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Weihnachtsfeier im Flüchtlingsheim: Stollen, Ananas und „Glühsaft“

Dresden-Plauen Weihnachtsfeier im Flüchtlingsheim: Stollen, Ananas und „Glühsaft“

Auch Jesus, Maria und Josef gelten als Flüchtlinge. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von Not, Hilfe und Hoffnung. Nun gibt es ein Fest für viele, die es in ihrer Heimat eigentlich nicht feiern.

Flüchtlinge und freiwillige Helfer während einer vom "Netzwerk Dresden-Plauen Miteinander" organisierten Weihnachtsfeier

Quelle: dpa

Dresden. Die Tafel ist gedeckt. Naschteller mit Keksen und Schokolade, Dresdner Christstollen und Platten mit Ananas stehen dicht an dicht auf dem Tisch. Die Gäste sind unterschiedlichen Alters und kommen aus verschiedenen Ländern. Doch an diesem Tag haben fast alle der gut zwei Dutzend Männer aus einer Dresdner Unterkunft für Asylbewerber eines gemeinsam: Es ist ihre erste Weihnachtsfeier. Muslimen ist das Weihnachtsfest zwar nicht unbekannt, schließlich spielt Jesus auch im Koran eine Rolle. Dennoch feiern sie eher den Jahreswechsel mit einem Festessen und Geschenken. „Manchmal gibt es bei uns auch Raketen“, sagt Derbali Achraf.

Der 24-Jährige stammt aus Tunesien. Für ihn ist es schon das zweite Weihnachten in der Fremde. Achraf räumt ein, dass ihm der Christstollen nicht besonders schmeckt. Den Mund voller Rosinen grinst er breit, als er das „Geständnis“ ablegt. Die richtige Vokabel für den Glühwein kennt er noch nicht. Der Tunesier nennt ihn „Glühsaft“. Was die Frauen und Männer vom „Netzwerk Dresden-Plauen Miteinander“ an diesem Abend ausschenken, ist Kinderpunsch. Muslime trinken normalerweise keinen Alkohol. 

„Bei uns zu Hause kommt Silvester meist ein Huhn auf den Tisch und jede Menge Erfrischungen und Getränke, natürlich ohne Alkohol“, erzählt Achraf. Über Weihnachtstraditionen habe man auch beim Deutschkurs unmittelbar vor der Feier gesprochen. Achraf kennt sich inzwischen schon ziemlich gut aus, auch mit anderen Dresdner Besonderheiten. „Pegida? Ist mir Wurst“, sagt er im besten Slang. Von den Umtrieben der selbst ernannten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ hat er vor allem aus den Nachrichten im Fernsehen gehört. Er selbst will einer Kundgebung lieber nicht zu nahe kommen. 

Erfahrungen mit Alltagsrassismus habe er auch so schon erlebt, sagt Achraf: „Man merkt es den Leuten auf der Straße an, wie sie einen anschauen.“ Einmal sei er sogar mit einem Messer bedroht worden. Doch der gelernte Heizungsmonteur lacht Pegida und negative Erlebnisse einfach weg. „Kein Problem. Ich sag dann immer: Ich verstehe Bahnhof.“ Dabei kann er jederzeit ihm unbekannte Wörter übersetzen. Sein Taschenwörterbuch bezeichnet Achraf liebevoll als „Freund“. Auch auf den Beistand zahlreicher Helfer können der Tunesier und seine Schicksalsgenossen bauen. 70 Männer wohnen hier im Dresdner Stadtteil Plauen in einer Turnhalle, Familien mit Kindern hat man in einem Hotel einquartiert. Es wird genau wie die Sporthalle von der Johanniter-Unfall-Hilfe betrieben. 

Deren Sprecher Danilo Schulz sitzt wie mehrere Helfer des Netzwerkes mit an der Weihnachtstafel. Die Johanniter hätten viele Erfahrungen mit der Katastrophenhilfe, sagt Schulz. Auch bei den Jahrhundertfluten sei man im Einsatz gewesen: „Jetzt ist es eine Menschenflut“. Dass so viele Bürger Spenden abliefern und den Geflüchteten helfen wollen, gehöre zu den schönen Erfahrungen der Arbeit. Tatsächlich haben sich Frauen und Männer unterschiedlichster Berufe in das Netzwerk eingebracht und helfen nun an allen Ecken und Enden. Etwa 25 sind als Deutschlehrer im Einsatz, obwohl sie keine ausgebildeten Pädagogen sind. Auch Biologiestudentin Mina Breuer ist nun Lehrerin und begleitet die Männer aus Afghanistan, Syrien und Tunesien bei ihren ersten Schritten in eine neue Sprache. 

Die Methodik hat man sich durch Empfehlungen im Internet oder Learning by Doing angeeignet, berichtet eine 47 Jahre alte Frau, die sonst als Angestellte in einer Landesbehörde arbeitet. Dass Syrer bevorzugt in professionelle Deutschkurse vermittelt werden, sei für Asylbewerber aus anderen Ländern schon ein Problem. Jetzt zur Weihnachtsfeier stehen in deutsch, englisch, französisch und arabisch Vokabeln an der Tafel, die zum Fest passen. Tannenbaum, Räuchermann, Kerze oder Geschenk. Um die Stimmung ein bisschen heimelig zu machen, lässt Netzwerk-Organisator Vincent Drews Glockengeläut per Tonband einspielen. Später erklingt weihnachtliche Musik. 

Drews sieht in der alltäglichen Beschäftigungslosigkeit der Bewohner das größte Problem. „Es gibt nur wenige Möglichkeiten zu arbeiten. Da kommt schnell Langeweile auf“, sagt der 28-Jährige. Deshalb versuche man, den Alltag mit diversen Angeboten zu strukturieren. Ab Januar soll es auch regelmäßig Kino-Abende geben - Filme auf deutsch mit arabischen Untertiteln. Auch das Deutsche Rote Kreuz, dass die meisten Einrichtungen für die Erstaufnahme in Sachsen betreut, versucht auf solche Weise, den drögen Alltag etwas aufzuhellen und Freude zu bereiten. Zu Nikolaus schenkte das DRK jedem Kind aus einer Flüchtlingsfamilie einen Schokoladeweihnachtsmann. Das Geld kam aus Spenden der Bevölkerung. 

Auch eine Strickaktion im Vorfeld des Festes erwies sich als Erfolg. Rund 1000 selbstgestrickte Mützen, Schals, Stulpen oder Socken trafen ein. Jetzt folgt die Aktion „Weihnachten aus der Tüte“. Derzeit werden mehr als 1500 Tüten mit Geschenken für Kinder und Jugendliche in Flüchtlingsquartieren gepackt. „Für das DRK ist dies ein Teil gelebter Integration“, betont Sprecher Kai Kranich.

Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) erinnert daran, dass die Geflüchteten nach den neuen Regelungen bis zu sechs Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung verbleiben können. „Wenn ein Mensch ein halbes Jahr lang dort zubringt, die deutsche Sprache nicht spricht und auch viele der in Deutschland geltenden Regeln noch nicht kennt, braucht er Unterstützung. Deshalb muss Integration vom ersten Tag an beginnen.“  Köpping, die mit ihrer Familie selbst zwei Männer aus Syrien aufnahm, wünscht sich, das die Flüchtlinge zu Weihnachten ihre Ruhe finden:
„Wir können nicht mehr sagen, dass die Welt uns nichts angeht. Diese Zeit ist vorbei. Die Flüchtlingskrise hat dazu geführt, dass wir die Welt mit anderen Augen sehen.“

Jörg Schurig und Sebastian Kahnert, dpa

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