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Sozialpädagoge warnt: Droge Crystal droht Jugendhilfesystem auszuhebeln

Sozialpädagoge warnt: Droge Crystal droht Jugendhilfesystem auszuhebeln

Die Synthetik-Droge "Crystal" droht, das Jugendhilfesystem auszuhebeln - das vermutet jedenfalls Sozialpädagoge Sven Lindner, der seit sieben Jahren in der Dresdner Drogenberatungsstelle Süchtigen unter die Arme greift.

"Es gibt immer mehr junge Familien, in denen Mutter wie Vater Crystal nehmen und die Kinder leiden dann darunter". Dies führt zu derart komplexen Problemen, dass oft selbst geschulte Erziehungshelfer kaum noch damit hinterherkommen, die familiären Knoten zu entwirren. Auch in steigenden Erziehungshilfe-Ausgaben der Stadt (DNN berichteten) macht sich Crystal bemerkbar.

Anna* ist 18 und lebenslustig. Als Teenager hat sie die milchtrüben Kristalle auf Parties kennengelernt. Seitdem nimmt sie Crystal, das wie ein Nachbrenner für den menschlichen Organismus wirkt, regelmäßig. Als sie schwanger wurde, setzte sie die Droge ab - doch als ihr kleiner Junge da war, waren die guten Vorsätze dahin. "Sie war total geschafft von der Arbeit und dann noch jeden Morgen früh aufzustehen, das Baby zu versorgen und all dies, das wuchs ihr über den Kopf", erinnert sich Drogenberater Lindner. "Da hat sie wieder Crystal genommen. ,Mit Crystal funktioniere ich', hat sie gesagt."

Doch so titanisch sich Anna nach ihrer Tagesdosis vorkam - langfristig wirkte die Droge verheerend. Ein Effekt ist Empathieverlust, die wachsende Unfähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen. "Man wird zum Arschloch", bringt es Lindner auf einen simplen Nenner. "Wenn ein Baby lächelt, wenn es Kontakt zur Mutter sucht, braucht es eine Antwort, verbal oder nonverbal, und dazu sind Crystal-Mütter irgendwann nicht mehr imstande." Sie lächeln vielleicht noch mechanisch zurück, finden aber keinen Draht mehr zum Kind.

So wie Anna suchen deshalb mehr und mehr Crystal-Süchtige Hilfe in der städtischen Drogenberatungsstelle, weil sie merken: So geht es einfach nicht mehr weiter. Über 100 waren es 2009, seitdem hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt. Und dies ist wohl nur die Spitze des Eisberges: Höchstens zehn Prozent der Süchtigen gehen tatsächlich in eine Beratungsstelle, schätzt Lindner. "Crystal ist da heimtückisch: Oft dauert es vier, fünf Jahre, bis die Leute merken: Hier läuft etwas total aus dem Ruder."

Und es sind keineswegs nur experimentierhungrige Jugendliche oder Menschen am Rande der Gesellschaft, die den "Muntermacher XXL" einwerfen: Vom Lehrling bis zum Anzugträger ist da alles dabei. "Zu uns kam zum Beispiel mal ein Unternehmenschef, der hatte von seinem Vater den Betrieb geerbt und dort 16 Stunden am Tag gerackert. Geschafft hat er das nur mit Crystal", erzählt Lindner. Fünf Jahre ging das so. Dann wurde das Gefühl drängend und drängender: Mein Leben geht den Bach runter. Freunde wandten sich von ihm ab, Verfolgungswahn stellte sich ein. "Als er zu mir herein kam, hat er erst mal den Akku aus seinem Handy rausgemacht - er war fest überzeugt, dass ihn dunkle Mächte abhören und überwachen."

Warum Crystal dennoch derart gefragt ist? Der Drogenberater kennt viele Argumente: "Crystal führt zu Appetitlosigkeit, die Pfunde purzeln - das macht das Zeug attraktiv für junge Frauen, die schlank sein wollen." Für entscheidender hält Lindner indes gesellschaftliche Trends: "Zu uns kommen Leute, die sind fest im ,System' verankert und dieses System fordert von ihnen ein Leben unter ständigem Leistungsdruck." Crystal sorge dafür, dass man dieses Pensum durchhalte. "Nur geht das eben nicht lange gut."

* Name geändert, Fall verfremdet

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2013

Heiko Weckbrodt

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