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Wiedergeburt als Frachtflieger - Die Elbe Flugzeugwerke in Dresden hauchen betagten Airbus-Maschinen neues Leben ein

Wiedergeburt als Frachtflieger - Die Elbe Flugzeugwerke in Dresden hauchen betagten Airbus-Maschinen neues Leben ein

Die Elbe Flugzeugwerke Dresden bauen derzeit 18 Passagiermaschinen zu Frachtfliegern um. Der Auftrag durch die DHL-Tochter European Air Transport sichert Arbeitsplätze und lastet den sächsischen Traditionsbetrieb bis 2013 aus.

Dresden .

Dresden (DNN). Die Elbe Flugzeugwerke Dresden bauen derzeit 18 Passagiermaschinen zu Frachtfliegern um. Der Auftrag durch die DHL-Tochter European Air Transport sichert Arbeitsplätze und lastet den sächsischen Traditionsbetrieb bis 2013 aus. Aber nicht alle Mitarbeiter profitieren davon.

Von Andreas Dunte

Kabel hängen von der Decke, Teile der Verkleidung liegen am Boden, die Sitzreihen sind bereits komplett ausgebaut. Nur noch wenig erinnert im Innern des Airbus 300-600 daran, dass hier bis vor kurzem weit über 200 Passagiere gesessen, aus den Fenstern gesehen, gespeist haben. Oder auf die Toiletten gegangen sind. Fluggerätemechaniker Martin Berger liegt am Boden und schraubt Plastik-Elemente heraus, die das Stille Örtchen bildeten. "Ist schon eklig", sagt er. "Aber gleich vorbei." Kollege Martin Preiß muss über Kopf arbeiten. Mit Akkuschrauber, Bohrmaschine und Seitenschneider. Ein Teil der Verkleidung, hinter der sich Beleuchtung und Aircondition befinden, will sich nicht lösen. Gewalt helfe nicht viel und ist nur bedingt ratsam, sagt er. Zum einen darf das Gerüst des Fliegers nicht Schaden nehmen. Zum anderen kann es sein, dass der Kunde die ausgebauten Elemente weiterverwerten will.

"Die meisten Teile wandern gewiss auf den Schrottplatz", lässt sich DHL-Sprecher Manfred Hauschild nicht wirklich in die Karten schauen. Wichtig sei, dass den Fliegern, die bis vor Kurzem zur Flotte der JAL Japan Airlines gehörten und dort bis zu 14 Jahre im Dienst waren, in Dresden neues Leben eingehaucht wird. Als Frachtflieger. Der Umbau dauert 72 Tage, getaktet in vier Phasen, erklärt Andreas Müller, Gruppenführer bei den Flugzeugwerken. Doch er könnte auch Arzt sein - der Wortwahl wegen. Müller spricht davon, dass den Fliegern die Eingeweide entnommen werden. Sogar das Herz (die Elektronik) muss raus. "Übrig bleibt die Haut." Auch die Präzision, mit der seine Leute vorgehen, erinnert an das Regime im OP-Saal, nur dass der Patient nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern aus Aluminium und kohlefaserverstärkten Verbundwerkstoffen. 18 Tage bleiben für das Entkernen. 18 Tage, um neue Querträger und Spanten einzuziehen. Und weitere 18 Tage, um die Elektrik und all die anderen Leitungen neu zu verlegen, um Wände zu dämmen und zu verkleiden. "In den verbleibenden 18 Tagen gibt es bei uns umfängliche Tests und den Feinschliff", so Müller.

Der Eingriff ist weit entfernt von kosmetischen Operationen. Mit Absaugen und Lippen aufspritzen ist es nicht getan. Alle Fenster müssen raus, die Löcher verschlossen werden. Größter Akt ist das Aufschneiden der Oberschale. Die Wunde wird an der Öffnung verstärkt, so dass das für Frachter notwendige Tor eingesetzt werden kann. Durch dieses riesige Maul kann der Airbus künftig Luftfahrtcontainer mit einem Gesamtgewicht von 50 Tonnen zu sich nehmen und bis zu 7000 Kilometer weit transportieren. Parallel zum Umbau in einen Frachter nehmen sich die Männer von Müller die Triebwerke vor, überholen die Hydraulik. Dazu bocken sie den A300 in den Hallen auf dem Werksgelände in unmittelbarer Nähe zum Dresden Flughafen komplett auf.

Müller hat rund 100 Leute unter seiner Verantwortung. Im Bereich Wartung und Umbau sind 350 Mitarbeiter beschäftigt. Konkret: In Dresden wieder beschäftigt. Denn vor dem Großauftrag von DHL sah es nicht rosig aus. Im Zuge der Wirtschaftskrise haben die Flugzeugwerke keinen Auftrag zum Umbau erhalten. Mitarbeiter, die wollten, wurden an die EADS-Standorte nach Hamburg und ins französische Toulouse ausgeliehen. "Oberstes Ziel war und ist es, die Stammbelegschaft zu halten. Gut ausgebildete Fachkräfte sind unser A und O", sagt Christopher Profitlich, Sprecher des Unternehmens. Weitere Beschäftigte kamen in der Komponentenfertigung unter, die den Großteil des Umsatzes erwirtschaftet, der in diesem Jahr deutlich über dem des Vorjahres liegen soll (110 Millionen Euro).

Im Schnitt wurden in den letzten Jahren 170 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Elbe Flugzeugwerke liefern die Fußbodenplatten für sämtliche neue Airbus-Maschinen, dazu Toilettenwände und schusssichere Cockpit-Türen. Darüberhinaus werden auch Spezialböden für Straßenbahnen und Kabinentüren für Kreuzfahrtschiffe gefertigt.

"Wir müssen uns breiter aufstellen, um die in der Branche typischen Schwankungen aufzufangen", sagt Profitlich. Die Schwankungen hat die Belegschaft zu spüren bekommen. Bis Juni dieses Jahres war für ein Teil der Beschäftigten monatelange Kurzarbeit angesagt. Auszubildende werden in der Regel für ein Jahr übernommen, müssen sich dann für einen Job im Werk bewerben. "Einige schaffen es, andere kommen als Zeitarbeiter zurück", erzählt ein Mitarbeiter.

"Wir brauchen Aufträge, das allein sichert Stellen im Unternehmen", sagt Gruppenführer Müller, der 1979 beim VEB Flugzeugwerke angefangen hat. Das Umrüsten von Passagiermaschinen des Typs A300 zu Frachtern für DHL und Airlines aus Abu Dhabi und den Vereinigten Arabischen Emiraten bringt den Flugzeugwerken Arbeit bis 2013. Mit weiteren Umrüst-Aufträgen ist kaum zu rechnen, da wegen des wachsenden Passagierverkehrs die Airlines weniger Flugzeuge ausmustern. Die Maschinen sind bei den Airlines beliebt, weil sie als umgebaute Passagiermaschinen billiger sind. Zudem war nach Auslaufen der Produktion der Passagiervariante 2001 sechs Jahre später auch Schluss für die Frachtversion. Somit stehen weniger Jets zur Umrüstung zur Verfügung.

Alles wartet jetzt gespannt auf die moderneren A330-Maschinen, lässt Müller durchblicken. Doch bisher hat Airbus noch kein Umrüstprogramm für diese Langstreckenflieger bekanntgegeben. Und das großangelegte Projekt mit russischen Partnern zum Umbau des A320 starb im Juli dieses Jahres einen geräuschlosen Tod (DNN berichteten).

Um nach 2013 nicht ins Bodenlose zu fallen, versuchen die Flugzeugwerke, verstärkt Wartungaufträge für Airbus-Modelle zu akquirieren. So soll die Lücke zwischen möglichen Frachterumrüstungen der Generationen A300 und A330 geschlossen werden. Gesichtet wurden bereits Flieger der kanadischen Luftwaffe sowie von türkischen und albanischen Fluggesellschaften.

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