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Wettlauf vor märchenhafter Kulisse: Uraufführung von Cornelia Funkes "Reckless II. Lebendige Schatten" im Schauspielhaus Dresden

Wettlauf vor märchenhafter Kulisse: Uraufführung von Cornelia Funkes "Reckless II. Lebendige Schatten" im Schauspielhaus Dresden

Bevor es mit dem zweiten Teil von Cornelia Funkes "Reckless"-Geschichte in der Dresdner Uraufführung in der Regie von Sandra Strunz im Theater so richtig weitergeht, blickt man auf einen in den Schnürbodenhimmel ragenden Turm in der Form einer eckigen Wendeltreppe, ohne Stufen.

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Cornelia Funkes "Reckless II. Lebendige Schatten" im Bühnenbild Volker Hintermeiers.

Quelle: David Baltzer

Die Konstruktion von Bühnenbildner Volker Hintermeier sieht zunächst ernüchternd technisch aus. Ein Gerüst, das zum Klettern und Rumturnen einlädt, was Action auf der Bühne verspricht. Erst später, bei Wind und Wetter, Gruftgrusel und im unheimlichen Blaubart-Schloss entfaltet sich der Gestänge-Turm durch Bühnenzauber zu einer märchenhaften Kulisse. Und wenn im wunderbar inszenierten Sturm das "Schiff" sich wie im Strudel dreht, wird man im Zuschauersessel fast seekrank. Und später, wenn die böse Blaubart-Welt beeindruckend herabsinkt und aus dem Blickfeld des Zuschauers verschwindet, stehen kleine Mädchen im Publikum auf, um sich des Untergangs staunend zu vergewissern.

Eine effekt- und phantasievolle Ergänzung des Bühnenbilds sind die Kostüme von Iréne Favre de Lucascaz, wodurch die Helden in der Welt hinter dem Spiegel gut zu unterscheiden sind: der rotbräunlich gekleidete Fuchs (Julia Keiling), der Zwerg (klassische Täuschung: Füßchen vorn für den auf Knien marschierenden Jan Maak), Schrilles für das Weichei Prinz Louis (Thomas Braungardt), Stoffbänder in Hellblau für den Wassermann Eaumbre, (Gregor Knop), Kleidung mit grünlicher Jademaserung für Jacobs Konkurrenten bei der Schatzsuche Nerron, ein Goylbastard (André Kaczmarczyk). Vor allem aber erhöht die Kostümvielfalt merkwürdiger Gestalten im Hintergrund den ästhetischen Wert der Inszenierung: Diener mit "haarigen" Gesichtern und dicken Hintern, Wölfe und Hirschzentauren zum Fürchten. Hinzu kommt noch ein Plus der Inszenierung: Die Choreografie von Ted Stoffer verleiht der Handlung in kleinen Details Tiefe, so etwa in der Szene mit den Wölfen (Spannung bringt hier besonders eindrucksvoll die Musik von Thomas Seher) oder beim "Hände"-Tanz in der Schwarztheater-Manier. Außerdem ist die Kerntruppe der Nebenfiguren mit den Breakdancern Felix "Rossi" Roßberg und Alexander "Kelox" Miller und den Tänzerinnen Marita Matzk und Johanna Roggan hervorragend besetzt. Und auch Christian Clauß als Jacob Reckless hat eine erstaunliche Kondition und seine Bewegungskunst grenzt an Artistik - ein echter, wortwörtlich "unbiegsamer" Held.

Das Buch "Reckless II. Lebendige Schatten" von Cornelia Funke, das vor kurzem erschien, liegt in der Gunst vieler Fans bereits höher als der erste Teil "Reckless. Steinernes Fleisch", weil es lebendiger und spannender geschrieben und atmosphärischer sei. Es geht also weiter mit Jacob Reckless in der Spiegelwelt, der im ersten Teil seinen Bruder davor bewahrte, ein Goyl zu werden, ein Mensch aus Stein. Leider fällt Jacob auf einen Feentrick rein und muss nun um sein Leben fürchten. Eine Riesenmotte lauert auf seiner Brust und wird tödlich zubeißen, wenn Reckless nicht das Gegenmittel findet: eine mörderische Armbrust, mit der man aus Hass viele töten und aus Liebe Leben retten kann.

Die Liebe ist schnell zur Seite: der Fuchs natürlich, den man schon aus dem ersten Teil kennt und der eine Füchsin ist - eine ziemlich attraktive zudem, die in Frauengestalt Celeste heißt. Dumm nur, dass auch andere nach der Armbrust gieren (die tun es natürlich nicht aus Liebe), wie zum Beispiel der Goylbastard Nerron, ein ziemlich guter Schatzsucher, der allerdings einen weichlichen Prinzen und einen hinterlistigen Wassermann mit sich herumzuschleppen hat. Dann muss man auch noch die verstreuten Körperteile eines toten bösen Hexers aufsammeln: die Hand, den Kopf, das Herz. Stürmische Wellen, hungrige Wölfe und gefährliche Hirschzentauren bilden weitere Hürden auf Jacobs Rettungsweg.

Nicht neu ist, dass sich Cornelia Funke in der Grimmschen Märchenwelt bedient. Auf der Bühne gelingt es, damit nicht zu langweilen - vor allem, wenn in der Kneipe das deprimierte Rumpelstilzchen aufs Stichwort immer wieder schrill zum Klagen ansetzt - klasse gespielt von Thomas Kitsche, der sich auch als König von Lothringen und staubiger jüdischer Juwelier Hyppolite schön wandelbar zeigt. In "Reckless II" leiht sich Cornelia Funke eine weitere bekannte Gestalt aus: König Blaubart, der neun seiner Bräute tötet. Natürlich ist die Geschichte etwas abgewandelt, doch im Kern erkennbar. Thomas Eisen lockt als galanter, dann eiskalter Guy de Troisclerq aus dem Geschlecht der Blaubärte die Füchsin in die Falle und bringt so als einziger den nötigen Hauch "Böses" als Gegengewicht zum guten Helden Jacob ins Spiel. Der Goylbastard Nerron ist zwar ein ernst zu nehmender Konkurrent bei der Schatzsuche, aber nicht wirklich zum Fürchten. Dafür gelingt es André Kaczmarczyk, Nerron als ehrgeizigen Verlierer darzustellen. Auch der Humor bleibt etwas auf der Strecke - getragen wird er vor allem vom trotteligen Prinzen Louis, der im Auftrag seines Vaters mit Nerron gehen muss - Thomas Braungardt spielt ihn leidenschaftlich als störrisches Vatersöhnchen und bekam zur Premiere dafür eine gehörige Portion Applaus. Der Zwerg Valiant ist hier ein lärmender Freund von Jacob. Es ist schon eine körperliche Leistung von Jan Maak, eine ganze Weile auf Knien herumzuwandeln, aber die Figur lässt besondere Eigenschaften vermissen.

Allerdings können die schon erwähnte Bühnenmagie, gut getimte Auftritte, motivierte Darsteller und eindrucksvolle Bilder Schwächen ausgleichen und machen "Reckless II. Lebendige Schatten" zu einem sehenswerten Theaterangebot für die ganze Familie in der Weihnachtssaison. Und ja: alle Zeichen stehen im Buch wie im Theater auf Fortsetzung.

Aufführungen: 4., 12., 18., 25., 27. und 28.11.; 2., 5., 6., 9., 10., 12. bis 16., 19., 23., 25., 26.12. und 20.1.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.11.2012

Bistra Klunker

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