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Weil Mischa Badasyan in Russland radikalste Homophobie erlebte, flüchtete er nach Dresden

Weil Mischa Badasyan in Russland radikalste Homophobie erlebte, flüchtete er nach Dresden

Mischa Badasyan wurde in Russland wegen seiner Homosexualität verfolgt. In Dresden hoffte er auf Toleranz. DNN haben mit dem Performancekünstler über sein Outing in Russland, die Grenzen der deutschen Akzeptanz und Conchita Wurst gesprochen.

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Mischa Badasyan erlebte auch in Deutschland Intoleranz.

Quelle: Christian Juppe

DNN: Seit Juli 2013 gibt es in Russland das sogenannte Gesetz gegen "Homo-Propaganda". Demnach ist jegliche positive Äußerung über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen strafbar. Hat sich das Leben für Homosexuelle in Russland damit schlagartig verändert?

Mischa Badasyan: Nicht wirklich. Denn die russische Gesellschaft war schon vor dem Gesetz intolerant. Seit den neuen Regelungen haben viele nun aber eine gesetzliche Legitimation für ihren Hass auf Homosexuelle, das Gesetz treibt vieles auf die Spitze. Schon als ich in Russland gelebt habe, habe ich jeden Tag in der Schule oder an der Uni psychische und verbale Gewalt gegenüber Homosexuellen erlebt. Einmal hat einer zu mir gesagt, ohne zu wissen, dass ich schwul bin: "Schwule gehören doch erschossen." Ablehnung ist also allgegenwärtig.

Das klingt nach ziemlich schwierigen Umständen. Wie haben denn dann Freunde, Familie und Bekannte auf Ihr Outing reagiert?

In Russland habe ich die ganze Zeit im Verborgenen gelebt. Meine Eltern wissen bis heute nicht, dass ich homosexuell bin. Meine Schwester und mein Bruder haben aus dem Internet von meiner Homosexualität erfahren und mich glücklicherweise akzeptiert. Das Outing lief dabei aber überhaupt nicht freiwillig ab. Es gibt in Russland eine rechtsradikale Gruppen namens "Occupy Pädophilie"...

...die haben lange Zeit eine richtige Hetzjagd auf Schwule veranstaltet...

Ja. Das Prinzip war immer das gleiche: Die Rechten haben sich in Online-Dating Portalen mit homosexuellen Männern verabredet. Bei den Treffen erwartet dich aber kein nettes Date. Als ich dahin kam, standen da acht Rechte, die haben ein gemeines Video gedreht und es ins Netz gestellt. Alle meine Freunde haben es gesehen. Einen Monat lang wurde ich schikaniert, die Hälfte meiner Schulfreunde hat sich von mir abgewandt. Ich lebe glücklicher Weise heute in Berlin, da interessiert das niemanden. Aber viele Homosexuelle, die in Russland zum Beispiel auf dem Dorf wohnen, können nicht mehr vor die Haustür gehen. Manche haben sich sogar umgebracht.

2008 kamen Sie nach Dresden und haben hier studiert. War Deutschland eine Art Befreiungsschlag für Sie?

Als ich nach Dresden kam, dachte ich, ich kann mich hier jetzt so richtig ausleben. Ich habe mich auch gleich sehr wohl in Deutschland gefühlt, weil es für Homosexuelle hier tatsächlich einfacher ist. Vor allem in Großstädten wie Dresden kam man in Frieden leben, ohne dass die sexuelle Orientierung immer gleich ein Thema ist. Trotzdem spürt man aber auch noch in Deutschland an vielen Ecken und Enden Intoleranz, vor allem im ländlichen Raum oder in Kleinstädten.

Was meinen Sie da konkret?

Ich habe beispielsweise mit den Dresdner Gerede e.V., ein Verein der sich für Homosexuelle einsetzt, einen Workshop in Riesa gegeben. Die Kinder dort waren richtig aggressiv gegenüber Schwulen. Das kannte ich aus Dresden nicht. Und es gibt ja auch noch viele Politiker, die gegen Ehen und Adoption bei Homosexuellen sind. Angela Merkel ist da ein prominentes Beispiel. Ein Paradies für Homosexuelle ist Deutschland noch lange nicht.

Negativkritik übt sich ja immer recht leicht. Aber haben Sie auch Vorschläge, mit denen man diese Barrieren in den Köpfen endgültig abbauen kann?

Ich glaube, dass vor allem Kunst und Kultur viel bewegen können. Nehmen Sie doch mal Conchita Wurst: Egal wie gut oder schlecht man den Auftritt beim Eurovision Song Contest von ihr fand - sie hat immerhin eine weltweite Debatte ausgelöst. Wichtig ist, dass die Leute über Homosexualität ins Gespräch kommen und so ihre Ängste und Vorurteile abbauen. Außerdem glaube ich, dass gerade im Bereich Schule und Bildung einiges für mehr Toleranz getan werden kann. Warum muss eine Familie in einem Schulbuch immer dem Modell Vater-Mutter-Kind folgen? Kann es nicht auch einmal eine Geschichte über Vater-Vater-Kind-Hund geben? Wir sollten Kindern von klein auf zeigen, dass Vielfalt eine gute Sache ist.

Momentan leben Sie in Berlin. Möchten Sie irgendwann einmal den Versuch wagen, wieder zurück nach Russland zu gehen?

Ich denke die politische Situation dort wird sich in den nächsten Jahren kaum verändern. Also nein, nach Russland gehe ich nicht mehr. Sehen Sie, seitdem ich 14 war, war ich dort als Aktivist und Oppositioneller tätig. Ich hätte sicherlich nichts Gutes zu erwarten.

Mischa Badasyan kam 1988 in Rostov am Don (Russland) als Sohn eines in Georgien geborenen Armeniers und einer Armenierin zur Welt. Schon früh engagiert er sich für Menschenrechte, Umweltschutz und die Rechte von Homo-, Bi- und Transsexuellen. Er studiert zunächst Politikwissenschaft in Russland, 2008 kommt er für einen Freiwilligendienst nach Dresden und schreibt sich an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit ein. Heute lebt er, als Performance-Künstler tätig, in Berlin.

susa

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