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"Wir brauchen die große Wut der Eltern!" - Kita der Dresdner Lukas-Kirchgemeinde kämpft mit Personalmangel

"Wir brauchen die große Wut der Eltern!" - Kita der Dresdner Lukas-Kirchgemeinde kämpft mit Personalmangel

Ein riesiger, verwunschener Garten mit Sandkasten und Klettergerüst, an den Obstbäumen warten rotbackige Äpfel und dunkelviolette Pflaumen darauf, gepflückt und zu Kuchen verarbeitet zu werden.

Mittendrin toben kleine Kinder mit dreckverschmierten Schuhen und spielen Fangen. Auf den ersten Blick wirkt die Kindertagesstätte der evangelisch-lutherischen Lukas-Kirchgemeinde in Dresden wie ein Paradies für kleine Menschen. Auf dem Gelände an der Hochschulstraße stehen ein Kindergarten und eine Kinderkrippe mit insgesamt 118 Kindern. Doch blickt man hinter die Kulissen, wird schnell klar: Hier fehlt etwas Essenzielles. Und zwar Personal.

"Nachmittags müssen wir den hinteren Teil des Gartens zusperren, weil wir dann nicht mehr genügend Erzieher vor Ort haben, die die Kinder adäquat beaufsichtigen können", sagt Kita-Leiterin Manuela Herrmann niedergeschlagen. Auch die Werkstatt im 2010 neu gebauten Kindergarten, perfekt ausgestattet mit Hammer, Säge und Werkbank, bleibt zu 80 Prozent der Öffnungszeiten geschlossen. Grund hier ebenfalls: Mangelndes Personal, das die rund 90 Kinder beaufsichtigen könnte. "Jetzt haben wir eine so tolle Einrichtung mit Sonderräumen wie dem Bewegungs- oder dem Bauraum und wir können sie nur begrenzt nutzen. Das tut weh - sowohl den Kindern als auch uns Betreuern."

Dabei erfüllt die Kita der Lukasgemeinde den in Sachsen gesetzlich festgeschriebenen Betreuungsschlüssel von 13 Kindern je Erzieherin im Kindergarten und sechs Babys und Kleinkindern auf einen Pädagogen in der Kinderkrippe. Das tatsächliche Betreuungsverhältnis im Kita-Alltag fällt jedoch weit ungünstiger aus, als der rechnerische Personalschlüssel. "Zu Stoßzeiten wird aus dem 1:13 auch mal ein 1:20", so Herrmann. Denn Erzieher verwenden rund ein Viertel ihrer Zeit für Beobachtung, Dokumentation und Elterngespräche - dabei sind Urlaubs- und Krankheitstage noch gar nicht mitgezählt.

Auch die erste Stufe der Senkung des Personalschlüssels auf 12,5 Kinder über drei Jahre pro Pädagogen zum 1. September, mit der die SPD ein Wahlversprechen einlöst, wird im Alltag kaum zu Verbesserungen führen, ist sich Herrmann sicher: "Ein Trippelschritt! Zwar in die richtige Richtung, aber das reicht bei weitem nicht, um ein wenig Entspannung in die Einrichtungen zugunsten der Kinder und der permanent überlasteten Erzieher zu bringen." Die studierte Sozialpädagogin teilt den Eltern zu Beginn mit, dass manche, eigentlich grundsätzlichen Leistungen nicht immer möglich sind. "Wenn eine Kindergärtnerin 17 Kinder beim Mittagessen beaufsichtigen und parallel dazu noch 17 anderen Kindern im Waschraum beim Zähneputzen helfen soll, dann klappt das nicht. Sie muss sich dann entscheiden."

Die Kita in der Hochschulstraße steht mit ihren Problemen nicht alleine da. Der aktuelle "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme" der renommierten Bertelsmann Stiftung bescheinigt sächsischen Kitas bei den unter Dreijährigen den bundesweiten Schlusslichtstatus beim Betreuungsschlüssel und bei Kindern ab drei Jahren die bundesweit zweitungünstigsten Betreuungsverhältnisse. Sie empfiehlt einen Schlüssel von 1:7,5 bei Kindergartenkindern und einen von 1:3 bei Krippenkindern. Davon kann Herrmann, die seit 35 Jahren als Erzieherin arbeitet, nur träumen.

Das ist fatal, denn die Betreuungsqualität in Kindertageseinrichtungen hängt entscheidend davon ab, wie viele Kinder auf eine Fachkraft kommen und welche Qualifikationen diese Fachkraft für ihre pädagogische Arbeit mitbringt. "In den letzten Jahren sind die Ansprüche an Kindertagesstätten was die frühkindliche Bildung angeht gestiegen. Der Betreuungsschlüssel ist dabei aber gleich geblieben. Die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit geht immer weiter auseinander", so Nadja Helmer, pädagogische Mitarbeiterin der Diakonie Sachsen.

Ganz besonders gilt das für Babys und Krippenkinder. "Manchmal haben die Krippenbetreuerinnen auf jedem Arm ein Kleinkind und noch dazu einen Säugling auf die Brust geschnallt. An ihrem Rockzipfel hängen dann noch mal drei Kleinkinder", so Herrmann. Es fehle immer eine Hand. Sie ist sauer und traurig darüber, dass gerade in diesem so wichtigen Bereich in den nächsten zwei Jahren in Bezug auf den Betreuungsschlüssel überhaupt nichts besser werden soll.

Die im Koalitionsvertrag von CDU und SPD festgeschriebenen Neuerungen sehen erst zum 1. September 2017 eine Senkung des Schlüssels von 1:6 auf 1:5,5 und in einem zweiten Schritt zum 1. September 2018 von 1:5,5 auf 1:5 vor. "Das wird nicht reichen. Dass den Jüngsten von der Politik so wenig gegönnt wird, ist dramatisch. Entwicklungspsychologisch gesehen sind diese frühen Jahren lebensentscheidend und wir täten als Gesellschaft sehr gut daran, hier endlich umzudenken", sagt Herrmann.

Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz, der zuständige Dezernent für Kinder, Jugend, Bildung und Diakonie, will im April nächsten Jahres zu einem wissenschaftlichen Fachtag einladen, bei dem die wichtigsten und neuesten Erkenntnisse der Bindungsforschung und ihre Konsequenzen für die frühkindliche Betreuung vorgestellt werden, "um Entscheidungsträger gerade für die Belange der Allerkleinsten zu sensibilisieren".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.08.2015

Harner, Miriam

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