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Spezialstation für Depressive am Weißen Hirsch in Dresden eröffnet

Spezialstation für Depressive am Weißen Hirsch in Dresden eröffnet

Pia Schulz kennt ihren Feind. Meist kommt er ganz plötzlich, wenn sie überfordert ist. Dann nagt er und treibt sie, raubt ihr den Schlaf und stürzt sie in die Tiefe.

Zweimal hat er sie schon auf ein Hochhaus getrieben. Damit sie noch tiefer stürzen kann. Endgültig. Zweimal ist er dann schwach geworden, und sie stark. Jetzt sitzt sie hier, quicklebendig, mit rotem Lippenstift. Eine Musikerin, eine Frau im öffentlichen Leben. Deswegen hat sie eigentlich auch einen anderen Namen. Neben ihr strahlt die 70-jährige Diplom-Ingenieurin Martina A. Sie hat einen ähnlichen Feind, man sieht ihr die Kämpfe nicht an. Wenn die Depression kommt, geht sie zum Sport, oft gewinnt sie, aber nicht immer.

Fünf Millionen Depressive

Etwa fünf Millionen Menschen leiden in Deutschland derzeit unter einer Depression. "Jede vierte Frau und jeder achte Mann erkrankt mindestens einmal im Leben", erklärt Burkhard Jabs, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für psychische Gesundheit des Städtischen Krankenhauses Dresden-Neustadt. Die Krankheit sei mittlerweile die Ursache für die längste Arbeitsunfähigkeit und die meisten Frührenten. Burkhard Jabs will sich damit nicht abfinden. Er kämpft gegen die Krankheit und auch den Tod, den manche Erkrankte wählen. "Depressionen sind gut behandelbar", sagt er. "Auch bei schwer und hartnäckig Erkrankten."

Um die Versorgung im Zentrum für psychische Gesundheit am Weißen Hirsch zu verbessern, haben die Städtischen Krankenhäuser nun eine neue Spezialstation zur Behandlung von Depressionen eröffnet. Die neue Einheit mit zehn Betten am Rand der Dresdner Heide ist auf die Behandlung von chronisch depressiven Patienten spezialisiert sowie auf Menschen, bei denen die Behandlung mit Antidepressiva nicht angeschlagen hat. "Häufig sind es genetische Besonderheiten im Stoffwechsel oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, welche die Antidepressiva nur schwach oder wenig wirken lassen", erklärt Jabs. Auf der Spezialstation werden beim sogenannten Therapeutischen Drug Monitoring die Blutwerte regelmäßig gemessen. Damit können die Mediziner kontrollieren, ob das betreffende Antidepressivum in ausreichender Konzentration im Blut der Patienten nachweisbar ist.

Schwere der Depression erfassen

In einer Art "Stufenplan" versuchen die Mediziner zudem die Charakteristika der Depression zu erfassen. Leiden die Patienten an Schlafstörungen und Früherwachen, kämpfen sie mit Gewichtsverlust? Wann beginnt die Depression? In ausführlichen Gesprächen regelmäßig alle zwei Wochen wollen die Ärzte die Schwere der Depression bestimmen. Zudem bieten sie neben der klassischen Psychotherapie auch Licht- und Wachtherapien sowie Elektroheilkrampfbehandlungen und Ergo-, Kreativ- und Bewegungstherapien. Die besondere Möglichkeit einer Gruppentherapie soll außerdem chronisch Erkrankten helfen, ihre soziale Isolation zu durchbrechen.

Einigen wenigen, sonst nicht heilbaren Patienten bleibt die Vagusnervstimulation vorbehalten, bei der eine Art Schrittmacher implantiert wird. Dieser stimuliert einen Nerv auf der linken Halsseite, der wiederum über Fasern, die in das Gehirn reichen, antidepressiv wirkt. "Insgesamt stehen bei uns nun 117 stationäre und 36 teilstationäre Plätze zu Verfügung", erklärt Jabs. Immer mehr Menschen wenden sich an ihn, um einen Platz in der Klinik zu ergattern. "Die Ursachen sind vielfältig", sagte Jabs. "Wachsende soziale und gesellschaftliche Probleme sind ein Aspekt." Ein anderer sei die zunehmende Wahrnehmung der Depression in der Gesellschaft. "Wir verspüren einen erheblichen Druck, mehr Patienten versorgen zu können", sagte Tobias Lohmann, Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Dresden-Neustadt.

Obwohl Depressionen stärker in der Gesellschaft wahrgenommen werden, klagt Pia Schulz über die Stigmatisierung, die "immer noch gegenwärtig ist". Die Musikerin geht nicht in die Apotheke um die Ecke. "Es wäre mir peinlich, mit Antidepressiva in der Hand meine Nachbarn zu treffen." Seit über 20 Jahren ist Pia Schulz an Depressionen erkrankt, ebenso wie die Ingenieurin Martina A. Beide haben den Feind im Gepäck, müssen sich mit der Krankheit arrangieren und sind nach mehreren stationären Aufenthalten am Weißen Hirsch in ständiger ambulanter Behandlung. "Wir fühlen uns hier gut aufgehoben", sagt Martina A. "Man ist nicht allein gelassen."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.05.2014

Katrin Tominski

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