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„Wie lange wollen wir diese Hysterie noch zulassen?“

Handwerkskammerpräsident im Interview „Wie lange wollen wir diese Hysterie noch zulassen?“

Es müsse endlich Schluss sein mit dem Streit, man müsse wieder miteinander reden, fordert Handwerkskammerpräsident Jörg Dittrich zurzeit bei jeder Gelegenheit und betont, das Handwerk halte die Hand zum Dialog ausgestreckt. Wir haben ihn zu seinen Lösungsansätzen befragt.

Handwerkskammer-Präsident Jörg Dittrich.

Quelle: André Wirsig

Dresden. Es müsse endlich Schluss sein mit dem Streit, man müsse wieder miteinander reden, fordert Handwerkskammerpräsident Jörg Dittrich zurzeit bei jeder Gelegenheit und betont, das Handwerk halte die Hand zum Dialog ausgestreckt. Selbst in seinem Grußwort zur Eröffnung der Dresdner Baumesse „Haus 2016“ Ende Februar sprach er nicht wie andere ausschließlich über die Lage der Baubranche, sondern über die Spaltung der Gesellschaft. Wir haben ihn zu seinen Lösungsansätzen befragt.

Sie gehen in der politisch aufgeheizten Situation mit allen Seiten hart ins Gericht. Wie soll das zur Lösung beitragen?

Jörg Dittrich: Ich will gar nicht mit dem Finger auf irgendwen zeigen. Ich habe den Vergleich gezogen, dass wir einen Unfall erlitten haben und Sofortmaßnahmen einleiten müssen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Die Schuldfrage können wir später immer noch klären.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Die Spaltung der Gesellschaft und der zu verzeichnende Imageverlust Sachsens bürden der Wirtschaft einen Rucksack auf. Davon ist auch das Handwerk betroffen.

An welche Sofortmaßnahmen denken Sie?

Vor allem muss die Rechtsstaatlichkeit gewahrt und wieder hergestellt werden. Es gibt strafrechtlich keinen Unterschied zwischen organisierter Kriminalität und der Brandstiftung in Asylbewerberheimen. Wie viel Hysterie wollen wir denn noch zulassen? Hier ist der Staat gefordert, sein Machtmonopol zu nutzen und Straftaten ohne Ansehen der Person konsequent zu ahnden.

Und wie ist in diesem Zusammenhang die ausgestreckte Hand des Handwerks zu verstehen?

Wir treten seit Jahren konsequent gegen Radikalismus in jeglicher Form auf – egal ob von links oder von rechts. Und wir sind zum Dialog mit allen bereit. Darauf haben wir uns gerade erst in unseren Gremien erneut geeinigt.

Mit dem Dialog ist das ja zurzeit so eine Sache...

Ja, weil zu viele für sich in Anspruch nehmen, dass alle so denken wie sie selbst. Das ist aber nicht so. Ich bin erschüttert, mit welcher Respektlosigkeit die politische Diskussion zurzeit geführt wird. Wir müssen den verloren gegangenen Respekt mit allem Nachdruck wieder einfordern.

Heißt das, Kritik muss vor allem höflich vorgebracht werden?

Nein, Respekt verbietet nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Auch viele Handwerker haben Wut. Der Handwerker trägt sein Herz auf der Zunge. Auch eine Sprache, die versucht, immer allen und allem gerecht zu werden, macht den Dialog schwierig. Die Grenze ist das Verlassen der Sachebene und die persönliche Verletzung des Gegenübers.

Wie kommen Sie denn im Handwerk damit klar?

Indem wir Diskussionen um die Sache offen, hart und mit allen führen, uns aber bemühen, Verletzungen der Person zu vermeiden. Wir hatten in unserer letzten Vollversammlung Frank Richter, den Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, als Referent zu Gast. Da wurde kein Blatt vor den Mund genommen. Es kommt schon mal vor, dass ein Handwerker, der für eine engagierte Meinungsäußerung kritisiert wurde, zu mir kommt und fragt: „War ich jetzt zu forsch?“

Was sagen Sie ihm dann?

Wenn es nicht persönlich verletzend ist, muss man auch mal forsch sein. Man muss es aber auch aushalten können, wenn andere eine andere Meinung haben. Und man muss trotzdem mit allen reden.

Auch mit Befürwortern und Gegnern von Pegida und AfD gleichermaßen, die ja zurzeit offensichtlich Schwierigkeiten damit haben?

Natürlich, demokratischer Diskurs nur mit sich selbst und der eigenen Meinung ist sinnlos.

Und auch mit Leuten, die fordern, man solle auf Menschen schießen, die hier nicht erwünscht sind?

Nein. Da gibt es eine klare Grenze. Respekt und Mitmenschlichkeit sind Werte, die genauso verteidigt werden müssen wie unsere Identität.

Sie machen für Flüchtlinge Beschäftigungsangebote. Allerdings erreichen Sie damit nur einen kleinen Teil der Asylsuchenden, außerdem werden diese Ausbildungsverhältnisse überproportional oft wieder aufgelöst...

Ja, es gibt Probleme. Aber unter Verweis auf einen hohen Prozentsatz an Unqualifizierten, die nicht ohne Weiteres beruflich integriert werden können, ist es besser einem geringen Prozentsatz zu helfen als gar keinem. Als wichtige Grundlage sehen wir im Handwerk das Erlernen der deutschen Sprache an. Unser Slogan lautet „Bei uns kommt es nicht darauf an, wo du herkommst, sondern wo du hin willst“. Im Handwerk geht es um Leistung. Das gilt auch für jeden, der hier aufgewachsen ist.

Das klingt gut. Aber wissen Sie selbst denn bei jedem ihrer Mitarbeiter, wo er hin will?

Schon vor über zehn Jahren habe ich regelmäßige Mitarbeitergespräche eingeführt. Dabei habe ich festgestellt, dass das Handwerk auch Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen Selbstbewusstsein und eine Perspektive geben kann. Und wer eine Perspektive hat, der hat weniger Angst und weniger Wut. Das hat viel mit der derzeitigen Situation, zu tun, aber längst nicht nur mit der Flüchtlingskrise.

Inwiefern?

Auch das Handwerk leidet unter der zunehmenden Verrechtlichung in unserer Gesellschaft. Wenn man beispielsweise ein Haus bauen will, widersprechen sich nicht selten Verordnungen von Denkmalschutz und Umweltschutz. Über 80 000 Paragrafen im Steuerrecht führen nicht zu Gerechtigkeit, sondern nützen dem, der sich den besten Steuerberater leisten kann. Die Vorfälligkeit der Sozialversicherungsbeiträge entzieht dem Handwerker Liquidität. Die Liste der jeweils gut begründeten bürokratischen Regelungen ließe sich beliebig verlängern. Der Handwerksmeister braucht bei alldem aber noch Luft zum Atmen.

Wo sehen Sie Lösungsansätze?

Unsere Stärken lagen schon immer in der Kompromissfähigkeit nach der Diskussion verschiedener Interessensgruppen. Eine komplexe Welt kennt keine einfache Antwort, sondern den Interessensausgleich.

Auf welchen Kompromiss würden Sie sich denn gern sofort und ohne lange Debatten mit allen andern einigen?

Das Handwerk wünscht sich Recht und Ordnung, ohne auf das Ansehen der Person zu achten. Auch in harten Auseinandersetzungen müssen wir respektvoll miteinander umgehen. Die Gesellschaft sollte das tun, was wir Handwerker eigentlich immer tun: die Ärmel hochkrempeln und fleißig arbeiten. Das gilt für jeden einzelnen, aber auch der Staat muss fleißig sein. Denn der Wohlstand, um den sich viele Sorgen machen, ist nur möglich, wenn die Wirtschaft läuft. Die Politik sollte in schwierigen Zeiten – Finanzkrise, Griechenland, Flüchtlinge – auch die Alltagsprobleme der Menschen im Auge behalten, wie überbordende Bürokratie und ungenügende Altersvorsorge.

Von Holger Grigutsch

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