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Sozialkaufhaus Dresden: Arbeitslose helfen Armen

Sozialkaufhaus Dresden: Arbeitslose helfen Armen

Ein wenig muten die Sozialwerkstätten an der Könneritzstraße wie ein Jahrmarkt moralisch verschlissener Lebensabschnitt-Kostbarkeiten an: Der silberne Roboter, der von einem Stahlregal grimmigen Blickes auf die "Ein-Euro-Joberinnen" herabschaut, mag noch vor Kurzem eines Jungen liebster Kamerad gewesen sein, der trübe Kronleuchter einst Opas Schmuckstück.

An anderer Stelle türmen sich Festplatten-Berge, harrt ein zart-oranges Blumenmädchen-Kleid einer neuen Hochzeit. Dazwischen werkeln, basteln, waschen und bügeln Dutzende Ein-Euro-Jobber und Bürgerarbeiter, die all diese gespendeten Kleinode wieder in Schuss bringen und für die Armen dieser Stadt aufbereiten.

Klar sei auch Unnützes unter dem, was die Dresdner an Bedürftige spenden, räumt Betreuer Dietmar Konrad vom "Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerk" (SUFW) ein, das die Sozialwerkstätten im Februar von der defizitären Stadttochter QAD übernommen hatte. "Die Spender haben mit diesen Lampen, Möbeln, Spielzeugen und Kleidern jahrelang gelebt und sehen sie als wertvoll. Doch selbst die Ärmsten wollen halbwegs moderne Sachen haben." Aber, und das betont Conrad ausdrücklich: "Die allermeisten Sachen, die wir als Spenden bekommen, können wir verwenden und weitergeben."

Vorher freilich müssen sie geputzt und oft erst repariert werden. Andreas Stokloßa ist einer der 126 "Ein-Euro-Jobber" und drei Bürgerarbeiter, die sich darum kümmern: Sein Tisch in der Elektronikwerkstatt ist mit Radiorekordern, ausgemusterten Fernsehern und Videokassetten übersät - "da ist auch immer ein entzückender Anteil Heimatfilme dabei", tippt der 53-Jährige augenzwinkernd auf einen bunten Stapel. Fünf Stunden pro Tag testen er und seine Kollegen TV-Geräte, Radios, Lautsprecher, Videos und dergleichen - vorher geht keines der Stücke raus ins benachbarte Sozialkaufhaus, wo Bedürftige gegen Vorlage des Dresden-Passes dann gratis oder gegen ein kleines Entgelt zuschlagen können. "Eine abwechslungsreiche Arbeit - und allemal besser, als daheim rumzusitzen", meint der 53-Jährige.

Im Zimmer schräg gegenüber drehen sich zwei Waschmaschinen im Dauerbetrieb - zehn Stunden pro Tag. Hier waschen, mangeln, trocknen und ordnen einst langzeitarbeitslose Frauen alte Sakkos, Röcke, Socken und was sonst so aus den Kleiderschränken der Dresdner ausgemustert wird. Monika ist schon seit über vier Jahren an Bord. "Hier macht es Spaß zu arbeiten", sagt sie, während sie ein Tuch zusammenfaltet. "Und die Kollegen sind alle so nett."

Was auffällt, ist das Alter der "Ein-Euro-Jobber" in den Werkstätten: Kaum einer ist unter 30. Ob allzu viele von ihnen durch diese vom Jobcenter vermittelte "Arbeitsgelegenheiten" wirklich im Anschluss einen "echten" Job ergattern, mag man bezweifeln, wenngleich SUFW-Bereichsleiter Joachim Lux betont, dass man erst jüngst vier Leute in Arbeitsverhältnisse habe vermitteln können.

Doch im Fokus dieses Projekts steht wohl eher der soziale Zweck: Menschen eine Beschäftigung und einen strukturierten Tagesablauf zu offerieren, die vor der Wende jahrelang in einem VEB gerackert haben und an ein Leben in Arbeit gewöhnt sind - aber partout keinen Job mehr bekommen.

Indes ist all dies mehr als bloße Beschäftigungstherapie, sondern Hilfe für die Ärmsten dieser Stadt. Davon kann man sich überzeugen, wenn man aus den Werkstätten durch eine Tür hinüber ins Sozialkaufhaus wechselt. Manches mag dort wie Flohmarkt-Gerassel wirken, anderes aber wie neu. Eine Seniorin dreht und wendet gerade prüfend ein Kleid: Ist das Teil einen ganzen "Punkt" wert? Fünf solcher Punkte fürs Gratiseinkaufen stehen jedem der rund 22 000 Dresden-Pass-Inhaber pro Monat zu - da will überlegt sein, ob man die für zwei Geschirr-Services ausgibt oder lieber ein paar Klamotten. Schließlich findet das Kleid Wohlgefallen: Die Dame schnappt sich das Schnäppchen - die "Ein-Euro-Jobberinnen" wieder mal ganze Arbeit geleistet.

Etwa jeder zehnte Dresdner ist auf Stütze angewiesen, jeder Fünfte gilt wegen seines geringen Einkommens als armutsgefährdet. Für Konsumtaumel ist für diese Bedürftigen in der Vorweihnachtszeit kaum Platz - deshalb gibt es Einrichtungen wie das Sozialkaufhaus in der Altstadt, in dem sich rund 2300 Arme pro Monat kostenlos oder gegen ein kleines Entgelt mit Haushaltsutensilien, Kleidern oder kleinen Weihnachtsgeschenken für ihre Kinder eindecken. DNN-Redakteur Heiko Weckbrodt hat die Sozialwerkstätten nebenan besucht, in denen Ein-Euro-Jobber gespendete Sachen für die Armen aufpolieren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2012

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