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Wenn der Baum aber nun den Pilz hat

Körpersprache der Gewächse Wenn der Baum aber nun den Pilz hat

Am Fuße der Rot-Eiche sind zwölf kleine Kärtchen mit Nummern verteilt. Der Baum steht an der stark befahrenen Ecke Stübelallee/Müller-Berset-Straße. Henrik Weiß fotografiert, checkt die Bohrwiderstandsmessung, bedient den Laptop. Es sieht aus wie an einem Tatort. Verdächtigt wird der Pilz.

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Henrik Weiß ist seit elf Jahren zertifizierter Baumgutachter. Während der Laie meist nur an abgestorbenen Ästen sieht, dass mit dem Baum etwas nicht stimmt, kennt der geschulte Kontrolleur eine Vielzahl möglicher Alarmsignale.

Quelle: Norbert Neumann

Dresden. Am Fuße der Rot-Eiche sind zwölf kleine Kärtchen mit Nummern verteilt. Der Baum steht an der stark befahrenen Ecke Stübelallee/Müller-Berset-Straße. Henrik Weiß fotografiert, checkt die Bohrwiderstandsmessung, bedient den Laptop. Es sieht aus wie an einem Tatort. Verdächtigt wird der Pilz. Er wächst in noch unbekannter Größe in diesem Baum. Dass er an den Wurzelanläufen schon sichtbar ist, hat die Baumkontrolleure alarmiert.

Die Kontrolleure der Stadt gehen regelmäßig dienstlich spazieren. Für jeweils fünf bis zehn Minuten schauen sie sich jeden städtischen Straßenbaum ganz genau an. Finden sie etwas Auffälliges, das sie nicht selbst beurteilen können, beauftragt die Stadt einen Gutachter. Weiß ist seit elf Jahren zertifizierter Baumgutachter. Offiziell heißt das "Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Gehölze, Schutz- und Gestaltungsgrün, Gehölzwertermittlung, Baumsanierung und Bewertung der Verkehrssicherheit".

So beeindruckend der Titel, so umfangreich die Verantwortung in diesem Job. Mittels Schalltomografie kann Henrik Weiß Rückschlüsse auf das Verhältnis von festem zu verfaultem Holz ziehen. "Wird der Baum von Parasiten zu sehr ausgehöhlt, kann er einstürzen. Droht der Baum seine Bruchfestigkeit zu verlieren, muss er entweder eingekürzt oder sogar gefällt werden. Bei der Zersetzung durch Pilze kommt es auf die Geschwindigkeit an. Wächst der Baum schneller als der Pilz im Innern Holz zerstört, wird die Gefahr kleiner. Gewinnt der Pilz, droht das Fällen", erklärt er.

Bevor ein Baum gefällt wird, werden drei Aspekte gründlich geprüft: Sicherheit, Naturschutz, kulturhistorische Bedeutung. Die Sicherheit steht im Vordergrund. Wächst ein angegriffener Baum in der Nähe von Kindergärten, Wohnhäusern oder an der Straße, gelten die strengsten Vorschriften. Der Naturschutz achtet darauf, welche Vögel, Fledermäuse oder Totholzinsekten den Baum besiedeln. Je nachdem, um welche Arten es sich handelt, bleibt manchmal ein größerer Stumpf als Insektenheimat stehen. Dann gibt es noch den kulturhistorischen Aspekt. Manche Bäume sind naturwissenschaftlich nicht relevant, jedoch von höchstem historischen Wert.

"Bis die Entscheidung zum Fällen fällt, gibt es sehr viele Möglichkeiten, Bäume doch noch zu erhalten. Wir haben auch schon sehr viele Bäume gerettet und in all den Jahren waren unsere Gutachten immer stimmig", betont Henrik Weiß. Seit mehr als zehn Jahren füllt er regelmäßig auch bundesweit für seine Baumgutachten umfangreiche Datenblätter aus. Baumdaten, die Datenbanken füllen. Insgesamt wachsen in Dresden mehr als 52 600 Straßenbäume in 127 verschiedenen Arten und Sorten. Linde, Ahorn, Eiche, Rosskastanie und Kirsche sind am häufigsten vertreten.

Jährlich werden von den Kontrolleuren der Stadt Tausende Bäume angeschaut und näher untersucht. Je älter, umso gründlicher ist dabei die Regel. Mehr als die Hälfte der Dresdner Stadtbäume ist mehr als 15 Jahre alt und fällt damit unter die strengen Baumkontrollen. Während der Laie meist nur an abgestorbenen Ästen sieht, dass mit dem Baum etwas nicht stimmt, kennt der geschulte Kontrolleur eine Vielzahl möglicher Alarmsignale und liest die Körpersprache der Bäume sehr genau. Wo wölbt er sich, wohin wachsen die Äste, welche Parasiten besiedeln ihn? So ein Lackporling wie an der Rot-Eiche an der Stübelallee gehört dazu. In etwa zwei Stunden entsteht aufgrund der Werte das Gutachten und eine Empfehlung, was mit dem Baum zu geschehen hat. "Die Stadt Dresden verhält sich in Straßenbaumangelegenheiten bundesweit sehr vorbildlich", betont der Gutachter, der auch mitunter vor Gericht auftritt. "Jeder Besitzer ist für seine Bäume verantwortlich, damit unbeteiligte Dritte im öffentlichen Raum keinen Schaden nehmen."

Aktuelle Fragen der Baumpflege werden im März bei den 10. Dresdner StadtBaumtagen in der JohannStadthalle im Mittelpunkt stehen. Henrik Weiß ist Mitorganisator dieses anerkannten Spezialistenkongresses. Die Fachleute wollen dazu beitragen, Stadtbäume richtig zu pflegen und nicht nur den Baum des Jahres 2016, die Winterlinde, artgerecht zu verwenden.

Mit der Forschung entstehen natürlich immer wieder neue Fragen. Offene Fragen, wie sie auch die Anwohner des Stresemannplatzes haben. Gegenwärtig warten sie noch auf die Gutachten zu den dort wachsenden Bäumen. "Je nach Wetterlage wird es allerdings noch etwas dauern, bis die abgeschlossen sind und veröffentlicht werden können", bittet Steffen Löbel vom Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft um Geduld.

Rosa Hauch

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