Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Soziologe der TU Dresden: Beim Sexismus gibt es keine Grauzone

Soziologe der TU Dresden: Beim Sexismus gibt es keine Grauzone

Seitdem die Stern-Journalistin Laura Himmelreich über ihre nächtliche Begegnung mit dem FDP-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, Rainer Brüderle, geschrieben hat, diskutiert ganz Deutschland emotional über das Thema Sexismus.

Voriger Artikel
Insolvenzverfahren für Druckhaus Dresden eröffnet
Nächster Artikel
Leuchter aus Dresden für das "Haus der Archäologie" in Chemnitz

Wo hört normales Balzen auf, wo fängt Sexismus an? In plumper Form kann Anmache durchaus die Grenzen des Flirtens sprengen und verletzend sein.

Quelle: dpa

Wie weit darf ein Mann tatsächlich gehen? Wann hört "normales" Balzverhalten auf und fängt Sexismus an? Über diese und andere Fragen haben wir mit dem TU-Mikrosoziologen Professor Karl Lenz gesprochen.

DNN: Ist Brüderles Bemerkung, dass die Brüste der betroffenen Journalistin auch ein Dirndl ausfüllen könnten, bereits Sexismus oder kann man es ihm nicht vorwerfen, weil er als älteres Semester anders sozialisiert wurde, als das heute der Fall wäre?

Prof. Karl Lenz: Nach dem, was in der Presse berichtet wurde, kann man den ersten Teil der Frage nur mit einem klaren Ja beantworten. Diese Äußerungen sind sexistisch, ganz unabhängig davon ,wie alt ein Politiker ist.

Wie wird Sexismus definiert?

Von Sexismus wird immer dann gesprochen, wenn eine Frau auf ihr Geschlecht reduziert wird und alles andere, was sie sonst noch ist, tut, oder tun könnte, hinter dem bloßen Frausein zurücktritt.

Wo hört denn aber normales Balzverhalten auf, wo fängt Sexismus an?

Wenn unter dem, was Sie "normales Balzverhalten" nennen, Flirten gemeint ist, dann gibt es eine klare Trennungslinie. Beim Flirten wird immer auf die Reziprozität geachtet, bei jedem Blick auf den Gegenblick. Anders dagegen, wenn darunter bloße Anmache verstanden wird. Eine Anmache ist in Gefahr, rituelle Grenzen der anderen Person zu verletzen, und in plumper Form kann sie auch sexistisch sein.

Ist eine derartige Unterscheidung überhaupt möglich? Ist nicht jede Anbahnung einer Beziehung auch eine Grenzüberschreitung, die unterschiedlich interpretiert werden kann?

Zur kommunikativen Kompetenz gehört immer darauf zu achten, wie etwas ankommt. Bei sexistischen Äußerungen sind wir nicht in einer Grauzone, sondern diese sind Ausdruck einer hierarchischen - oder wie es vielfach auch formuliert wird - patriarchalen Geschlechterordnung. Diese Grenzverletzungen sind Teil dieser patriarchalen Geschlechterordnung, in der immer noch ein männliches Verfügungsrecht über Frauen festgeschrieben ist.

Ist die laufende Debatte eher ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Während sonst überall in der Gesellschaft Frauen auf dem Vormarsch sind und beispielsweise beim Medizinstudium vielerorts die Mehrheit der Studenten stellen, geht die Diskussion von einem antiquierten Rollenbild aus. Warum sind die Klischees von der schwachen Frau so nachhaltig?

Dass Frauen diese Grenzverletzungen thematisieren können, zeigt, dass diese überkommene Ordnung brüchig geworden ist. Vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten zu Gunsten der Frauen verbessert, allerdings sind die Ungleichheiten keineswegs verschwunden. Frauen verdienen bei gleicher Arbeits-zeit immer noch deutlich weniger Geld als Männer. In den Spitzenpositionen in Wirtschaft und Politik gibt es - trotz der Bundeskanzlerin - immer noch wenige Frauen.

Gibt es auch Sexismus gegenüber Männern? Wird dieser unterschätzt?

Im Prinzip könnte es auch Sexismus gegen Männer geben, aber die dominanten Formen des Sexismus sind immer in eine bestimmte Geschlechterordnung eingebettet. In einer Geschlechterordnung, die weiterhin deutlich erkennbare patriarchale Tendenzen aufweist, wendet sich der Sexismus gegen Frauen. Frauen als das weiterhin benachteiligte Geschlecht stehen primär in Gefahr auf ihr bloßes Geschlechtsein reduziert zu werden ohne dass ihre unabhängig davon vorhandenen Talente und Kompetenzen entsprechend gewürdigt werden.

Kann die Debatte nicht auch zur Verunsicherung von Männern führen, die einer Frau vielleicht wirklich gerne ein Kompliment machen möchten, aber in Zukunft Angst haben müssen, etwas Falsches zu sagen?

Zur kommunikativen Kompetenz von Männern sollte es gehören, zwischen Komplimenten und plumpen Annäherungen unterscheiden zu können. Wenn da jemand Unsicherheiten verspürt, kann man ihm nur zu einem Kommunikationstraining raten.

Brauchen wir also neben Frauenbeauftragten in Zukunft auch Männerbeauftragte, weil die Jungen und Männer zunehmend zu den Bildungsverlierern gehören und durch fehlende Rollenbilder, wie es sie früher einmal gab, nicht mehr wissen, wie sie sich gegenüber Frauen verhalten sollen?

Meine klare Antwort: Nein! Wichtig sind Gleichstellungsbeauftragte, die sich um beide Geschlechter kümmern. Dass Jungen in einem wachsenden Maße zu Bildungsverlierern werden, hat weniger mit Frauen, sondern vor allem mit dem zu tun, was für Jungen in diesem Alter als "cool" erscheint. Diese selbst gestellten Fallen gilt es zugunsten ihrer Zukunft aufzubrechen. Als "cool" sollte gelten zu lesen und zu lernen und nicht, sich den Anforderungen der Schule zu entziehen.

Entwickeln wir uns mit der aktuellen Debatte in Richtung einer politisch überkorrekten Gesellschaft wie in den USA, wo ein Vorgesetzter einer Angestellten nicht länger als drei Sekunden in die Augen blicken darf?

Nein, das sehe ich nicht. Das mutet mir eher als ein Argument von denen an, die - bildlich gesprochen - beim Klauen erwischt wurden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.02.2013

Stephan Hönigschmid

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.