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Wenn das Innere sichtbar wird: Dresdner Medizinstudenten lernen im Grundstudium an konservierten Leichen Anatomie

Wenn das Innere sichtbar wird: Dresdner Medizinstudenten lernen im Grundstudium an konservierten Leichen Anatomie

Während die sächsische Regierung Anreize austüftelt, dem Ärztemangel zu begegnen, erforschen in Dresden mehr als 2000 Medizinstudenten den Aufbau des menschlichen Körpers.

Von Katrin Tominski

Während die sächsische Regierung Anreize austüftelt, dem Ärztemangel zu begegnen, erforschen in Dresden mehr als 2000 Medizinstudenten den Aufbau des menschlichen Körpers. Weil kein Modell präzise und echt genug ist, üben sie an konservierten Leichen. Nur dort können sie erlernen, wo jeder einzelne Nerv und Muskel genau liegt. "Die Basisarbeit ist enorm wichtig", erklärte Richard Funk, Direktor am Institut für Anatomie. Nur so könnten die Studenten zu guten Medizinern reifen. Die DNN begleiteten die Studenten des 2. Semesters zum "Präp-Kurs".

Dienstag, 7.31 Uhr im Keller des Medizinisch-Theoretischen Zentrums: Professor Richard Funk greift zum Mikrofon, um sich Gehör zu verschaffen. "Guten Morgen recht herzlich", begrüßt er seine Studenten in bester Laune. Die Stimmung ist heiter. Das angeregte Gemurmel verstimmt. 126 Studenten-Augenpaare richten sich auf den Professor. Dieser verweist auf den Ernst der Lage. "Die Testatkarten finden Sie hier vorn, ich wünsche Ihnen viel Erfolg." Bei diesen Testaten handelt es sich jedoch nicht um schriftliche Tests, wie sie die meisten kennen. Nein, die Welt der Medizinstudenten ist eine andere. Statt ihrer Federmappen zücken die angehenden Ärzte Holzkästen mit Sezier-Bestecken. In Gruppen postieren sie sich um die 18 Arbeitstische.

Die Leichen

Dort liegen sie: die echten, richtigen, toten menschlichen Körper. Nicht mehr rosig, bläulich oder gar blutig. Alles schimmert gelb. Rechteckige Hautlappen bedecken den geöffneten Rücken. Der Kopf zeigt nach unten. Ein ganzes Jahr lang wurden die Leichen nach dem Tod in Alkohol gelagert. Konservierungsmittel sorgen dafür, dass sie nicht schimmeln. "Durch die lange Lagerzeit tritt eine Entfremdung ein", erklärt Anatomie-Professor Funk. Dadurch gebe es keinen Bezug mehr zur Seele. "Es geht nur noch um den physischen Körper." Das ist nicht immer so gewesen: "Vor 300 Jahren wurden die Menschen sofort nach dem Tod seziert", erzählt Funk von den Anfängen der Anatomie. Dies habe jedoch eine enorme Ansteckungsgefahr geborgen, vor allem bei ansteckenden Krankheiten wie Lungentuberkulose.

Die Dämpfe

Mittlerweile ist es 8.50 Uhr: Die Körper erstrecken sich unter den Händen der emsigen Studenten auf den Edelstahl-Absaugtischen. Verbunden mit langen Rohren, die in die Decke führen, saugen die Tische die stechenden Dämpfe direkt in den Abzug. "Die Dämpfe sind schwerer als Luft, deswegen sinken sie nach unten", erklärt Funk. Er zeigt auf kleine Löcher, die kurz über dem Boden die letzten Reste absaugen. Der vielbeschriebene Ekel wegen des Leichengeruchs bleibt aus. "Das was sie hier riechen, ist eher Fettgewebe, das oxidiert", erläutert Funk.

Die Basis

Er ist ein fröhlicher, freundlicher und optimistischer Professor. Auch wenn der Mensch in seiner Makro-Anatomie bereits komplett erforscht ist, hat für ihn die Faszination nicht abgenommen. "Die Anatomie ist die Basis", erläutert der ehemalige Forschungsdekan. "Nur wer den Körper anatomisch beherrscht, kann gut diagnostizieren und operieren."

Dass dies nicht einfach ist, ahnt jeder, der einen menschlichen Körper von innen sieht. Für den Laien sieht hier irgendwie alles gleich aus. Nicht wie in den Grafiken mit klaren Grenzen und verschiedenen Farben. Klar, Unterschiede zwischen Muskulatur, Gewebe und Fett sind zu erkennen. Bei den Nerven wird es jedoch schon schwieriger. Zur Demonstration zieht Hannah Kupfer unter der Schultermuskulatur ein helles bewegliches Bändchen hervor. Verwunden schlängelt sich der Nerv unter der Muskulatur entlang. Hannah wusste genau, wo sie suchen musste. Besonders für Chirurgen ist es wichtig zu wissen, wo die Nerven liegen. Ein falscher Schnitt kann lebenslange Folgen haben.

Falsche Schnitte gehören im medizinischen Präparierkurs, von den Studenten kurz Präp-Kurs genannt, zur Tagesordnung. Deswegen ist er so wichtig. Die Toten verzeihen. Keine Gewissensbisse, keine Tränen, kein Drama für den Patienten. Der falsche Schnitt bleibt folgenlos. Nur der Ärger über sich selbst überlebt.

Die Fehler

Mit diesem Ärger kämpft Christin Huste. Am Fuß sind die Sehnen durchtrennt. "Das hätte nicht passieren dürfen", weiß die 20-Jährige, die nun mit akribischer Vorsicht das übrige Gewebe vom Fuß zupft. Neben ihr steht Teamkollegin Ulrike Reichelt. Für sie sind die leblosen Körper zur Routine geworden. "Man stumpft ab", findet die Chemnitzerin. "Als ich das erste Mal die Decke von der Leiche gezogen habe, war das ein seltsames Gefühl", erinnert sich Huste. "Doch das geht verloren, wenn man sich nur auf eine Stelle konzentriert." Dann wendet sie sich wieder ihrem Fuß zu. Die Sehnen ragen in die Luft. Am Kopfende glucksen die Kommilitoninnen. "Ich hab' ne neue Wohnung", erzählt ein Mädel über den Toten gebeugt. "Mit Micha?", fragt eine andere. Jetzt geht es um Männer. Auf einmal kichern alle.

Die Leichen sind geduldig. Als die Körper noch lebendige Menschen waren, haben sie ihre sterblichen Überreste zur Verfügung gestellt. Im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Das ist Voraussetzung. Doch gibt es genug Körper für die medizinische Ausbildung? Etwa 40 Leichen werden pro Jahr benötigt. "Das Angebot übersteigt unsere Kapazitäten", erklärt Funk. "Die Fakultät nimmt jetzt nur noch Menschen aus der Region Dresden." Ein Student nennt einen möglichen Grund: "Die Beerdigungen der medizinischen Fakultät sind kostenlos." Nur damit lasse sich erklären, dass die Menschen sich freiwillig auseinandernehmen lassen.

Die Pietät

Professor Funk glaubt, dass die würdevolle Beerdigungsfeier der Körperspende den Schreck nimmt. Die Studenten organisieren sie maßgeblich mit, sie musizieren, singen und bedanken sich mit einer Ansprache. "Auf der Trauerfeier werden die Körper wieder zu Menschen", erklärt Studentin Reichelt. Dann beginne die wahre Auseinandersetzung mit dem Tod. Den Respekt vor dem Leben, den pietätvollen Umgang mit dem Sterben - auch das müssen die Studenten nach Meinung von Funk erlernen.

Die Schale

Christin Huste ist ehrgeizig. Langsam zeigen sich Fortschritte an dem Fuß. Das Gewebe ist entfernt. "Am Ende nähen wir die Sehnen wieder zusammen", erklärt die Studentin. Dieses Ende naht nach zweieinhalb Stunden. Dann werden alle abgezupften und abgetrennten Muskeln, Sehnen und Gewebeteile in einer weißen Plasteschale eingesammelt und dem Körper beigestellt. Nichts darf verloren gehen.

"Alle Teile der Leiche werden aufbewahrt", erklärt Benjamin Lauterwald. Er hat am Rumpf gearbeitet und freut sich auf die Zeit nach Pfingsten. "Dann kommen die inneren Organe." Doch vorher klappen die Studenten die Hautlappen wieder über der offenen Leiche zusammen. Für die nächste Stunde. Und den Frieden des Verstorbenen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.04.2012

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