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Stolperstein-Verlegung in Dresden: Laubegaster recherchiert Lebensläufe von NS-Opfern

Stolperstein-Verlegung in Dresden: Laubegaster recherchiert Lebensläufe von NS-Opfern

Claus Dethleff ist ein engagierter Mann. Einer, der den Mund aufmacht, wenn ihm etwas nicht passt, und der kritischen Worten auch Taten folgen lässt. Ganz gleich, ob es um sexistische Werbung, öde graue Betonflächen an Brückenneubauten oder rechtsextreme Tendenzen an seinem Wohnort geht.

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Claus Dethleff hat die Lebensläufe der jüdischen NS-Opfer aus Dresden-Laubegast recherchiert und Angehörige ausfindig gemacht.

Quelle: Tanja Tröger

„Sowas kann man nicht unbeantwortet lassen“, sagt er überzeugt. Der drahtige Mittfünfziger ist Mitglied im Netzwerk „Laubegast ist bunt“. Seit 2010 setzt sich die Bürgerinitiative dafür ein, dass der beschauliche Stadtteil im Dresdner Osten tolerant,  weltoffen und demokratisch bleibt.

Die Netzwerker setzen Information und kleine Aktionen gegen braune Tendenzen, die sich in rechtsextremen Schmierereien und rund 7 Prozent NPD-Stimmen bei der 2009er Stadtratswahl niederschlugen. Eine der Maßnahmen sind die fünf Stolpersteine, die der Kölner Künstler Gunter Demnig morgen in Laubegast verlegen wird.

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Vor dem Haus am Laubegaster Ufer 23 werden zwei Steine für Marie und Richard Roy in den Fußweg eingelassen.

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Die kleinen Messingplatten in der Größe eines Pflastersteins werden üblicherweise am letzten frei gewählten Wohnort von NS-Opfern in den Gehweg eingelassen. Dort sollen die Passanten nicht körperlich, aber in Gedanken stolpern – über die Geschichte des Ortes, über grauenhafte Einzelschicksale aus den 1930er und 40er Jahren, über die menschenverachtende Nazi-Ideologie.

Was heute noch über die jüdischen NS-Opfer aus Laubegast herauszufinden ist, hat Claus Dethleff ausfindig gemacht. Eigentlich wollte der Multimediadozent für seine Bürgerinitiative „nur eine erste Recherche anstellen“, aber schnell zogen ihn die Schicksale immer mehr in den Bann.

Monatelang suchte er in verschiedenen Internetdatenbanken, die Shoa-Opfer auflisten, im Dresdner „Buch der Erinnerungen“, in dem die Schicksale von über 2000 Dresdner Juden niedergeschrieben sind, und im Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Dethleff schrieb unzählige E-Mails und Briefe, stellte Anträge, durchforstete Adressbücher und das Mitteilungsblatt der Jüdischen Gemeinde Dresden. Eine zeitintensive und vor allem schwer erträgliche Arbeit. Auf unmenschliche Lebensbedingungen ist er gestoßen, auf Verhaftungen wegen Nichtigkeiten, auf Zwangsarbeit und ungeklärte Schicksale.

Viele Biographien sind nicht vollständig zu rekonstruieren. „Von der Witwe Irma Wolff, die 1944 nach Theresienstadt deportiert wurde, wissen wir beispielsweise, dass sie überlebt hat, aber nicht, wie es ihr im Lager und danach ergangen ist. Eine Seniorin aus Laubegast erinnert sich an Frau Wolff, eine großgewachsene, stolze Dame mit dunklen Locken, die zu den Kindern immer sehr freundlich war und eines Tages plötzlich verschwunden war.“

„Das hat eine Dimension, die mich ganz fassungslos macht.“

Besonders berührt hat Claus Dethleff das Schicksal der weit verzweigten jüdischen Händlerfamilie Steinhart, die in Dresden mehrere Kaufhäuser führte. Nur zwei Söhne haben überlebt, weil sie rechtzeitig emigrieren konnten. „Da wurde eine ganze Familie ausgelöscht, auch kleine Kinder. Das hat eine Dimension, die mich ganz fassungslos macht.“

Sechs Stolpersteine für die Steinharts wurden bereits in der Südvorstadt und in Pieschen gesetzt. Im September 2014 will Claus Dethleff noch 15 für die übrigen Familienmitglieder ergänzen. 1800 Euro sind dafür nötig, denn jedes Mahnmal kostet 120 Euro. Dafür plant er Ende Mai ein großes Benefizkonzert in der Scheune.

Claus Dethleff hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, noch lebende Angehörige der Laubegaster Opfer zu finden. Sie müssen der Stolpersteinverlegung zustimmen. Zwei Nachfahren des Textilhändler Joseph Fränkel hat er entdeckt – seine Stieftochter Herta Steinhart, die heute als Harriet Saalheimer in einem Pflegeheim lebt und dement ist, und die Stiefgroßnichte, die als Ärztin in Montreal arbeitet. Sie schrieb nach Dresden, dass sie sich freue, dass mit den kleinen Mahnmalen im Bürgersteig an die Opfer erinnert wird. Die Angehörigen haben schließlich kein Grab, an dem sie um ihre Verstorbenen trauern können. Vor wenigen Tagen meldete sich zudem die Nichte des Kaufmanns Emil Hochberg. Die Rentnerin lebt ganz in der Nähe von Dresden und hatte Claus Dethleffs umfangreiche Berichte über seine Stolperstein-Recherchen im Internet entdeckt. Ihren Onkel hat sie nie kennengelernt, aber auch sie befürwortet die Stolpersteine.

Desinteresse bei Anwohnern und Zeiss-Ikon-Nachfolgern

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Ironie der Geschichte: Am Optikerladen Leubener Straße 2 hängt eine Werbetafel der Firma Zeiss, jenes Unternehmen, für das der frühere Geschäftsinhaber Joseph Fränkel in den 1940er Jahren Zwangsarbeit leisten musste.

Quelle: Tanja Tröger

Neben den Schicksalen der Opfer haben Claus Dethleff zwei Dinge entsetzt: das Desinteresse der Laubegaster Anwohner und die Ignoranz der Zeiss-Ikon-Nachfolgefirmen. Knapp 300 Dresdner Juden, darunter zwei der Opfer aus Laubegast, mussten in den Goehle-Werken der Zeiss Ikon AG arbeiten und wurden im „Judenlager Hellerberge“ interniert. Dethleffs Netzwerk-Kollege Christoph Köbsch nahm Kontakt zu den zwei heute noch bestehenden Folgeunternehmen auf und fragte, ob sich die Firmen an den Kosten der Stolpersteine beteiligen würden. Beide Chefetagen verneinten – man habe ja bereits in den Zwangsarbeiterfonds eingezahlt. Den Mitarbeitern von Zeiss war das Verhalten ihrer Vorgesetzten so peinlich, dass sie innerhalb der Belegschaft 150 Euro sammelten und spendeten. „Uns geht es nicht um Schuldzuweisungen, die heutigen Firmenleitungen sind ja nicht für die Geschehnisse in den 40er Jahren verantwortlich“, sagt Dethleff. „Aber wenn man sich auf seine lange Unternehmensgeschichte beruft, sollte man auch zu den unangenehmen Teilen stehen.“

Um die Laubegaster Bevölkerung über die bevorstehende Stolperstein-Verlegung zu informieren, hatte die Bürgerinitiative im Herbst drei Veranstaltungen organisiert: eine bei der Volkssolidarität und eine öffentliche, zu der zahlreiche interessierte Bürger kamen, und eine für die Bewohner jener Häuser, vor denen die Mahnmale gesetzt werden. „Weil wir die Befürchtung hatten, dass Hausbesitzer oder Anwohner etwas gegen die Steine haben könnten, wollten wir sensibel mit dem Thema umgehen und haben alle zu einem Gespräch eingeladen. Gekommen ist keiner.“

Aber Claus Dethleff und die Laubegaster Bürgerinitiative lassen sich nicht entmutigen. Im Gegenteil: Sie wollen nach weiteren NS-Opfern aus ihrem Stadtteil suchen, vor allem nach jenen, die aus politischen, religiösen oder sexuellen Motiven verfolgt wurden oder im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms starben.

Die Laubegaster Stolpersteine werden am Donnerstag zu folgenden Terminen gesetzt:

- gegen 14.15 Uhr: Gmünder Straße 7, für Irma Wolff

- gegen 14.40 Uhr: Leubener Straße 2, für Joseph Fränkel

- gegen 15 Uhr: Laubegaster Ufer 23, für Marie und Richard Roy

- gegen 15.30 Uhr: Kleinzschachwitzer Ufer 68, für Emil Hochberg

Die Lebensläufe der Opfer werden bei den Verlegungen verlesen. Zur Feierstunde um 19 Uhr im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Hasenberg 1, wird unter anderem Claus Dethleff sprechen.

ttr

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