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Suche nach dem Grab der Mutter hat erst nach 70 Jahren Erfolg

Dresden und die Folgen des 13. Februar 1945 Suche nach dem Grab der Mutter hat erst nach 70 Jahren Erfolg

70 Jahre lang hat Helmut Reichel nach dem Grab seiner Mutter Rosa gesucht. Die war im März 1945 als Trümmerfrau an einer Infektion gestorben und unter ihrem zweiten Vornamen begraben worden. Ihre Kinder Helmut und Monika wuchsen bei Verwandten auf und erfuhren erst im Oktober 2015, wo sie begraben ist. Als der Besuch in Dresden anstand, starb Helmut. Doch die Geschichte geht weiter.

Hier, auf dem Äußeren Matthäusfriedhof an der Bremer Straße, im Feld 17, ist Helmut Reichels Mutter Rosa im März 1945 beigesetzt worden – gemeinsam mit etwa 180 Opfern des Bombenangriffs vom 13. Februar. Der Friedhof ist seit 1983 für neue Bestattungen geschlossen.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. „...ein schöner Tag. Ich habe es geschafft das Grab von Mutter zu finden“, schrieb Helmut Reichel (78) am 6. Oktober 2015 an seine Schwester Monika (75), die in der Nähe von Pittsburgh lebt. „Freue Dich“, schrieb er weiter, „jetzt wissen wir, wo unsere Mutter ihre letzte Ruhestätte gefunden hat... Das Grab ist also, wie ich angenommen hatte, im Äußeren Matthäusfriedhof in Dresden. Nach über 70 Jahren ein Wunder, ich weine vor Freude...“

Mitte November vergangenen Jahres wollte der Mann aus Voerde (NRW) gemeinsam mit seiner Schwester aus Übersee erstmals jenen Ort besuchen, an dem ihrer beider Mutter seit 1945 begraben liegt. Monika erzählt am Telefon, wie sie sich von der Euphorie ihres Bruders hatte anstecken lassen. Endlich gab es diesen Ort, an dem sie beide sich erinnern würden an ihre Zeit in Dresden, an ihre lebenslustige Mutter, die sich vier Wochen nach dem Bombardement durch die Alliierten beim Trümmerwegräumen eine Vergiftung zuzog und kurze Zeit später daran starb.

Helmut Reichel war glücklich, als seine Recherchen endlich Erfolg hatten und er herausfand, wo seine Mutter begraben ist

Helmut Reichel war glücklich, als seine Recherchen endlich Erfolg hatten und er herausfand, wo seine Mutter begraben ist. Bevor er ihre letzte Ruhestätte gemeinsam mit seiner Schwester Monika besuchen konnte, starb er überraschend.

Quelle: privat

Die Suche nach Rosa Reichel war deswegen so langwierig, weil die alten Dresdner Kirchenbücher sie nur unter ihrem zweiten Vornamen als Anna Reichel führten. Das hatte Horst Strunz herausgefunden, bis Dezember 2015 Verwalter des Äußeren Matthäusfriedhofs, jetzt in Rente. Im Oktober 2015 erfuhr Helmut: Seine Mutter war am 26. März 1945, zehn Tage nach ihrem Tod, auf dem Dresdner Friedhof an der Bremer Straße beigesetzt worden. In einem Massengrab. Aber immerhin: ein Grab. In der zerbombten Stadt wurden Tote damals zu Tausenden öffentlich verbrannt: Seuchengefahr. Kein Raum für zutiefst menschliche Rituale...

Nun also der späte Erfolg der Suche und der feste Wille, nach Dresden zu kommen. Doch als es soweit war, wurde Monika krank. Die Reise fiel aus. „Wir holen das im Frühjahr nach“, versprachen sich die Geschwister am Telefon. Am 18. Dezember 2015 aber starb Helmut...

Die Vorgeschichte

Helmut Reichel ist Jahrgang 1937 und in Hof an der Saale geboren. Weil seine Mutter Rosa immer für Dresden geschwärmt hatte, zog die Familie 1942 an die Elbe. Allerdings ohne Vater Otto. Der gelernte Tapezierer und talentierte Boxer, den sie im Sommer vor Helmuts Geburt geheiratet hatte, kämpfte als Soldat an der Front.

Während seines Heimaturlaubs hatte Otto vergebens gegen den Umzug argumentiert: Rosa wollte weg aus der nordbayerischen Enge, auch wenn sie in einem späteren Brief an ihren Mann bedauerte, dass sie nun „ohne Opa Wilhelm und Oma Magarete auskommen muss“. Sie suchte für sich, ihren fünfjährigen Sohn Helmut und die zweijährige Tochter Monika eine neue Zukunft – in der schönsten Stadt der Welt, wie sie fand. Die Dresdner Rankestraße Nummer 28 wurde ihr neues Zuhause.

In seinen 2008 aufgelegten Erinnerungen „Wie ein Blatt im Wind“ beschreibt Helmut die frühe Kindheit in Dresden als glückliche Zeit. Er erinnert sich an Aufführungen von „Ali Baba und die 40 Räuber“ in der Semperoper, an Zoobesuche, Straßenbahn- und Dampferfahrten, an Propagandafilme im Kino und zauberhafte Aufführungen im festen Winterbau des Zirkus Sarrasani. Seine Mutter kaufte sich ein Klavier, übte daheim und sang auch – sehr zum Ärger des Nachbarn im Erdgeschoss. Herr Bäcker, ein glühender Kommunist, pflegte während der Proben ausdauernd mit dem Besen an die Zimmerdecke zu klopfen.

Rosa hatte eine Freundin kennengelernt, die ihr in puncto Unternehmungslust in nichts nachstand: Lotti. Die führte einen Krämerladen. Mit ihr war sie ständig unterwegs und organisierte geschickt den Alltag in der immer mehr in den Mangel abrutschenden Großstadt. Die Lebensmittelkarten wurden knapper, die Rationen reichten kaum noch fürs Überleben. Um das Wichtigste zu ergattern, musste Rosa lange vor Geschäften Schlange stehen. Als Helmut eingeschult wurde, war sie oft in den Radebeuler Plantagen zu finden, um Obst und Gemüse zu besorgen. Das ging auch an die darbenden Schwiegereltern in Hof sowie die eigenen Geschwister, die in Naila im Frankenwald die familieneigene Ofenfabrik durch die schweren Zeiten brachten.

Ende 1944, Anfang 1945 rückte die Front näher. Dresden war überfüllt mit Zehntausenden Flüchtlingen aus dem Sudetenland und aus Ostpreußen und wurde amtlich zur Lazarettstadt erklärt. Die Einwohner mussten ihre Keller zu Bunkern umfunktionieren. Im Haus der Reichels wurde unter der Kellerdecke ein dicker stabilisierender Balken eingezogen, man lagerte Kerzen, Wasser und Notrationen ein, ein Sandschutzwall am Kellerfenster sollte verhindern, dass im Angriffsfall Phosphor hineinfließt.

Die Familie im nordbayerischen Hof vor Rosas Umzug nach Dresden

Die Familie im nordbayerischen Hof vor Rosas Umzug nach Dresden. Von links: Oma Magarete, Rosa, Monika, Otto, Helmut, Opa Wilhelm

Quelle: privat

Der Angriff kam mitten in der Faschingszeit, die die Kinder ein wenig vom schweren Alltag ablenken sollte. Nach dem Alarm am Abend des 13. Februar 1945 stiegen Helmut und Monika mit umgehängten Wasserflaschen gemeinsam mit Mutter Rosa in den Keller hinab. „Die Hausbewohner saßen wie erstarrt in ihrem Keller. Rosa hatte sich unter die Türpfosten gesetzt, die beiden Kinder fest an sich gepresst“, schreibt Helmut Reichel in seinem Buch. „Die Menschen schrien in Todesangst, manche beteten laut.“ Ein Soldat sei vorbeigekommen und habe das Grauen in der Innenstadt geschildert: „Die Opfer liegen zerfetzt auf den Straßen. Die Brände wurden durch die Sprengbomben zum Feuersturm entfacht. Ans Löschen ist nicht mehr zu denken....“

Das Haus in der Rankestraße überstand das Bombardement, und auch Lotti und deren Eltern blieben unversehrt. Doch die Erleichterung währte nur kurz. Denn Rosa und Lotti hatten sich zum freiwilligen Arbeitseinsatz gemeldet, um mit anderen den Schutt aus der Stadt zu räumen. Ein gefährlicher Job, weil täglich Blindgänger explodierten und neue Opfer forderten. Rosa ereilte ein anderes Unglück. Sie kam mit einer giftigen Substanz in Berührung, Helmut erfuhr nie, was genau es war. „Nach einigen Tagen“, schreibt er, „war die ganze Schulter entzündet.“ Seine Mutter kam mit einer schweren Blutvergiftung ins Krankenhaus Friedrichstadt, die Kinder blieben vorerst bei Lotti. Kurz darauf, am 16. März 1945, mit gerade mal 35 Jahren, starb Rosa.

Lotti verständigte die Familie, die Kinder mussten für ein paar Tage ins Waisenheim, wo man Jungen und Mädchen trennte. „Helmut hat geweint und sich gewehrt“, sagt Monika am Telefon, „er hatte unserer Mutter ja auf dem Weg ins Krankenhaus versprochen, dass er auf mich aufpasst.“ Großvater Wilhelm und Rosas Schwestern Bertha und Trina machten sich gemeinsam auf den beschwerlichen Weg nach Dresden. Ein paar Züge fuhren noch, einige Busse auch, doch viele Kilometer mussten sie zu Fuß zurücklegen. Sie erreichten – fassungslos über die Zerstörung – die Elbestadt und machten sich mit den Kindern auf den ebenso beschwerlichen Rückweg.

Am 8. April kamen sie um 5 Uhr morgens in Hof an, und es sollte sich erweisen, dass sie das Schicksal an einen sehr wenig versprechenden Ort geführt hatte. Trina und Bertha reisten gleich weiter nach Franken, die Großeltern wollten Helmut und Monika zur Ruhe kommen lassen. Doch dann das: Fliegeralarm! Kaum waren Wilhelm und die Kinder im Keller angelangt, stürzte das Haus zusammen. „Wir waren im Schutt begraben“, erzählt Monika. Oma Magarete, die noch etwas aus der Wohnung hatte holen wollen, stand in der zweiten Etage des Hauses, das keine Fassade mehr hatte. „Mein Mann, meine Kinder“ habe sie geschrien und die Helfer veranlasst zu graben, während man sie mit einer Drehleiter rettete. Es dauerte Stunden, um alle aus den Trümmern zu befreien.

Mit Mühe fand Opa Wilhelm in der zerstörten Stadt eine neue Bleibe – eine winzige Wohnung mit anderthalb Zimmern, einem Wasserhahn und einem Abtritt für zwei Familien im Hausflur. Das viel schlimmere Unglück: Sein Sohn Otto sollte nie aus dem Krieg heimkehren. Helmut und Monika waren Waisen.

Die Kinder wurden schließlich aus schierer Not getrennt. Monika blieb bei Rosas Geschwistern, wanderte 1953 mit Tante Bertha in die USA aus und sah ihren großen Bruder nur noch sehr selten. „Wir haben nie wirklich zusammengelebt, aber wir haben uns geliebt“, schildert Monika das Verhältnis. Sie lebt mit ihrem Mann nahe Pittsburgh, war mehr als 38 Jahre lang Stewardess, hat zwei Kinder und ist seit vergangenem September Großmutter. „Meine Tochter hat ihr Kind nach meiner Mutter genannt: Rosaline. Das hat mich wahnsinnig gefreut“, erzählt sie. Und Helmut hatte aus diesem Anlass Anfang Oktober 2014 geschrieben: „...da ist bei mir eine große Freude über den Namen des Babys, ich könnte vor Rührung weinen, es ist ein schöner Name unserer Mutter, der dem kleinen Mädchen viel Glück bringen wird.“

Damals, im Sommer 1945, kehrte Helmut nach Hof zurück und wuchs bei Oma und Opa auf. Trotz der ärmlichen Verhältnisse ließ Helmut auf die Stadt Hof nichts kommen. Zwischen den Straßenkindern im „Vertl“, einem Arbeiterviertel, wuchs er zu einem echten Hofer „Gunger“ heran. Helmut gründete dort den „Rock Hot Club“, war als Radsportler erfolgreich (lernte bei Wettkämpfen in der DDR sogar Täve Schur kennen), durchlebte die ganze Rock‘n-Roll-Zeit, ohne auch nur einmal den Fuß auf die Bremse zu stellen. Seine Optikerlehre war eine schwere Geburt, doch mangels Alternative hielt Helmut dort vier Jahre durch. Er entwuchs der Stadt, als er 1960 aus der Marine entlassen wurde. Als Werbeleiter bereiste er anschließend für verschiedene Verlage ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz. Anfangs war er nur Mitglied so genannter Drückerkolonnen, die Leuten an der Haustür Abos für Zeitschriften und Buchklubs überhalfen. Doch Verkaufen, das merkte er schnell, war genau sein Ding. Er war erfolgreich, stellte selber Kolonnen zusammen und verdiente gutes Geld. Sehr zum Ärger seines Großvaters, der sich bis zu seinem Tod mit dem etwas halbseidenen Ruch der Branche nicht anfreunden konnte.

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Helmut und Monika Reichel haben als Kinder ihre Eltern verloren – den Vater im Krieg, die Mutter 1945 als Trümmerfrau in Dresden. Die Kinder wuchsen bei Verwandten auf, Helmut bei Großvater Wilhelm in Hof. Sein ganzes Leben lang suchte er nach dem Grab seiner Mutter, fand es im vergangenen Jahr, starb aber, ehe er es besuchen konnte. Hier Fotos aus seinem Leben.

Zur Bildergalerie

Doch immerhin: Helmut fand nach vielen Umwegen seine große Liebe: Karin aus Voerde am Niederrhein. Im Mai 1963 standen beide vor dem Traualtar. Helmut wurde sesshaft und arbeitete für die Neue Ruhr Zeitung. Rasch wurden die Kinder Constanze und Marco geboren. Die Familie bewohnte ein schönes altes Haus mit großem Grundstück. Helmut begann 1964 mit der Zucht von Deutschen Schäferhunden und ließ sich seinen Zwinger-Namen „vom Frankengrund“ schützen. Er hatte ein glückliches Händchen, seine Hunde belegten vordere Plätze bei Bundeswettbewerben, der größte Erfolg war der Titel „Vizeweltsieger bei den Zuchtgruppen“. Doch die daraus geborene Geschäftsidee war dann doch überraschend anders. Helmut Reichel hatte sich darauf verlegt, die Zuchtschauen zu filmen. 1984 bekam er den offiziellen Auftrag, die Hauptveranstaltungen des Verein für Deutsche Schäferhunde aufzuzeichnen und Videokassetten herzustellen. Ausgestattet mit den weltweiten Filmrechten gründete Helmut die Filmproduktion „Reivision“ – inzwischen der größte Hersteller von Filmen über den Deutschen Schäferhund – und bereiste 15 Länder. Vor einigen Jahren hat er das Unternehmen an seinen Sohn Marco übergeben.

Schluss

Seitdem kümmerte er sich um Unerledigtes. Wie die Suche nach dem Grab seiner Mutter. Die Reise nach Dresden sollte sein Geschenk zum 78. Geburtstag werden. „Er war so enttäuscht, als ich absagen musste“, sagt Monika am Telefon. Zwei Tage vor seinem Tod am 18. Dezember hätten sie fast eine Stunde lang telefoniert. „Er hat mir sein Herz ausgeschüttet und dunkle Vorahnungen gehabt. Aber wir haben uns verabschiedet mit der festen Verabredung, im Frühjahr den Dresden-Besuch nachzuholen. Ich hoffe, er hat mein ‚I love you‘ am Ende noch gehört.“

Monika möchte gern, so wie Helmut es geplant hatte, auf dem Äußeren Matthäusfriedhof ein Holzkreuz für ihre Mutter errichten lassen. Auf dem Grab selber verhindern das die deutschen Regeln. Aber die Friedhofsverwaltung will helfen, es wird einen Platz in der Nähe geben.

Von Barbara Stock

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