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Shakespeare in Pop - Interview mit dem in Dresden lebenden Komponisten Hallam London

Shakespeare in Pop - Interview mit dem in Dresden lebenden Komponisten Hallam London

Im Jahr 1609 hat der englische Dichter William Shakespeare erstmals Sonette veröffentlicht. Interpretationen und Deutungen der Gedichte zogen sich durch die Jahrhunderte.

Auch als Vorlage für eigenständige Musikstücke dienen sie bis heute, gleich ob als Klassik, Folk, Blues, Metal oder Theaterinszenierung. Auch der in Dresden lebende Künstler Hallam London gehört jetzt zum Kreis der Schöpfer und Interpreten. Als Vorläufer einer geplanten Lang-CD ist soeben eine EP mit fünf Stücken erschienen, mit denen sich London als virtuoser Sänger, nuancenreicher Gitarrist und vor allem als wagemutiger Komponist entpuppt. Denn die Sonett-Adaptionen greifen auf sehr angenehme Weise nach klassischem Rock, ohne einen aufrechten Pop-Appeal zu leugnen. Hallam London studierte Jazzgesang an der Dresdner Musikhochschule, war Frontmann der von ihm gegründeten Band cosmofonics und spielte in freien experimentellen Projekten. Andreas Körner sprach mit ihm.

Frage: Hat Shakespeare Sie oder haben Sie den großen Dramatiker gefunden?

Hallam London: Ich habe Shakespeare gefunden. Nach langer Zeit, in der ich nichts Eigenes komponiert habe, suchte ich nach Texten. Ich selbst brauche einfach zu viel Zeit mit eigenen Texten und bin darin auch nicht besonders gut. Und wenn die Worte nicht gut sind, fehlen mir die musikalischen Ideen. In meinem Bücherschrank stehen nicht viele Lyrikbände, ich bin eigentlich kein Gedichteleser. Ich hatte nur zwei englische Gedichtbücher: eins von John Donn und 50 von 154 Shakespeare-Sonetten, gedruckt in zwei Sprachen. Vor Jahren gab es schon mal einen ersten Versuch von mir, da habe ich überhaupt keinen Zugang gefunden. Diesmal waren innerhalb von zwei Tagen zwei Lieder fertig.

Hat Sie die Originalsprache gereizt oder haben Sie eher die Bilder der Übersetzung angesprochen?

Es hat viel mit der Originalsprache zu tun, es geht ja auch um Sprachklang. Die Inhalte habe ich nicht immer vollständig verstanden, da war das Deutsche eine Hilfe, obwohl es natürlich sehr poetisch transportiert worden ist. Im Internet gibt es unzählige Seiten über die Sonette, über Interpretationen und Erklärungen. Die Seite www.shakespeares-sonnets.com ist ein richtiger Fundus. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was waren und sind Auswahlkriterien?

Ich habe mir zur besseren Auswahl das komplette Buch mit allen Sonetten zugelegt. Wichtig ist, dass die Vorlage singbar sein muss. Auch vom Inhalt her muss sie mich ansprechen.

Kann man die Themen der Sonette eingrenzen?

Grundsätzlich handeln sie alle von der Liebe. Etwa 20 drehen sich um die Schönheit der Menschen und der Aufforderung, sich fortzupflanzen, weil ihre Schönheit dann weiterlebt. Über 100 werden in der Regel so interpretiert, dass Shakespeare sie an einen Mann gerichtet hat, andere haben als Adresse eine "Dark Lady", wo das Feld der Spekulation nicht eben kleiner ist.

Haben Sie sich über den Reiz des Konterkarierens der Texte Gedanken gemacht? Oder anders gefragt: Gab es die Gefahr der reinen Illustration?

Weder noch. Ich denke nicht viel nach beim Schreiben, ich gehe nach Stimmungen. Und die kann sich schon mal komplett drehen. Ein Stück habe ich zunächst als sehr wütendes Sonett gesehen, nach Recherchen über den Inhalt hätte ich dieses Wütende nicht mehr hinbekommen. Zwei andere Stücke empfinde ich als sehr humorvoll, deshalb ist es mir noch nicht gelungen, etwas daraus zu machen. Meine Art ist eben eher die etwas melancholische und düstere.

Ältere Hörer werden die Songs sehr im britischen Progressive Rock verorten, an Peter Hammill etwa. Auch die von Singer/Songwritern gepflegte klassische englische Liedtradition dringt durch. War das wirklich eine Orientierung?

Nein, überhaupt nicht, obwohl ich natürlich auch Progressive Rock höre. Ich kenne mich da aber nicht wirklich aus. Mein Ansatz ist der, Popsongs zu schreiben, diese Form offensiv zu benutzen, aber gleichzeitig immer wieder von ihr wegzukommen, also nicht treu und brav einem Strophe-Refrain-Schema zu folgen. Es ist auch besonders spannend, die Dynamik eines Pop-Songs hinzubekommen, ohne dessen klassische Struktur zu verwenden.

Soll das Projekt ein solistisches bleiben oder in eine Band übergehen?

Da gab es einen Wandel. Begonnen habe ich traditionell allein zur Gitarre. Ich hatte einfach noch keine Aufnahmetechnik und keine Electronics. Das kam später erst. Im Moment plane ich, dass es als reines Sonett-Programm eine Mischung aus solo und Band werden soll. Ein starker Wunsch ist die Live-Präsentation in einem etwas größeren, vielleicht multikonzeptionellen Rahmen mit Tanz oder Film. Grundsätzlich sollen die Stücke in einem kleinen verrauchten Club genauso funktionieren wie in einem edlen Ambiente.

Oder auf der Straße - Gerade sind Sie aus England wiedergekommen. Mit welchen Erwartungen sind Sie dorthin gefahren? Welche haben sich erfüllt, welche nicht?

Ich wollte ja kein Geld verdienen, es ging mir darum, dass mein Name gesehen wird. Doch Straßenmusik als Werbung funktioniert für mein Projekt absolut nicht. Das habe ich allerdings auch bei anderen Straßenmusikern festgestellt. Es bleibt dort einfach keiner stehen, wenn man nicht besonders spektakulär oder laut ist. Selbst vor dem Theater in Stratford-upon-Avon, wo man ja eigentlich vor allem wegen Shakespeare hinfährt, hat es nichts gebracht.

Woher kam die Idee, zum jetzigen frühen Zeitpunkt zu fahren?

Ich wollte aus Deutschland raus und dorthin, wo Shakespeare allgegenwärtig ist, wo es in den Buchläden extra Shakespeare-Regale gibt. Ich wollte es einfach versuchen. Geklappt hat es bei den Open-Mic-Nights, also dort, wo eigentlich jeder auftreten kann, wenn er sich kurzfristig anmeldet. Dort, wo es gut gefüllt war, war die Resonanz gut. Auch die Gespräche danach.

Wurde Ihnen dabei von anderen, vielleicht ähnlich gearteten Shakespeare-Projekten erzählt?

In Brighton, ja. Die Band, um die es da ging, ist mir allerdings schon im Internet begegnet. Die nennen sich The Shakespeare Trio und verarbeiten seine Sonette mit Folk und Blues.

Die EP gibt es jetzt fast ausschließlich im Internet. Soll es die CD dann vor allem als physischen Tonträger geben?

Das möchte ich unbedingt. Irgendwann eine haptisch und optisch schöne Edition in den Händen zu halten, ist das Ziel. Es gibt immer noch genügend Menschen, die das schätzen.

"The Winter E.P. - Shakespeare's Sonnets" ist erhältlich unter www.hallamlondon.com sowie im Sweetwater Recordstore am Körnerplatz.

Übrigens: Seit dem 2. Oktober ist Hallam London auf der internationalen Web-Plattform myShakespeare vertreten. Dieses Internetportal ist eine Web-Präsenz der Royal Shakespeare Company und versucht zu ergünden, was Shakespeare noch heute bedeutet. Ihr Motto: Measuring Shakespeare's digital heartbeat. Das Portal ist Teil des World Shakespeare Festivals 2012.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2012

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