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Strenger Hirte in schwierigen Zeiten

Strenger Hirte in schwierigen Zeiten

Juni 1970 stirbt Otto Spülbeck, 66, Bischof des katholischen Bistums Meißen, auf der Heimreise von einer Frauenwallfahrt in Wechselburg. Sein Tod trifft die Katholiken in Sachsen wie ein Schlag.

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Am 21. Zwar haben sich die Spannungen zwischen DDR-Behörden und Kirche ein wenig beruhigt. Doch eine zu lange Vakanz will der Klerus vermeiden. Bald schon macht ein Name die Runde: Gerhard Schaffran. Der damals 58-Jährige besitzt die nötigen Voraussetzungen für die Nachfolge: Seit 1963 ist er Weihbischof in Görlitz. Die Entscheidung in Rom fällt rasch. Bereits am 23. September 1970 betritt Schaffran den Kapitelsaal im Bautzner Dom und präsentiert den Domherren sein päpstliches Ernennungsschreiben. Die akzeptieren ohne Zögern. So wird er sechster Bischof des 1921 wiedererrichteten Bistums Meißen.

Über diese Zeit ist jetzt, rechtzeitig vor dem 100. Geburtstag Gerhard Schaffrans am 4. Juli, eine Biografie erschienen. Verfasst hat sie Marianne Seewald. Die heute 71-jährige einstige Referentin für Jugendseelsorge in Görlitz war seit 1967 Sekretärin Schaff- rans. Dieses Buch ist der zweite Teil jener Beschreibung von Schaffrans Leben bis 1962, die 1995 unter dem Titel "Solo Dios basta" erschien. Die Verfasserin besitzt den Vorzug des genauen Einblicks, konnte auf Berichte von Begleitern, auf Briefe in den Akten, auf seine Tagebuchaufzeichnungen zurückgreifen. Damit vermag sie vor allem den Menschen Gerhard Schaffran in der Amtsperson zu beschreiben. Eine Für und Wider abwägende, auch kritische Beurteilung aus neutraler Perspektive, das also, was ein Historiker geleistet hätte, sollte der Leser nicht erwarten. Immerhin räumt die Verfasserin - freilich stets zu Gunsten des Bischofs - mit Vorurteilen auf.

Mit denen war Gerhard Schaffran bereits bei seinem Amtsantritt konfrontiert. Den in Leschnitz, heute Lesnica in der polnischen Woiwodschaft Oppeln, Geborenen beargwöhnten manche sächsische Katholiken als "schlesischen Sturkopf". Nach dem Theologiestudium in Breslau hatte sich der junge Kaplan 1939 dort freiwillig als Militärseelsorger zur Wehrmacht gemeldet. Nach Kriegsende war er aus freien Stücken in russische Gefangenschaft gegangen. Manche hielten ihn später für einen "Militaristen". Doch das, meint die Verfasserin, sei nur seiner äußerlich streng-korrekten Haltung geschuldet, anerzogen in frühen Kindheitsjahren in der Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde und später geprägt durch zehn Jahre Krieg und Gefangenschaft. Aber zugleich würdigen etliche seine Gabe, aufmerksam zuhören zu können.

Streng freilich tritt Schaffran auch gegenüber den DDR-Behörden auf. In den Unterredungen spricht er Klartext. Und erreicht auf diese Weise manches. Etwa, dass der Sitz der Diözese - seit 1979 Bistum Dresden-Meißen - 1980 von Bautzen nach Dresden verlegt wird, was einen zermürbenden Kampf um eine Wohnung für sich und um den Neubau des Ordinariats bedeutet.

In den Verhandlungen verbittet er sich unverblümt, weiter ein "Sandkastenspiel" mit der Kirche zu treiben, pocht auf das historisch verbürgte Recht an einem Gebäude in Dresden. Die Funktionäre müssen begreifen: Dies ist ein "ausdauernder, mit stichhaltigen Argumenten ausgestatteter Verhandlungspartner". Schaffran habe nie mit verdeckten Karten gespielt, schreibt die Verfasserin, und so die Gegenseite zur Offenheit herausgefordert.

Seit seinem Amtsantritt eilt ihm zudem der Ruf voraus, Kardinal Alfred Bengsch (1921-1979), dem Vorsitzenden der Berliner Bischofskonferenz, hörig zu sein. Der ist einer der wichtigsten Kritiker an der von Bischof Otto Spülbeck initiierten Bistumssynode 1969 bis 1971 in Dresden. Dort wird in der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erstmals die Forderung nach "Partnerschaft und Mitverantwortung" zwischen Priestern und Laien erhoben. Schaffran, der selbst 1963 bis 1965 beim Vatikanum in Rom dabei war, schließt die Synode ab. Gegen die Auffassung mancher Kritiker, Schaffran habe die Synode damit abgewürgt, verteidigt die Verfasserin den Bischof: "Es ist ein Leichtes, avantgardistisch zu sein, wenn man keine Verantwortung trägt." Nachträglich in Schutz nimmt sie ihn auch gegen Kritik an seinen Gesprächen mit Hans Modrow, dem 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, die im Widerspruch standen zur Linie der Bischofskonferenz, Begegnungen mit SED-Funktionären abzulehnen.

Beim letzten Höhepunkt seiner Amtszeit, dem Katholikentreffen 1987 in Dresden, ist Schaffran bereits geschwächt. Danach entlässt ihn Papst Johannes Paul II. in den Ruhestand. Mehr und mehr zieht er sich zurück. Schwer an Alzheimer erkrankt, stirbt er am 4. März 1996 und wird in der Bischofsgruft der Dresdner Kathedrale beigesetzt. Tomas Gärtner

1912: 4. Juli geboren in Leschnitz in Oberschlesien; Vater im Ersten Weltkrieg umgekommen; Schule in Berlin; Abitur in Görlitz; Theologiestudium in Breslau

1937: in Breslau zum Priester geweiht; dann Kaplan in Breslauer Arbeitergemeinde

1939: Militärpfarrer in der Wehrmacht

1945: freiwillig in russische Gefangenschaft

1949: Kaplan in Cottbus

1952: Gefangenenseelsorger in Cottbus, Luckau, später Bautzen

1959: Dozent für Homiletik (Predigtlehre) am Priesterseminar Neuzelle

1963: Weihbischof in Görlitz; Teilnahme am II. Vatikanischen Konzil in Rom

1970: 17. Oktober Amtsübernahme als Bischof des Bistums Meißen in der katholischen Hofkirche in Dresden

1979: Bistum Meißen wird zu Bistum Dresden-Meißen

1980: Verlegung Bischofssitz nach Dresden; bis 1982 Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz

1987: 10.-12. Juli Katholikentreffen in Dresden; Rücktritt als Bischof, Ruhestand

1996: am 4. März Tod in Dresden; bestattet in der Bischofsgruft der Dresdner Kathedrale

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.06.2012

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