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Weg mit dem Bargeld?

Debatte ums Bezahlen der Zukunft Weg mit dem Bargeld?

Leben wir in zehn Jahren ohne Bargeld? Deutsche-Bank-Chef John Cryan hat die Debatte beim Weltwirtschaftsforum in Davos wieder angeheizt und ab 2026 ein Leben ohne das „teure und ineffiziente“ Bargeld prophezeiht. „Wunschdenken“, nennt das Norbert Haskert von der Hauptverwaltung der Bundesbank in Sachsen.

Das Kupfergeld, dessen Produktionskosten den Nennwert deutlich übersteigen, war schon mal deutlich näher an der Abschaffung. Doch sowohl der Handel als auch der Staat wehren sich dagegen. Und auch viele Deutsche sind bei Umfragen wieder umgeschwenkt und tendieren zum Behalten.
 

Quelle: DNN/Archiv

Dresden. Wie gefährdet ist das Bargeld in Deutschland wirklich? Den vier Aspekten dieser Frage ging Bundesbankmitarbeiter Norbert Haskert jüngst bei einem außerordentlich gut besuchten Vortrag im Dresdner Schloss nach. Hier die Schwerpunkte.

Debatte um die Obergrenze

Das Bundesfinanzministerium kann sich eine Obergrenze von 5000 Euro bei Bargeldzahlungen vorstellen. Diese Idee ist schon recht weit gediehen.

Wen träfe das? Besonders den Gebrauchtwagenhandel, Juweliere, Luxus- und Antikläden, Immobilienhändler, Pferdezüchter.

Argument der Befürworter: Die Obergrenze erleichtert den Kampf gegen die Geldwäsche. Einer Studie zufolge werden jedes Jahr in Deutschland rund 100 Milliarden Euro aus kriminellen Quellen gewaschen.

Argument der Gegner: Ökonomen und Finanzwissenschaftler von Rang befürchten schon bei dieser Aktion den Einstieg in die Abschaffung des Bargelds und warnen vor der digitalen Enteignung.

Stand: In Frankreich gibt es eine solche Grenze schon, sie liegt bei 1000 Euro. Die EU-Finanzminister haben den Auftrag, zu prüfen, ein Ergebnis steht aus.

Aus für 500-Euro-Schein?

Die Überlegungen, den 500-Euro-Schein abzuschaffen, werden konkreter. Unterstützer der Idee sind EZB-Chef Mario Draghi, Frankreich, die EU-Korruptionsbehörde und die EU-Finanzminister, inclusive Wolfgang Schäuble.

 Die 500-Euro-Scheine haben Haskert zufolge am Gesamt-Bargeld-Umlauf von etwa 1,1 Billionen Euro einen Anteil von 28,9 Prozent – also rund 306 Milliarden Euro. (Den Löwenanteil machen 50-Euro-Scheine aus mit gut 400 Milliarden Euro.)

Wen träfe das? Betroffen wären auch hier Gebrauchtwagenhandel, Juweliere, Luxus- und Antikläden, Immobilienhändler und Pferdezüchter sowie Flohmärkte. Für den Alltag spielen die 500-Euro-Scheine kaum eine Rolle. Schätzungen zufolge wird ein Drittel der Scheine im Ausland gehortet.

Wie realistisch ist die Abschaffung? Norbert Haskert zufolge wäre der „Aufwand gewaltig“, 30 Prozent des Bargeldes umzutauschen. Denn zur Kompensation bräuchte man viel mehr 100- und 200-Euroscheine, als derzeit zur Verfügung stehen. Außerdem würden neben dem Umtausch auch Transport und Vernichtung viel Zeit und Geld verschlingen. Und: Auch die Tresorkapazitäten reichten dafür gegenwärtig nicht aus.

Argument der Befürworter: Die Obergrenze erleichtert den Kampf gegen die Geldwäsche und damit gegen die Terrorfinanzierung.

Hilft die Abschaffung dabei wirklich? Möglich. Doch Kriminelle finden natürlich Umwege – nicht nur kleinere Scheine, sondern zum Beispiel Gold oder Diamanten. Und das Beispiel Bitcoin zeigt, dass sich auch mit digitalem Geld kriminelle Geschäfte finanzieren lassen

Argument der Gegner: Die Abschaffung der 500-Euro-Note wäre nur der erste Schritt, um das Bargeld ganz abzuschaffen und die Anonymität, die dieses noch gewährt, aufzuheben.

Stand: Innerhalb der EZB ist die Entscheidung über die Abschaffung der 500-Euro-Note noch nicht gefallen. Derzeit wird untersucht, ob das technisch überhaupt möglich ist.

Ende der Kleinstmünzen?

Nach Zahlen der Europäischen Zentralbank hat sich der Umlauf von Ein-Cent-Stücken seit der Euro-Bargeld-Einführung 2002 verfünffacht und von Zwei-Cent-Stücken vervierfacht. Grund: Sie stören im Portemonnaie und werden aussortiert oder gehen verloren. In Finnland, Italien und Frankreich sind kaum noch 1- und 2-Cent-Münzen im Umlauf – Kaufbeträge werden auf- oder abgerundet. Zwar ist die Herstellung eines Ein-Cent-Stücks mit Kosten von 1,65 Cent teurer als der Nennwert, doch Ausgabe- und Münzprägerecht liegen in Deutschland beim Bundesministerium der Finanzen – und das macht mit den Kleinstmünzen nach eigenen Angaben Gewinn.

Argument der Befürworter: Die Münzen sind teuer in der Herstellung und umständlich in der Handhabung. Und man käme endlich weg von den ...,99-Euro-Preisen.

Argument der Gegner: Ohne klare Rundungsregeln stünde der Handel unter Generalverdacht, die Preise anzuheben. Hilfsorganisationen fürchten um Erträge aus ihren Sammelbüchsen.

Stand: Auch wenn sich wieder mehr Deutsche für eine Abschaffung erwärmen, hat inzwischen auch die Europäische Kommission ihre entsprechende Initiative wieder in die Schublade geräumt.

Bargeldfreie Welt?

Kreditkartengesellschaften, Banken, Internetdienstleister und Teile der Europäischen Zentralbank feuern massiv gegen das Bargeld und arbeiten längst an der Einführung digitaler Bezahlsysteme. Kritiker aber befürchten durch den Wegfall von Scheinen und Münzen Enteignung und Überwachung. 85 Prozent der Deutschen haben beim mobilen Bezahlen Angst vorm Datenklau. Und wollen auf eine gewisse Anonymität beim bezahlen nicht verzichten.

Argumente der Befürworter: Bargeld ist teuer in Herstellung und Verwaltung – die Kosten belaufen sich im Jahr auf geschätzte 12,5 Milliarden Euro (150 Euro pro Person). Die Abschaffung würde die Schattenwirtschaft eindämmen, Motto: Keine Scheine, keine Verbrecher. Geldpolitische Instrumente wie Negativzinsen würden sich umfassend durchsetzen lassen. Und mit dem Smartphone steht das Bezahlmittel der Zukunft bereit.

Argumente der Gegner: Durch ein Bargeldverbot würden Anleger gläsern für Firmen und den Staat. Notenbanken könnten Strafzinsen für alle durchsetzen und so den Druck auf Sparer erhöhen. Die können sich dem Negativzins noch entziehen, wenn sie Bargeld abheben und irgendwo bunkern. Und: Auch nicht-bare Bezahlarten sind keineswegs sicher, wie diverse Datenklau-Meldungen zeigen. Durch Betrug beim Bezahlen im Internet entsteht jährlich in Deutschland ein Schaden von 3,4 Milliarden Euro, schätzt das Brandenburgische Institut für Gesellschaft und Sicherheit. Außerdem: Auch ohne Bargeld lassen sich Werte horten: Die Flucht in Edelmetalle, andere Währungen und Sachwerte würde zunehmen; der Anreiz zum Sparen oder – für Länder – zu Strukturreformen, dagegen abnehmen. Ketzerische Frage von Bundesbanker Norbert Haskert am Rande: Werden auch die Kreditzinsen negativ?

Außerdem: Jüngsten Erkenntnissen der Europäischen Zentralbank zufolge gibt es „keinen statistisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen Kriminalität und Bargeldnutzung oder auch zwischen dem Umfang der Schattenwirtschaft und Bargeld. Das sagte Doris Schneeberger, Leiterin der Abteilung Banknotenmanagement in der EZB, auf einer Konferenz über die Zukunft des Bargelds in Paris. „Kriminelle nutzen auch Autos und Handys, aber niemand denkt deshalb ernsthaft daran, deren Gebrauch einzuschränken“, sagte sie dem Handelsblatt zufolge. Und: „Die Wertaufbewahrungsfunktion des Bargeldes ist legitim und sie gewinnt an Bedeutung“. Damit ist Bargeld auch ein Schutz vor staatlicher Willkür und ein Garant von Eigentumsrechten.

Stand: Die Debatte schwillt europaweit immer mal wieder an. Die Fronten verlaufen quer durch alle Lager.

Von Barbara Stock

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