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TU-Forscher Stefan Horlacher organisiert Konferenz über die Rollenbilder des Mannes

"Wir alle konstruieren Männlichkeit" TU-Forscher Stefan Horlacher organisiert Konferenz über die Rollenbilder des Mannes

Der Dresdner Anglist Stefan Horlacher ist Mitorganisator einer Konferenz über Männlichkeitsforschung. Im Gespräch spricht der Forscher über Homosexualität und Fußball, Computerspiele und warum Männlichkeit, die sich verändert, für manchen Mann eine Krise bedeuten kann.

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Seit Mittwoch tauscht sich TU-Professor Stefan Horlacher auf einer Konferenz in Bielefeld mit Kollegen über Männlichkeitsforschung aus.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Der Dresdner Anglist Stefan Horlacher ist Mitorganisator einer Konferenz über Männlichkeitsforschung, die derzeit in Bielefeld stattfindet. Bis zum Sonnabend tauschen sich dort internationale Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen über Männlichkeit aus. Zeitgleich veröffentlichte Horlacher mit seinen Mitarbeitern das erste deutschsprachige Handbuch Männlichkeit (Metzler Verlag 2016). Im Gespräch mit den DNN-Mitarbeiterin Miriam Kruse spricht der Forscher über Homosexualität und Fußball, Computerspiele und warum Männlichkeit, die sich verändert, für manchen Mann eine Krise bedeuten kann.

Frage: Was ist eigentlich Männlichkeit?

Prof. Dr. Stefan Horlacher: Männlichkeit scheint zunächst etwas Natürliches zu sein. Doch eigentlich besteht Männlichkeit aus kulturellen Normen, die sich je nach Kulturraum und Epoche unterscheiden. Männlichkeit im Mittelalter ist etwas anderes als Männlichkeit im 21. Jahrhundert. Eine arabische Männlichkeit, und man müsste hier noch viel genauer differenzieren, unterscheidet sich von europäischen Männlichkeitsvorstellungen. Das zeigt: Männlichkeit ist eine Konstruktion, und nichts Natürliches.

Wer konstruiert denn Männlichkeit?

Wir alle. Bei der Geburt wird von der Medizin festgelegt, ob der Mensch als weiblich oder männlich definiert wird. Obwohl Forschung zeigt, dass das Geschlecht biologisch nicht immer eindeutig zu bestimmen ist. Dann erfolgt ein Lernprozess, in Familien werden Vorstellungen von Geschlechterrollen weitergegeben: über männliche oder weibliche Vornamen, rosa oder blaue Kleidung, Spielzeug und Sportarten, was geziemt sich für ein Mädchen, was nicht. Das passiert bewusst und unbewusst. Auch Kultur vermittelt Bilder von Männlichkeit: Filme und Literatur propagieren Bilder von Männlichkeit, die uns zeigen, wie man sich als Mann oder Frau zu verhalten hat. Viel dieses Verhaltens haben wir also eigentlich erst gelernt, es ist nicht natürlich. Dabei spielen auch Politik, der Bildungszugang oder der Arbeitsmarkt eine Rolle. Dies zeigt sich nicht nur in den USA bspw. während und nach dem zweiten Weltkrieg: Während des Kriegs waren Frauen sehr wohl in der Lage, in die Produktion zu gehen und Schwerstarbeit zu leisten. Als die Männer von der Front zurückkamen und Arbeitsplätze brauchten, wurde den Frauen wieder nahegelegt, dass sie nicht dazu in der Lage sind und sie zurück an den Herd sollen.

Was ist Männlichkeitsforschung und warum ist sie wichtig?

Männlichkeitsforschung besteht aus sehr vielen Disziplinen. Soziologie, Pädagogik, Psychologie, Psychoanalyse, Literaturwissenschaften, Künste, Medizin - es gibt sogar Archäologie, die sich mit Männlichkeit beschäftigt. Wir versuchen, Männlichkeit besser zu verstehen. Wir machen kritische Männlichkeitsforschung, die Männlichkeit als Bündel kultureller Normen versteht und eben nicht versucht, ideologisch Männlichkeit stark zu machen. Wir untersuchen, wie sich diese Normen verändern, wie sie funktionieren, und welche Funktion sie in der Gesellschaft haben. Es gibt auch andere Ausprägungen, die hießen früher "Men Studies". Dort argumentierte man, Männer hätten ihre wahre, vorgegebene Männlichkeit in unserer Kultur verloren und müssten zu ihr zurückkehren. Mit so etwas oder Strömungen wie Maskulinismus haben wir nichts zu tun.

Sie sagen, die Männlichkeitsforschung basiert auf dem Feminismus.

Nicht alle stimmen mir da zu. Ich denke aber das, was der Feminismus und die Gender Studies erforscht haben, ist wie Weiblichkeit oder weibliche Identität funktioniert und wie wir dies besser verstehen können - da gibt es viele Grundlagen, die für die männliche Identität genau so gelten. Es wäre also völlig falsch, auf dieses Wissen zu verzichten. Natürlich werden Männer anders sozialisiert als Frauen, aber sie müssen genauso sehr mit Rollenvorgaben umgehen.

Was passiert, wenn sich Männer nicht an die kulturellen Normen von Männlichkeit halten? Kann das zu Problemen führen?

Es wird erwartet, dass Männer diese Normen einhalten, wenn sie dazugehören wollen. Zum Beispiel mit Aussagen wie "Indianer kennen keinen Schmerz" oder "Jungen weinen nicht". Das erzeugt Druck. Und wenn ein Junge lieber mit Mädchen spielt, wird er von der eigenen Gruppe oft ausgegrenzt. Die Männlichkeitsforschung zeigt aber, dass die Normen der Männlichkeit sich verändern. Wir haben heute eine liberalere Männlichkeit als vor 50 Jahren. Es gibt so etwas wie eine Befreiung von stereotypen Rollenmustern.

Was genau hat sich zum Beispiel in den letzten 50 Jahren verändert?

Rollenstereotype wie das des harten Mannes, des Alleinverdieners und der Frau, die zu Hause bleibt, werden abgelöst. Alleine schon weil es einen Niedriglohnsektor gibt - manche Männer können gar nicht mehr genug verdienen, um eine Familie mit zwei Kindern alleine zu ernähren. Oder schauen wir uns die Herren Westerwelle und Wowereit an - in den 50er Jahren war es undenkbar, sich als homosexueller Politiker zu outen. Als Fußballspieler kann man sich übrigens heute immer noch nicht outen. Die einzigen, von denen man weiß, dass sie homosexuell sind, sind nicht mehr als Spieler aktiv.

Wird sich das bald ändern, wann können auch Profifußballer sich outen?

Das ist schwer zu sagen. Es ist sehr schwer, so etwas zu verändern. Einen großen Einfluss haben die Medien, aber auch die Wirtschaft auf die Entwicklung von Männlichkeit. Positiv finde ich, dass man auch als Mann Elternzeit nehmen kann, was früher nicht ging. Wirtschaft und Politik bestimmen also stark mit, inwiefern Veränderungen möglich sind. Spannend finde ich das Thema Migration. Zu uns kommen Menschen mit nicht-europäischen Bildern und Normen von Männlichkeit und Weiblichkeit, und wir müssen in unserer Gesellschaft aushandeln, was wir davon akzeptieren und was nicht, und uns dabei auch selbst hinterfragen. Gerade das zeigt, wie konstruiert Männlichkeit ist. Sie variiert von Kultur zu Kultur.

Kann es für Männer zum Problem werden, wenn Männlichkeit sich verändert?

Sie macht es Männern schwieriger. Sie können nicht mehr sagen "Ich verhalte mich so, weil ich ein Mann bin." Sie müssen erstmal überlegen: Was ist denn männlich? Mittlerweile ist für Männer vieles möglich und akzeptiert. Wir sprechen von einer Pluralisierung von Männlichkeitsbildern, es gibt nicht mehr nur eine Männlichkeit.

Was bedeutet das für Männer?

Es bedeutet eine Zunahme an Freiheit und eine Zunahme an Verantwortung - und für einige bedeutet es eine Krise. Man ist aber nur dann in einer Krise, wenn man von einer festen Männlichkeit ausgeht, die in einer Gesellschaft, die flexibel wird, nicht mehr funktioniert. Wenn Männlichkeit vielfältig wird, kann man als Mann auch in Pflegeberufe gehen. Männlichkeit wird nicht mehr nur mit Gewalt assoziiert, sondern mit Kinderbetreuung, Elternzeit, Freundschaft unter Männern, mit Vaterschaft, oder Verletzungsoffenheit von Männern - dann ist das ein Bild von Männlichkeit, das dem Bild vom Ritter, Cowboy, Rambo oder Terminator komplett widerspricht. Das heißt, dass Männern viel mehr Realitäten eröffnet werden, die sie als ihre Identität leben können. Wenn sie in den vorgegebenen Rollenmustern bleiben, haben sie natürlich weniger Identitätsarbeit zu leisten.

Worum geht es bei der Konferenz, die jetzt in Bielefeld stattfindet?

In Bielefeld möchte ich mit Kolleginnen und Kollegen in einer Gruppe konzentriert zu Männlichkeit forschen. Zuvor hatten wir die Konferenz organisiert, um zu sehen, wo wir stehen. Denn eine vergleichende Männlichkeitsforschung auf europäischer Ebene gibt es noch gar nicht. Deshalb schauen wir nun: Welches Wissen über Männlichkeit existiert in den verschiedenen Disziplinen? Welche Männlichkeitsbilder finden sich in verschiedenen Literaturen Europas im 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Um zu untersuchen: Ist das vergleichbar, gibt es Unterschiede, tauchen bestimmte Entwürfe von Männlichkeit vielleicht zeitversetzt in verschiedenen Ländern auf? Eine Rolle spielt auch die Darstellung von Männlichkeit in Filmen und Videospielen. Damit hat sich bereits ein Student von mir befasst.

Was fand er heraus?

Die Hauptperson in den von ihm untersuchten sogenannten Egoshootern hatte gar nichts Innovatives. Der Rächer im Spiel spricht unsere niederen Instinkte an und bringt ganz alte Rollenmuster wieder hervor, die im Spiel dann auch eingeübt werden. Das untersuchte Spiel war darauf angelegt, dass möglichst viel zerstört wird, möglichst viel Gewalt ausgeübt wird, dass keinerlei Mitgefühl aufkommt. Und wenn möglichst gewissenlos getötet wird, wird das Ganze mit Zusatzpunkten belohnt. Dann kann man fragen - ist der Spieler in der Lage, das vom echten Leben zu unterscheiden oder färbt da nicht doch etwas ab? Es ist spannend, welche Fantasien da bedient werden, dass diese Spiele gekauft werden. Aufgabe der Forschung ist es dann unter anderem herauszufinden, warum das Spielerische so faszinierend ist und ob es Auswirkungen auf das gelebte Leben hat oder nicht.

Zur weiteren Lektüre: Stefan Horlacher et. al. (Hrsg.) Handbuch Männlichkeit. Metzler: Stuttgart 2016. ISBN 978-3476023933, 69,95 Euro.

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