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Von Dresden bis nach Barcelona - 1700 Kilometer Kanäle unter dem Asphalt der Stadt

Von Dresden bis nach Barcelona - 1700 Kilometer Kanäle unter dem Asphalt der Stadt

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen die DNN wie bei einem Adventskalender jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Pforten.

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen die DNN wie bei einem Adventskalender jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Pforten. Diesmal machen wir uns auf den Weg in die Kanalisation.

Von Hauke Heuer

"Wusch" macht es, wenn irgendwo in Dresden eine Toilettenspülung betätigt wird. Was mit der Ladung passiert, nachdem der Wasserschwall sie mitgerissen hat, interessiert die meisten herzlich wenig. Egal, ob Zahnputzwasser, Spüldreck oder eben Klopapier - alles landet in der Kanalisation der Stadt. 1700 Kilometer Leitungen durchziehen den Untergrund. Das entspricht der Strecke von Dresden nach Barcelona. Dafür verantwortlich, dass in den Leitungen und Kanälen auch immer alles flüssig flutscht, ist Netzmeister Frank Lieber. Seit 1989 ist der gelernte Tiefbauer in den Katakomben unterwegs und hält das Netz gemeinsam mit 60 Kanalarbeitern und 25 Angestellten in Schuss.

Gleich nach seinem Amtsantritt in der Wendezeit hatte er alle Hände voll zu tun. "Die Kanäle wurden über Jahrzehnte vernachlässigt. Dass das Ab- wasser aus der Südvorstadt am Ende auch in der Kläranlage landete, war nicht mehr sichergestellt, so versandet waren viele Leitungen", erinnert er sich an den desolaten Zustand. Bis 1994 wurde die Kanalisation einer Grundreinigung unterzogen. Seitdem versuchen Lieber und seine Mitarbeiter tagtäglich, den Bestand zu erhalten. Hierfür be- nutzen sie unter anderem ein traditionelles Werkzeug - den Stauwagen. Das Prinzip funktioniert folgendermaßen: Ein dem jeweiligen Kanalprofil angepasstes Stauschild erzeugt hinter dem Wagen einen Rückstau. Dessen Energie wird durch die Spalte zwischen Kanalwand und Stauschild in eine Spülwirkung vor dem Stauwagen umgewandelt. Der Stauwagen spült so Ablagerungen vor sich her und bewegt sich mit der Strömung mit.

Diese Technik kommt vor allem in den zwei Abfangkanälen auf beiden Seiten der Elbe zum Einsatz. Hier sammelt sich am meisten Dreck. Das ist kein Wunder, denn beinahe alle Abwasser der Stadt laufen in den jeweils 17 Kilometer langen Kanälen, die auf Höhe der Werft in Laubegast beginnen und bis zur Kläranlage in Kaditz führen.

Von 1890 bis 1910 ließ der damalige Tiefbauamtsleiter Hermann Klette die Abfangkanäle und das Klärwerk errichten. Vorher lief das Abwasser aus den Vierteln direkt in die Elbe. Außerdem wurde durch neue Schieber in den Gebietshauptkanälen ein Hochwasser-Rückstau in die Stadt verhindert. Diese Anlagen bilden bis heute das Rückgrat der Dresdner Kanalisation.

Obwohl das System großzügig ausgelegt ist und bis zu 110 000 Kubikmeter Wasser am Tag fördern kann, gelangt es mehrmals im Jahr bei Starkregen an seine Grenzen. Dann werden die 75 Schotten der Abfangkanäle geöffnet und das Mischwasser, bestehend aus Regen- und Abwasser, fließt in die Elbe. Ein Rechen und eine Wehrzunge, über die das Wasser laufen muss, sorgen dann dafür, dass keine Schwebteile wie Klopapier, Fäkalien oder ertrunkene Ratten direkt in die Elbe gespült werden. Sollte das nicht genügen, werden in der Kläranlage die Regenwasserpumpen angeworfen. Sie pumpen das Mischwasser 100 Meter vor der Flügelwegbrücke mitten im Flussbett in die Elbe.

So auch beim Elbehochwasser 2002, das dem Dresdner Kanalsystem arg zusetzte. "Das Wasser floss von der Elbe in die Kanäle und richtete durch den hohen Druck viel Schaden an", sagt Lieber und fügt hinzu: "Zwar waren noch alle Leitungen intakt, aber in den Folgejahren mussten viele der alten Katakomben aus Sandstein und Stampfbeton ausgebessert werden." Derzeit wird der linkselbische Abfangkanal zwischen Vogesenweg und Salzburger Straße ertüchtigt. 2013 soll dieser Bauabschnitt fertiggestellt werden. Bei den Baumaßnahmen kommt nicht wie früher Sandstein zum Einsatz. Stattdessen wer- den Elemente aus glasfaserverstärktem Kunststoff verwendet. Sie werden in die Röhren eingesetzt und vertragen die aggressiven Dämpfe der Kloake sehr gut.

Die teilweise über 100 Jahre alten Kanäle müssen regelmäßig kontrolliert werden, auch um die Sicherheit von Bauwerken und Straßen an der Oberfläche zu gewährleisten. "In den vergangen Jahren hat man immer wieder von Abwasserkanälen gehört, die eingesunken sind. Das soll bei uns in Dresden nicht passieren", sagt Lieber. Früher ist er die Kanäle zur Kontrolle noch zu Fuß abgewatet. Heute greift er auf ein Boot zurück, mit dem er sich durch den Dresdner Untergrund treiben lässt. Einen Meter in der Sekunde kommt er dabei voran, das ist die optimale Fließgeschwindigkeit in Dresdens verborgenen Gewässern. Die Vorstellung, dass es sich hierbei um eine gemütliche Bootstour handelt, fällt bei dem allgegenwärtigen Gestank schwer. Doch Lieber nimmt den aggressiven Geruch locker und findet: "Wenn man erst einmal zehn Minuten hier unten ist, hat sich die Nase an die Umstände gewöhnt." Das allerdings können wir nach unserem Besuch in Dresdens Kanalisation nicht unbedingt bestätigen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.12.2012

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