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"Wie groß muss die Not sein?" - Interview mit Ute Lewitzka, Leiterin der AG Suizidforschung am Uniklinikum Dresden

"Wie groß muss die Not sein?" - Interview mit Ute Lewitzka, Leiterin der AG Suizidforschung am Uniklinikum Dresden

Die Suizidzahlen in Sachsen steigen wieder an. Wie aus einer Antwort von Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) auf eine Anfrage des Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, Volkmar Zschocke, hervorgeht, nahmen sich 2013 insgesamt 664 Menschen das Leben.

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Suizide zu enttabuisieren und darüber aufzuklären ist die wichtigste Präventionsmaßnahme, sagt Dr. Ute Lewitzka.

Quelle: Anja Schneider

Damit wurde nach einem leichten Rückgang 2012 (645) wieder das Niveau von 2011 erreicht. Die Suizidrate (Anzahl der Suizide pro 100 000 Einwohner) in Sachsen ist nach Sachsen-Anhalt bundesweit die zweithöchste. Warum sich ein Mensch dazu entscheidet, seinem Leben ein Ende zu bereiten, und wie Suizidprävention das verhindern kann, erklärt Dr. Ute Lewitzka, Leiterin der AG Suizidforschung am Universitätsklinikum Dresden, im DNN-Gespräch.

Seit 2010 steigen die Suizidzahlen. Woran liegt das?

Diese Frage ist extrem komplex. Eine alleinige Antwort darauf gibt es nicht. Mögliche Erklärungsversuche diskutieren zum Beispiel die Folgen der Weltwirtschaftskrise. Die Unsicherheit und die Angst vor einem sozialen Abstieg sind größer geworden. Zudem wird immer noch zu wenig über das Thema aufgeklärt. Dabei ist das "Darüber reden" und damit Aufklären und Enttabuisieren die wichtigste Präventionsmaßnahme. Denken Sie an die Kampagnen, die es im Straßenverkehr gibt - leider wird die Aufmerksamkeit noch zu wenig auf das Thema Suizidprävention gerichtet.

Die Weltwirtschaftskrise beispielsweise hat alle Deutschen getroffen. Warum ist die Suizidrate gerade in Sachsen so hoch?

Das ist ein historisches Phänomen. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen weisen schon über Jahrzehnte die höchsten Ziffern von Deutschland auf. Eine befriedigende Erklärung haben wir dafür leider noch nicht gefunden

Was sind die Gründe dafür, dass sich ein Mensch das Leben nimmt?

Bei mindestens 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, sehen wir eine psychische Erkrankung als wesentliche Ursache an, etwa Psychosen oder eine Depression. Es kann sich aber auch um einen vorübergehenden krisenhaften Ausnahmezustand handeln. Die Person entscheidet in diesem Moment nicht wirklich frei. Weitere Gründe bzw. Risikofaktoren sind Einsamkeit, schwere körperliche Erkrankungen, traumatische Erlebnisse, Belastungssituationen oder Süchte.

70 bis 80 Prozent der Suizide werden von Männern begangen.

Es entscheiden sich nicht mehr Männer dazu, aber sie wählen häufiger die sogenannten harten Methoden. Männer beenden ihr Leben in Deutschland meist durch Erhängen oder indem sie von großer Höhe springen. Frauen greifen eher zu Tabletten, und überleben einen Suizidversuch öfter.

Immer mehr ältere Menschen wählen den Suizid. Warum?

Je älter der Mensch wird, desto höher ist die Suizidrate. Das liegt auch an den Risikofaktoren, die sich im Alter vermehren. Ältere Menschen sind häufiger einsam, sozial isoliert und haben schwere Erkrankungen. Damit steigt das Risiko immer mehr.

Im Hinblick auf den demografischen Wandel und den oft zitierten würdevollen Tod: Wie stehen Sie zu dem in Belgien und der Schweiz bereits praktizierten ärztlich-assistierten Suizid?

Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention, in deren Vorstand ich bin, spricht sich gegen die Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids aus. Eine Gesetzgebung für solch einen komplizierten Sachverhalt halte ich für extrem schwierig. Natürlich möchte niemand leiden. Aber anstatt diesen Personen beim Suizid zu helfen, sollte man darüber aufklären, dass man Leiden lindern kann. Palliativmedizin leistet sehr viel, um ein schmerzfreies Leben bzw. ein würdevolles Sterben zu ermöglichen.

Wie kann man Menschen davon abhalten, sich das Leben zu nehmen?

Zunächst einmal muss man über das Thema aufklären und es in das Bewusstsein rücken, auch auf politischer Ebene. Dies versuchen viele engagierte Menschen tagtäglich. Eine Chance wäre das jetzt verabschiedete Präventionsgesetz gewesen - leider wurde hier die Suizidprävention nicht aufgegriffen. Es ist sehr schwierig, Geld für die Forschung auf diesem Gebiet zu bekommen. Dabei wäre es so wichtig, herauszufinden, was im Gehirn vor einem Suizid passiert und was Menschen davor schützen kann. Wie groß muss die Not sein?

Prävention müsste zudem bereits in den Schulen beginnen. Kinder müssen das Rüstzeug an die Hand bekommen, um psychisch gesund bleiben zu können. Auch würde ich mir eine 24-Stunden-Anlaufstelle mit geschultem Personal für Lebenskrisen wünschen, denn nicht jeder mit einer Krise möchte sofort in eine Klinik gehen. Die Einrichtungen der Stadt sind jedoch an Öffnungszeiten gebunden.

Anlässlich des Internationalen Welt-Suizid-Präventionstages veranstaltet die AG Suizidforschung am 8. September das Symposium "Die Einmaligkeit des Lebens und die Einsamkeit des Sterbens" im MTZ des Uniklinikums, Fiedlerstraße 42. Ab 15 Uhr informieren Vorträge zum Thema der Suizidprävention im Rahmen der Palliativmedizin. Um 18 Uhr schließt sich die Premiere des Theaterstücks "Dem Leben eine Chance geben - Harold & Maude finden ins Leben zurück" und ab 19.15 Uhr ein Gottesdienst für Betroffene und Angehörige an. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei, es wird um eine Anmeldung unter Telefon 0351 458 3671 bzw. 458 2760 gebeten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.09.2015

Christin Grödel

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