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Traumaambulanz der Uniklinik benötigt mehr Personal und setzt auf Gruppentherapie

Gegen lebensmüde Gedanken Traumaambulanz der Uniklinik benötigt mehr Personal und setzt auf Gruppentherapie

Immer mehr Flüchtlinge mit traumatischen Erfahrungen gelangen ins Land. Sie haben in ihrer Heimat und auf der Flucht Grausames erlebt, benötigen psychologische Betreuung. Kaum jemand kennt die Schicksale besser als Dr. Julia Schellong, Leiterin der Traumaambulanz an der Lukasstraße.

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Dr. Julia Schellong leitet seit vergangenem Jahr die Traumaambulanz des Uniklinikums.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Kaum jemand kennt die Schicksale besser als Dr. Julia Schellong, Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Dresdner Uniklinikums. Sie leitet die im vergangenen Jahr eröffnete Traumaambulanz an der Lukasstraße. Weil der Andrang groß ist, hat das Uniklinikum eine extra Flüchtlingsambulanz eingerichtet und setzt auch auf Gruppentherapien.

Frage: Wieviele Asylsuchende betreuen Sie im Moment?

Dr. Julia Schellong: Aktuell zwischen 50 und 60. Tendenz steigend. Dabei haben wir bislang noch kaum Kontakt zu unbegleiteten Minderjährigen. Wir haben vor kurzem eine Migrationsambulanz Seelische Gesundheit für die Flüchtlinge eingerichtet und sowohl die Traumaambulanz des Uniklinikums für deutsche Patienten als auch die Migrationsambulanz personell aufgestockt. Insgesamt anderthalb Stellen haben wir dazubekommen. Wissen muss man, dass in der Traumaambulanz Ärzte und Psychologen der Kliniken für Psychotherapie und Psychosomatik bzw. für Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammenarbeiten.

Reichen denn die anderthalb zusätzlichen Stellen?

Nein, weder für die Einheimischen noch für die Asylsuchenden. Es gibt für beide Ambulanzen Wartelisten, auch wenn die Wartezeiten kürzer geworden sind.

Wieviele Kräfte bräuchten Sie denn mehr?

Ein bis zwei in der Traumaambulanz und noch einmal so viele in der Flüchtlingsambulanz. Wir haben aber auch ein Platzproblem. Das Uniklinikum arbeitet fieberhaft daran, neue Räume zu finden.

Wie lange müssen die Patienten auf einen Termin warten?

Wer sich in der Traumaambulanz anmeldet, muss mit ein bis drei Monaten rechnen, ehe er einen Termin bekommt. Ich kann aber sagen, dass jemand, dem Gewalt angetan wurde, innerhalb von ein bis zwei Wochen einen Termin und auch Folgetermine erhält. Wir sind jetzt dazu übergegangen, Gruppen mit maximal fünf Patienten zu bilden. Dadurch können wir deutlich mehr traumatisierte Menschen behandeln als noch zu Beginn des Jahres. Mir ist es wichtig zu sagen, dass die Patienten mit deutschem Hintergrund genauso gut versorgt werden wie die Flüchtlinge.

Behandeln Sie auch die Asylsuchenden gleich in Gruppen?

Wir versuchen es. Im Moment haben wir eine Männer- und eine Frauengruppe. Das ist nicht immer leicht, weil vielen Flüchtlingen Psychotherapie fremd ist. Sie scheuen sich, vor anderen Menschen über ihre Schwierigkeiten zu sprechen.

Woher kommen die meisten Patienten?

Aus Syrien, einige sind auch aus Afghanistan, aus dem Iran, Libyen, Tschetschenien.

Haben alle Asylsuchenden das gleiche Recht auf Behandlung ihres Traumas?

Nein. Für Flüchtlinge, die bereits anerkannt sind, gilt unser Krankenkassensystem, für alle anderen das Asylbewerberleistungsgesetz. Das sieht eine Behandlung nur vor, wenn schwere Krisen oder Schmerzen vorliegen.

Wie lange dauert eine Behandlung?

Manche kommen nur zu einem einzigen Gespräch, andere vier, fünf Mal und einige auch zwei, drei Jahre. Diese Flüchtlinge begleiten wir vom Ankommen bis zur Integration. Ich habe oft beobachtet, dass es ihnen psychisch deutlich besser geht, sobald sie einen Deutschkurs bekommen.

Was haben die Flüchtlinge durchgemacht?

Am meisten erzählen sie, wenn jemand gewaltsam ums Leben gekommen ist und sie zusehen mussten. Das ist das einschneidendste Erlebnis. Manche, die mit den Booten gekommen sind, haben mir erzählt: Ich höre immer die Kinder schreien, da waren 30 Kinder auf dem Boot, die haben nicht alle überlebt, als wir gekentert sind. Ich hatte eine Familie in Behandlung, deren Kind fast ertrunken wäre auf der Flucht. Manchmal sind Familien auch auseinandergerissen worden. Die Mutter hat ihr Kind irgendwo zurücklassen müssen, und es ist nicht klar, wo es jetzt ist. Manche Patienten haben sich monatelang in einem Erdloch versteckt gehalten. Viele sind aus brennenden Häusern oder vor Granateneinschlägen geflüchtet.

Hat man Ihnen auch von Gewalt berichtet?

Ja. Es gibt Menschen, die auf subtile Art und Weise gefoltert worden sind. Sexuelle Gewalt bei Männern wurde manchmal ganz gezielt eingesetzt, um sie zu demoralisieren.

Wie helfen Sie?

Wir schauen, dass die lebensmüden Gedanken weniger werden, dass die Schlafstörungen vorbeigehen, dass Ängste sich reduzieren, dass die Flüchtlinge begreifen, dass sie sich jetzt auf sicherem Boden befinden - wir hoffen, dass die Unterkünfte tatsächlich sicher sind. Wir haben beispielsweise ein kleines Ressourcenheftchen entwickelt, das die Flüchtlinge mitbekommen. Darin sind einfache Übungen aufgelistet, die ihnen im Alltag helfen können.

Was für Übungen sind das?

Ein Beispiel: Sie atmen ein und achten ganz bewusst darauf, dass das Einatmen ein kleines bisschen kürzer ist als das Ausatmen - etwa im Verhältnis vier zu sechs. Damit kann man sich zur Ruhe bringen. Erwachsene haben ja die klassischen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD). Sie müssen sich das wie eine Fehlinformation im Gehirn vorstellen. Sie suggeriert dem Betroffenen, dass das Ereignis noch immer stattfindet, dass die Gefahr nicht gebannt ist. Hier hilft eine weitere kleine Übung: Sie zählen fünf blaue Dinge im Raum, vier rote, drei grüne, zwei gelbe und ein weißes Ding. Damit kann der Betroffene seine Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt richten, auf die Gegenwart. Wir unterstützen aber natürlich auch mit Medikamenten, falls nötig.

Gespräch: Katrin Richter

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