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Verkürzte Distanz: Heinrich Schütz Musikfest in Dresden war auch zum guten Schluss nah dran am Heute

Verkürzte Distanz: Heinrich Schütz Musikfest in Dresden war auch zum guten Schluss nah dran am Heute

Es ist ein Märchen, natürlich. Aber wie alle Märchen nicht ohne lehrreiche Ingredienzen. In der Lesart des am Sonnabendvormittag das Abschluss-Wochenende des Heinrich Schütz Musikfestes einläutenden Kinderkonzerts waren es Fuchs und Igel, die die Schalmei erfanden.

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Durch Zufall entdeckten sie, dass man auf zwei Blättern ohrenbetäubend fiepen kann. Weil ihnen der Sinn nach Wohlklang stand, steckten sie die Blätter auf ein hohles Holz, bohrten Löcher hinein, fertig war das Blasinstrument. Neugierig geworden, kommen Ente und Hase dazu, man experimentiert ein wenig und erfindet im Handumdrehen Pommer, Dulzian, Posaune, Trommel. Und da die Tiere die geborenen Könner auf ihren Instrumenten sind, finden sie alsbald eine Anstellung als Stadtpfeifer. "Die echten Stadtmusikanten" eben - so der Titel des Programms in der Dreikönigskirche - im Gegensatz zu den Kollegen aus Bremen, die sich im Singen nur versuchten ...

Kindgerechte Erläuterungen zu den gängigen modernen Orchesterinstrumenten lassen sich ja durchaus einige finden, hier aber machte sich die Capella de la Torre um die Vorstellung von "Musikwerkzeugen" verdient, die heute nicht mehr zu den gängigen gehören, aber eine Grundlage alles Folgenden waren. Die fünf Musiker mit Erzähler Peter A. Bauer an der Spitze kreierten eine wirklich vergnügliche Geschichte, banden unaufdringlich Wissenswertes zur Funktionsweise der Instrumente oder zur Geschichte der Stadtpfeifer ein. Die Kinder hatten sichtlich Spaß am Geschehen.

Am Abend durften sich die Erwachsenen vergnügen. Vielleicht gar verblüffen lassen. Das Ensemble The Playfords und der Schauspieler Christian Klischat nahmen im Cosel-Palais den Tage zuvor von der Capella Fidicinia gelegten Faden auf und verkürzten gehörig der Gegenwärtigen Distanz zu Martin Luther. Dessen Vermächtnis mag bekannt sein, vielleicht auch der ein oder andere deftige Satz aus seinem Mund noch im Ohr, doch irgendwie haftet dem Namen das Etikett "durchgeistigt, verstaubt und weltenweitweg" an.

Christian Klischat also zitierte Luther-Sprüche, vielmehr: Er spielte Luther mit den Worten aus Tischreden und Briefen. Das drehte sich im wahrsten Sinne um "Gott und die Welt", um Glaube und Gnade, um Mann und Frau, um Erdendasein, Leben, Tod. Freilich, man muss sich gut konzentrieren - zumal bei Klischats manchmal schier überschäumendem Spiel voller Körpereinsatz -, um Luthers Worten verstehend folgen zu können. Doch Klischat zeigte ihn, den klugen Theologen, der das Ohr so nah am Volke hatte, der den Glauben vom Sockel holte und viel von prallem wie kargem Leben verstand. Von all den Worten haben nicht nur die von der Wichtigkeit musikalischer Ausbildung bis heute nichts an Aktualität eingebüßt - das stampfte Christian Klischat hier freudvoll förmlich in den Boden.

Den Lutherschen Feinsinn, Glauben und Leben zu einen, machten parallel The Playfords lebendig, indem sie Luther-Liedern die weltlichen Vorlagen gegenüber- und Tänze der Zeit an die Seite stellten. Wer noch irgendwo ein Körnchen Staub auf der alten Musik gesehen hatte, dem wurde der Sinn hier gehörig aufgeklart. Das Ensemble, vor elf Jahren von einer Handvoll Musikern aus dem mitteldeutschen Raum gegründet, gibt den überkommenen Weisen ein sehr heutiges Antlitz, es wird improvisiert und neu arrangiert, modernen Stilrichtungen Einlass gewährt. Das "folkt", das "groovt" - und funktioniert auf sehr erfrischende Weise, nicht zuletzt dank des lustvollen, körperlich-sinnlichen Gesangs und Spiels auf Blockflöten, Lauten, Gambe, allerhand Trommeln und anderem Schlagwerk.

Ganz irdisch begann auch das Abschlusskonzert in der Dreikönigskirche: Die avisierte Sängerin Dorothee Mields hatte sich zwei Stunden vor Beginn krank melden müssen. The Sirius Viols, die mit ihr das Programm "Nun sich der Tag geendet hat" wie schon am Vortag in Weißenfels hatten gestalten wollen, spielten trotzdem. Die Musiker um die Gambistin Hille Perl verfügen glücklicherweise über einen erprobten Fundus, so dass man bei aller Kurzfristigkeit sogar das Thema des Programms - Musik von Kollegen und Schülern Heinrich Schütz' - im Wesentlichen beibehalten konnte. Schützens Lehrer Giovanni Gabrieli kam "zu Wort", seine Kollegen Andreas Hammerschmidt und Adam Krieger, sein Schüler Matthias Weckmann, dazu Fortführer seines Werkes wie Johann Kuhnau und Johann Sebastian Bach.

Vielfältigste Stimmungen erstanden - vom meditativen Gestus in Johann Kuhnaus Motetto a 5 "Tristis est anima mea" bis zur virtuos-verspielten Sonate C-Dur Dietrich Buxtehudes. The Sirius Viols - komplett besetzt mit zwei Violinen, drei Gamben, Laute und Orgel spielend - fächerten entsprechend die Klänge auf zwischen ätherisch fließend und perkussiv zupackend. Und wenn man eine Geigerin wie Petra Müllejans im Ensemble hat, kann man auch "mal eben" kurzfristig Bachs Chaconne aus der d-Moll-Solo-Partita aufs Programm setzen. Ihrem wunderbaren Spiel war eine knappe Viertelstunde lang höchste Aufmerksamkeit im Publikum zuteil, wie überhaupt die Hörer mit großer Konzentration einem in der Summe eher ruhigen Programm folgten, das würdiger Ersatz für das Erwartete war.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.10.2012

Sybille Graf

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