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Unbequem, lautstark und umstritten: Lothar König und seine Punks

Unbequem, lautstark und umstritten: Lothar König und seine Punks

Für die einen ist er ein Bürgerschreck in Jesuslatschen, für die anderen ein aufrechter Kämpfer gegen den Rechtsextremismus: Seit über 20 Jahren polarisiert Lothar König als Stadtjugendpfarrer in Jena.

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Lautstark, antiautoritär und umstritten: Der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König auf einer Demonstration in Dresden.

Quelle: Arno Burgi, dpa

Wegen schweren Landfriedensbruchs muss er sich heute erneut vor Gericht in Dresden verteidigen.

Einfach "der Lothar" wird der inzwischen 59-Jährige evangelische Pfarrer in Jena genannt. Mit seinem grauen Rauschebart, den etwas zotteligen Haaren, der selbst gedrehten Zigarette im Mundwinkel passt er so gar nicht ins Bild eines ehrwürdigen Gottesmannes. Mitunter wirkt er wie ein deplatzierter Alt-68er. Wer Lothar König aufsucht, muss sich nicht lange durchfragen: Mitten im schicken Einkaufsviertel residiert die Junge Gemeinde, deren Mittelpunkt - und manche sagen auch Guru - er ist. Hier trifft sich die alternative Szene von Jena, Punks, Studenten, auch obdachlose Jugendliche. Damit hat sich der Stadtjugendpfarrer, der aus Nordhausen stammt und mit der Wiedervereinigung nach Jena kam, nicht nur Freunde gemacht.

Vor allem sein früher und lautstarker Kampf gegen den Rechtsextremismus Anfang der 90er-Jahre passte nicht in die Aufbruchsstimmung der gefeierten Boomtown Jena. Vor dem Gebäude marschieren damals wiederholt Neonazis auf, einmal wird König brutal verprügelt. Aber auch der Polizei sind König und seine Punks ein Dorn im Auge - bei einer Razzia 1996 wird nach Drogen gesucht, aber nichts gefunden.

Vier Jahre später wird gegen König wegen Alkoholausschanks an ein minderjähriges Mädchen ermittelt. Das Verfahren wird schließlich eingestellt. Der damalige Oberbürgermeister Peter Röhlinger (FDP) forderte die Kirche auf, den unbequemen Pfarrer zu versetzen - doch König blieb. Er gilt inzwischen als stadtbekannte Kuriosität, durchaus einflussreich, aber ein Bürgerschreck, der mit merkwürdigen Aktionen provoziert.

"Einmal hat er eine Ladung Schrott mitten in die Fußgängerzone ge-stellt. Damit wollte er zeigen, dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben", erzählt Jenas heutiger Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD), im früheren Leben selbst Pfarrer. "Lothar ist ein kritischer Geist, der den Rechtsextremismus schon früher als andere auf dem Schirm hatte, wo wir uns heute fragen, wie das mit dem Nationalsozialis-tischen Untergrund passieren konnte."

Dass Jena heute quasi nazifrei sei, gehöre zu den Verdiensten von Kö-nig. Seine Junge Gemeinde wurde mehrfach für ihre Jugendarbeit ausgezeichnet. "Lothar erreicht Jugendli-che, zu denen andere sonst keinen Zugang haben. Er geht mit denen einen Seitenweg mit, damit sie nicht zu weit gehen", sagt Schröter. Natürlich habe König seine Eigenheiten, ein Linksradikaler sei er aber nicht.

Im Jahr 2000 nominiert ihn die Thüringer Linksfraktion sogar für die Wahl zum Verfassungsrichter. Vier Jahre später wird er für die Grünen in den Stadtrat gewählt und wechselt kurz darauf zu den "Bürgern für Jena". Dort falle König allerdings eher damit auf, dass er recht selten da ist, sagt ein Mitglied. Seine Tochter Katharina König sitzt für die Linkspartei im Stadtrat und - als Sprecherin für Antifaschismus - im Thüringer Landtag.

Bundesweit bekannt wurde Lothar König nachdem die Blutspur von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bis zu ersten Bombenattrappen in Jena zurückverfolgt wurde. Journalisten gaben sich bei König, dem frühen Warner, die Klinke in die Hand. Auf einem Rockkonzert gegen Rechts im November 2011 mit Stars wie Udo Lindenberg ruft er vor Zehntausenden: "Ich bin dafür, wir verbieten alles. Wir verbieten die NPD, wir verbieten ihre Gesinnung, ihre Gedanken, es wird einfach verboten. Und dann haben wir endlich wieder Frieden in diesem Land."

Als Held taugt König nur bedingt. Selbst in der eigenen Kirche gelten seine Ansichten als zu radikal, weshalb er nur noch sehr selten in der Kirche predigt. Seine Junge Gemeinde organisiert Demonstrationen gegen die NPD, bei denen auch König in vorderster Front das Megafon ergreift. Zum Eklat kam es im Februar 2011 während einer Demo in Dresden, als über 100 Polizisten verletzt wurden. Die Staatsanwaltschaft wirft König vor, von seinem Lautsprecherwagen (der "Lauti") aus gegen die Polizei gehetzt zu haben.

Im August 2011 reiten zwei Dutzend sächsische Polizisten ins Nachbarland ein und durchsuchen - obwohl König als Pfarrer Berufsgeheimnisträger ist - das Büro des Jugendpfarrers. Das politische Klima zwischen Thüringen und Sachsen fiel auf Minusgrade.

Nun muss sich König in Dresden wegen schweren aufwieglerischen Landfriedensbruchs vor Gericht verteidigen. Die Anhänger Königs werfen der sächsischen Justiz vor, den Kampf gegen Rechts zu diskreditieren. Jenas Oberbürgermeister Schröter: "Ich finde es schon denkwürdig, dass jetzt, da der NSU-Prozess beginnt, gegen ihn der Prozess eröffnet wird, der ihn maßregelt, weil er gegen die Nazis agierte."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.04.2013

Robert Büssow

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