch immer fast 14 500 Wohnungen leer. Ist das nicht ausreichend für eine Stadt mit etwa 520000 Einwohnern?

Nein. Ab einer Leerstandsquote von unter fünf Prozent fängt Wohnungsmangel an und diesen Wert haben wir mittlerweile erreicht. Zu berücksichtigen ist auch, dass hier schwer vermietbare Wohnungen mit enthalten sind, also zum Beispiel Wohnungen an Hauptverkehrsstraßen oder im fünften und sechsten Stock eines Plattenbaus. Die Stadt selbst gibt ganz offen zu, dass sich der Dresdner Wohnungsmarkt wegen des Mangels zu einem Vermietermarkt entwickelt, was logischerweise steigende Mieten zur Folge hat. Deshalb, und da nehme ich die Stadtverwaltung mit ihrer eigenen Aussage beim Wort, muss für die Zukunft wieder ein marktrelevanter Leerstand von zehn Prozent das Ziel sein, wenn wir einen Mietermarkt haben wollen.

Andere Städte kämpfen zwangsläufig mit verwaisten Straßenzügen und wir sollen allen Ernstes darauf hinarbeiten?

Verwaiste Straßenzüge möchte niemand haben. Ich spreche von punktuell mehr freiem Wohnraum in allen Stadtteilen. Was passiert denn momentan? Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis und wegen des verknappten Angebots steigen die Mieten bei Neuvermietungen. Ab Januar rechnen wir zudem mit Mieterhöhungen im Bestand, denn zum Ende dieses Jahres erscheint der neue Mietspiegel und anders als bisher werden diesmal so ziemlich alle Segmente teurer sein. Die durch den Wohnungsmangel möglichen Erhöhungen der Mieten sind aber nicht erforderlich, um den Wohnungsbestand zu erhalten. Bester Beweis dafür sind die Dresdner Wohnungsgenossenschaften. Vielmehr reduziert jede Mieterhöhung, die nun kommt, die Kaufkraft der Dresdner und erhöht bei den privaten Großvermietern die Gewinnmargen. Dieses Geld wiederum wird in der Regel überhaupt nicht in Dresden investiert. Das kann doch nicht im Interesse der Stadt sein.

Reicht die Macht von Oberbürgermeisterin Helma Orosz aus, um da gegenzusteuern?

Es braucht ein klares Handlungskonzept von Seiten des Rathauses, was leider überhaupt noch nicht in Sicht ist. Aber die Stadt kann selbstverständlich Einfluss auf die Entwicklung des Wohnungsmarktes nehmen. Ihr obliegt es zum Beispiel, Grundstücke an Investoren zu einem sehr günstigen Preis zu vergeben und dies mit der Auflage zu verknüpfen, in diesen Häusern mehrere Wohnungen zu ebenso günstigen Mieten anzubieten. Städte wie München und Hamburg, in denen Wohnungsnot herrscht, handhaben das bereits so.

In der Breite sind billige Mieten in Neubauten aber doch ziemlich unrealistisch-

Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass eine Wohnung in einem neu gebauten Haus im Schnitt nicht unter 8,50 Euro pro Quadratmeter zu haben ist. An der Situation, dass wir in den vergangenen Jahren tausende günstige Wohnungen abgerissen haben, obwohl sich die jetzigen Probleme seit 2008 andeuteten, können wir nun aber nichts mehr ändern. Ich denke, unsere einzige Chance besteht darin, ein neues Überangebot zu schaffen. Es gibt eine Studie, laut der wir bis 2015 jährlich 2000 neue Wohnungen bräuchten. Davon sind wir noch weit entfernt. Bei der ganzen Diskussion sollten wir auch nicht vergessen, dass es in Dresden knapp 50 000 Haushalte gibt, in denen die Hälfte des Einkommens schon allein für die Miete draufgeht. Und Sie können sicher sein, dass diese tatsächliche Wohnkostenbelastung bei anhaltendem Wohnungsmangel drastisch steigen wird.

Interview: Christoph Stephan

Dass es in Dresden immer schwieriger wird, eine gute und zugleich be-zahlbare Wohnung zu finden, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Erstmals steht dies nun allerdings auch schwarz auf weiß im neuen Wohnungsmarktbericht der Stadt. Die DNN sprachen dazu mit dem Vorsitzenden des Mietervereins, Peter Bartels.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.11.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.