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Versicherung lässt vom Lohn nichts übrig: Viele Hebammen geben Geburtshilfe auf

Versicherung lässt vom Lohn nichts übrig: Viele Hebammen geben Geburtshilfe auf

In Dresden werden ab kommendem Jahr viele selbstständige Hebammen ihre Haupttätigkeit als Geburtshelferin aufgeben. Grund sind immens gestiegene Versicherungskosten.

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Zu hohe Versicherungskosten ärgern freiberufliche Hebammen.

Quelle: dpa

Bundesweit regt sich seit Monaten Widerstand gegen die finanzielle Belastung, die den Berufsstand bedroht. Am Donnerstag 12 Uhr versammeln sich Dresdner Hebammen daher zu einer Mahnwache vor der Frauenkirche. Denn ihr Fehlen gefährdet auch die Existenz der Geburtshäuser. Mit jedem ihrer bislang 85 Kinder verbindet Katarina Grabs eine Erinnerung. Sie schreibt alle Geburten in ein schwarzes Buch - ob es ein Junge oder Mädchen war, wann das Baby das Tageslicht erblickte, wie es heißt. Ende dieses Jahres wird die 24-Jährige das Buch zuschlagen und womöglich nie wieder etwas eintragen. Die selbstständige Hebamme gibt zum 1. Januar 2011 ihre Arbeit als Geburtshelferin auf, wird nur noch Vor- und Nachbereitungen anbieten. Damit geht für die junge Frau der wichtigste und schönsten Teil ihres Traumberufes verloren. Sie verdient damit kaum mehr Geld.

„Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist für uns selbstständige Hebammen der Jahresbeitrag zur Haftpflichtversicherung noch einmal um 1400 Euro auf 3700 Euro gestiegen. Ich müsste im Jahr mindestens 15 Geburten begleiten nur um diese Versicherungssumme zahlen zu können. Ich liebe meinen Beruf und wollte seit der Grundschule nichts anderes machen, aber es ist auch sehr stressig. Wenn es sich nun finanziell gar nicht mehr lohnt, werde ich gezwungen aufzuhören", erklärt die Radebeulerin. Mit 25 bis 30 Geburten im Jahr ist sie eine besonders viel beschäftigte Hebamme. Das funktioniert nur, weil sie sich für eigene Kinder noch keine Zeit genommen hat. Doch wenn die Versicherungssumme mehr als die Hälfte des Verdienstes als Geburtshelferin auffrisst, bleiben nur knapp 2500 Euro Brutto-Jahreslohn. Das Geld zum Leben kommt über die Vor- und Nachbereitungsaufträge herein. „Wir sind ja für unsere Kundinnen ab der 37.

Schwangerschaftswoche in ständiger Rufbereitschaft, das Handy liegt immer neben dem Bett, meistens werde ich nachts zu Geburten gerufen. Einfach mal ins Kino gehen kann ich nicht, weil dort meist kein Handy-Empfang ist." Auch ein längerer Ausflug mit ihrem Freund ist nicht möglich, denn in 45 Minuten muss Grabs nach dem Anruf einer werdenden Mutter vor Ort im Diakonissenkrankenhaus sein, mit dem sie zusammenarbeitet.

Der sächsische Hebammenverband befürchtet, dass die wenigen in Krankenhäusern fest angestellten Hebammen künftig die Arbeit ihrer freiberuflichen Kolleginnen übernehmen müssen. „Viele von denen arbeiten aber schon am Rand des Machbaren", warnt Verbandsvorsitzende Grit Kretschmar-Zimmer. Die selbstständigen Hebammen, die bundesweit Dreiviertel der Berufsgruppe ausmachten, würden nur noch Vor- und Nachbearbeitung anbieten, weil die Versicherungsbeiträge hierfür deutlich geringer ausfielen.

Katarina Grabs wollte schon in diesem Monat aufhören, aber sie möchte ihre Frauen, die sie schon angenommen hat für das zweite Halbjahr, nicht im Stich lassen. „Die Erhöhung der Haftpflicht rührt daher, dass die Kosten für Behandlungen und Medikamente nach Notfällen, wenn wirklich mal etwas schief geht bei der Geburt, stetig gestiegen sind. Die Fehler, die auf Hebammen zurückzuführen waren, sind aber nicht mehr geworden. Dass wir allein die Erhöhung tragen, ist ungerecht."

Die Freiberuflerin, die in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet, hat kaum Hoffnung, dass noch eine Lösung gefunden wird. „Es könnten höchstens die Pauschalen für die Rufbereitschaft erhöht werden." Bislang zahlen Schwangere zwischen 150 und 250 Euro dafür, dass sie ihre Beleghebamme immer anrufen können. „Die Krankenkassen müssten einen Anteil tragen, denn den gesamten Betrag von den Kunden zu verlangen, könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren", so Grabs. Konsequenz des Ganzen sei auch, dass die Frauen weniger Wahlmöglichkeiten hätten, denn die Geburtshäuser arbeiteten mit selbstständigen Hebammen und würden den Einbruch spüren. „Einige werden schließen müssen", glaubt Grabs. Das befürchtet auch Larissa Schlenker, Chefin des Geburtshauses Dresden in Striesen: „Wir werden uns umstellen müssen, weniger Hebammen werden mehr Geburten betreuen, damit es sich rentiert, andere nur Nach- und Vorbereitung anbieten. Da wir gut nachfragt sind, wird es uns hoffentlich nicht ganz so hart treffen, aber kleinere Häuser sind in ihrer Existenz bedroht."

An der Wand über Katarina Grabs' Schreibtisch hängen Bilder der vielen Winzlinge, denen sie ans Tageslicht half. „Ich werde das unheimlich vermissen", sagt sie leise.

Skadi Hofmann

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